Mittwoch, 19. Dezember 2018
Lade Login-Box.

Die erste Ausstellung im Alf Lechner Museum nach dem Tod des Bildhauers zeigt seine frühen Bilder und seine späten Skulpturen

Zurück zu den Wurzeln

Ingolstadt
erstellt am 16.05.2017 um 19:37 Uhr
aktualisiert am 16.09.2017 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) "Anfang und kein Ende" lautet der Titel der ersten Ausstellung im Lechner Museum Ingolstadt nach dem Tod des Künstlers im Februar dieses Jahres. Vor allem mit der Veröffentlichung bisher nicht zur Schau gestellter Zeichnungen aus den Jahren 1945/46 erlaubt Kurator Daniel McLaughlin, Sohn des Verstorbenen, dem Besucher einen nicht nur neuen, sondern auch sehr persönlichen Einblick in das Werk seines Vaters. Die Zeichnungen treten in Dialog mit Lechners Skulpturengruppe "Würfelschnitte" aus dem Jahr 2014. Die großen Brüder der Kuben werden gleichzeitig im Skulpturenpark Obereichstätt gezeigt, der hierfür neu arrangiert wurde.
Textgröße
Drucken
Ingolstadt: Zurück zu den Wurzeln
Alf Lechner 2015 arbeitend in seinem Atelier. Der Künstler starb im Februar 2017 im Alter von 91 Jahren. - Foto: Alf Lechner Stiftung
Ingolstadt

Lechner ist bekannt für große monumentale Skulpturen aus Stahl. Es überrascht daher kaum, dass die neue Ausstellung mit Skulpturen eben dieser Gattung im Erdgeschoss aufwartet: Vier Würfelschnitte aus Stahl - jeder ist anders und doch sind sie verwandt. Sie sind das Ergebnis aus Teilung und Reorganisation, einem Prinzip, das Lechner sein künstlerisches Leben lang fesselte, und das er immer wieder verfolgte. Für die Serie der "Würfelschnitte" hatte der Künstler jeweils einen gleichschenkligen Kubus von 23 Tonnen zweimal geteilt und die entstandenen Elemente neu angeordnet. Das Prinzip klingt so einfach wie die Kompositionen wirken. Sie strahlen Ruhe aus. Unverrückbar in ihrer eigenen Ordnung, würdevoll und elegant. Die karge Architektur der ehemaligen Industriehalle lässt ihnen den nötigen Raum. Abgelenkt ist der Betrachter höchstens durch die eigenen Überlegungen, wie sich die einzelnen Teile denn nun wieder zu einem Ganzen fügen ließen. Doch viel interessanter ist die Betrachtung der Oberflächenstruktur: Wie ein eigenes Bild präsentieren sich die Seiten der Elemente. Keine gleicht der anderen, überall reagiert der Stahl anders auf seine Umwelt. Es wächst das Bedürfnis, das kalte Material anzufassen. Es ist, als würde der eigene Körper bei Berührung des Würfels geerdet.

Mit diesem Bild vor Augen betritt der Besucher nun das zweite Geschoss des Museums und erlebt prompt eine Überraschung: Rundum zieren kleinformatige Zeichnungen im klassischen Sinne der Landschaftsmalerei über die Hälfte der Ausstellungswände, darunter auch einige Aquarelle. Der Kontrast zu den kühnen, klaren Formen, die den Besucher noch im Erdgeschoss bestachen, könnte kaum größer sein. Spätestens jetzt beginnt die Auseinandersetzung mit der Kunst. Wer verstehen will, was hier passiert, muss die Fährte aufnehmen. Einen kleinen Vorteil hat, wer einen Einblick in Lechners Lebenslauf hat und weiß, dass er als 20-Jähriger zunächst gegenständlich malte. Aber das Vorwissen ist kein Muss. Es reicht, genau hinzusehen.

