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Alfred Lechner ist tot

Herr über den Stahl

Ingolstadt
erstellt am 26.02.2017 um 21:09 Uhr
aktualisiert am 29.06.2017 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Es ist knapp zwei Jahre her, da ließ sich Alf Lechner noch einmal richtig feiern. Zu seinem 90. Geburtstag waren Freunde und Laudatoren aus ganz Deutschland ins Alf Lechner Museum an der Esplanade geströmt, darunter der langjährige Leiter der Bayerischen Staatsgemäldesammlung, Johann Georg Prinz von Hohenzollern, und Armin Zweite, einst Direktor im Lenbachhaus und danach der Sammlung Brandhorst.
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Ingolstadt: Herr über den Stahl
Foto: DK
Ingolstadt

Man rühmte und lobte in hochkarätigen Ansprachen den international renommierten Jubilar - und der, ein wenig gebrechlich zwar geworden, aber mit hellem Blick, nahm zuletzt strahlend die Glückwünsche der im langen Gratulationsparcours stehenden prominenten Gäste entgegen. Wer es in Ingolstadt bis dahin wirklich noch nicht gemerkt hatte, was für ein Künstler, was für ein großer Mann da 15 Jahre zuvor mit seinem Museum und mit seinem Werk eingezogen war in die Stadt, der bekam es nun endgültig und atmosphärisch vor Augen geführt. Eine Bereicherung, so sagt auch Kulturreferent Gabriel Engert, war Alf Lechner für Ingolstadt und die Region. Am Samstagabend ist der große Stahlbildhauer, den man gern in einem Atemzug mit Richard Serra und Eduardo Chillida nennt, an seinem Wohn- und Arbeitsort in Obereichstätt gestorben.

Geboren wurde Lechner 1925 in München - "ein Urbayer", wie sein Freund Rupprecht Geiger formulierte, sein Leben lang. Und eine künstlerische Persönlichkeit, vital und ohne Angst, die sich nicht um Markt und Meinung scherte. "Am lautesten schreien doch immer die, die keine Ahnung haben", sagte er einmal gelassen im DK-Interview - und "geschrien" wurde immer. "Rostiges Glump!" zum Beispiel, weil viele von Lechners tonnenschweren Skulpturen, das große "Tau" etwa im Ingolstädter Klenzepark, oder die berückende Arbeit "Geborgenheit für Marieluise Fleißer" vor dem Neuen Schloss, ihre machtvollen Formen mit sanftem Braun bemänteln. "Rost" war auch das Gegenargument, als die erste Arbeit Lechners in Ingolstadt angekauft werden sollte. "Ich habe mein Leben lang gegen Rost gekämpft und nun das" lautete der legendäre Ausspruch eines Stadtrates, bevor das Projekt abgelehnt wurde. Und schließlich doch kam: Dank einer Spendenaktion und in Form der Ringskulptur, die heute vor dem Stadtmuseum steht. So kam Lechners Kontakt nach Ingolstadt zustande. Und er blieb. Auch wenn er nach dem Bau seines Museums, das im Februar 2000 an der Esplanade eröffnet wurde, dann doch seinen wundersamen Skulpturenpark mit Atelier- und Wohngebäude auf dem Gelände eines aufgelassenen Hüttenwerks in Obereichstätt baute.

Hier, auf 23 000 Quadratmetern, war und ist Platz für die raumgreifenden, dabei betörend ruhigen Arbeiten, für die er berühmt geworden ist - erstaunlicherweise wohl gemerkt. Denn Lechner begann mit Landschaftsbildern, gefördert schon als 15-Jähriger in München von einem Maler, und er blieb diesem Genre lange treu. Das von den Eltern gewünschte Architekturstudium nahm er nicht auf, absolvierte stattdessen eine Schlosserlehre, arbeitete danach als Grafiker und Industriedesigner - und landete in den 50er-Jahren den großen Coup: Die Erfindung der ersten Kaltlichtlampe für Zahnarztpraxen sicherte ihm langfristig die Existenz als freier Künstler. Auch das ist eine Geschichte, die viel über Alf Lechner erzählt: über seine Neugier, seinen innovativen Verstand. Und über das unstreitbar vorhandene Tüftler-Gen. Wer Lechners Werk kennt, die austarierten geometrischen Formen, die von Feuer gefärbten und zerklüfteten poetischen Stahlhäute späterer Jahre, der weiß, dass kaum einer sein Material und seine Möglichkeiten so experimentell und unbeirrt erforschte wie er. Er kannte es in jedem Schmelzpunkt, in jedem Gramm seines Gewichts, in jeder seiner ihm innewohnenden Farben. Für ihn war "Stahl das zuverlässigste Material", wie er unserer Zeitung sagte, ein Freund mit immerwährendem Potenzial.

Den Freund entdeckt hat Lechner freilich spät. Erst 1961 entstanden die ersten Stahlskulpturen, mit denen er aber sofort erfolgreich war. Spätestens seit er 1973 vor der Alten Pinakothek in München die Arbeit "Zueinander" aufstellte, folgte Ausstellung auf Ausstellung, Auszeichnung auf Ehrung. Heute sind Lechners Skulpturen nicht nur in den Sammlungen des Frankfurter Städel präsent oder in der Bayerischen Staatsgemäldesammlung, sondern vor allem allüberall im öffentlichen Raum, auf Wiesen und Flughäfen, in Parks und vor Schlössern. Unverkennbar. Mächtig. Und so schwer im Material wie leicht in ihrer Wirkung.

Ingolstadt hat Glück gehabt mit diesem Mann, dessen Werk und Museum "Weltläufigkeit", wie Kulturreferent Engert es nennt, ins Stadtbild brachte. Wie Lechner selbst Glück hatte mit seiner Frau Camilla. Seit Jahrzehnten stand die Buchbindemeisterin an seiner Seite, katalogisierte seine Arbeiten, managte ihn, war - "ihre Meinung ist mir sehr wichtig" - sein erstes Publikum. "Wo ist Camilla", fragte er denn auch an seinem 90. Geburtstag, als es dann doch zu viel zu werden drohte, und streckte dankbar die Hand aus, als sie kam. Nun sein Tod: Was für ein Verlust für Camilla Lechner. Für Ingolstadt. Für die Kunst.
 

Von Karin Derstroff
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