Einige Bilder sind beschriftet, eines davon heißt "Kriegsgefangenschaft". Sie zeigt sich in Gestalt eines anscheinend abgestorbenen Baumes, dessen Wipfel längst vertrocknet ist und dessen Zweige tot sind. Ein Mensch mit Krückstock? Ein umgekippter Schlitten liegt darunter. Unbrauchbar. Andere Bilder zeigen Studien verschiedener Pflanzen, ebenfalls als solche gekennzeichnet. Teils finden sich Anmerkungen wie "Luft dunkler als Eis" oder Zahlen in den Bildern. Die Vermutung, dass es sich hier um Zeichenstudien handelt, liegt nahe. Und tatsächlich stammen die meisten dieser Skizzen auch aus Lechners Lehrzeit beim Landschaftsmaler Alf Bachmann. Bei ihm, der in München im gleichen Haus wie Lechners Eltern lebte, lernte er schon während der Schulzeit, aber auch nach seiner Wiederkehr aus der Kriegsgefangenschaft.

Nun gibt es aber noch die andere Hälfte der chronologisch organisierten Ausstellung auf der zweiten Etage. Der Schwerpunkt liegt auf Zeichnungen zwischen 2000 und 2016. Die Formate werden im Laufe der Jahre sichtlich größer, erreichen im Jahr 2006 riesige Maße. Immer stärker leben die Zeichnungen vom schwarz-weiß Kontrast, immer reduzierter werden die Motive dargestellt. Schließlich ist der Strich das Motiv (Serie 2003). Die Veränderung der Zeichnungen über die Jahrzehnte offenbart sich am besten bei der Betrachtung der Werke aus Distanz.

Genau bei dieser Betrachtung fallen aber auch die frühen "Ausreißer" auf. Das Werk "Maiskraut im Schnee", das bereits 1946 entstand, ist dafür ein Beispiel: Die Pflanze gleicht einer Skulptur. Sie offenbart Lechners Talent, die Dinge zu reduzieren und zu abstrahieren. Lechner arbeitete dieses Talent heraus, befreite es mithilfe seiner Fertigkeiten und entwickelte daraus im Laufe der Zeit seinen eigenen Stil, der im Museum durch seine letzte realisierte Werkgruppe "Würfelschnitte" repräsentiert ist.

Genau diese Gruppe baut nun die Brücke zum Skulpturenpark in Obereichstätt, der neu arrangiert wurde. Hier wurden jüngst die größeren und damit schwereren Werke der "Würfelschnitte" aufgestellt. Ihr leuchtendes Rot verrät ihr jugendliches Alter. Noch setzen sie sich durch ihre Farbe von ihren älteren Kollegen ab. Obwohl es darum nicht geht. Denn auf dem Gelände des ehemaligen Eisenhüttenwerks - dem Schaffens- und Lebenssitz des Künstlers und seiner Frau Camilla seit 2001 - vor der imposanten Kulisse eines Steinbruchs fällt jede Spannung ab. In beinahe meditativer Atmosphäre ist der Besucher eingeladen zu einem Spaziergang. Die Skulpturen sind Teil eines Ganzen, das es zu entdecken gilt. Darunter auch das Papierhaus, in dem in diesem Jahr u. a. die wichtigsten Editionen Lechners aus den Jahren 1982 bis 2000 sowie Radierungen aus dem Jahr 1985 ausgestellt sind.

Das alles sind nur Ausschnitte aus Lechners Lebenswerk - die Ausstellungen sind eben nur ein "Anfang und kein Ende". Nüchtern betrachtet bezeichnet der Titel den Tatbestand, dass es noch zahlreiche Arbeiten Lechners gibt, die es sich zu zeigen lohnt. Der Tod ist nicht das Ende, sondern der Beginn einer neuen Auseinandersetzung mit seinem Werk. Gleichzeitig schimmert im ihm aber auch das aufrichtige Versprechen einer Familie, den Geist eines geliebten Menschen in seinen Werken weiterwirken zu lassen.

Die Ausstellung "Anfang und kein Ende" ist bis 17. September, Do bis So von 11 bis 18 Uhr, im Alf Lechner Museum zu sehen. Die nächste Kombi-Führung durch die Schau und den Skulpturenpark in Obereichstätt gibt es am 28. Mai.

Von Claudia Borgmann
Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!