Donnerstag, 13. Dezember 2018
Lade Login-Box.

Das Klavierduo Naughton verzauberte das Publikum im Ingolstädter Theaterfestsaal

Wie ein Wesen mit vier Händen

Ingolstadt
erstellt am 17.04.2013 um 19:58 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 14:42 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Zwillinge sind staunenerregend. Die Ähnlichkeit der Gesichtszüge, der Bewegungen, der Sprache – ein Wunder der Natur. Fast noch verblüffender ist es, wenn Zwillinge Klavier spielen. Der Eindruck vom Gleichmaß der Körper wird hier noch übertroffen von der Einheitlichkeit der Emotionen, des künstlerischen Ausdrucks.
Textgröße
Drucken
Ingolstadt: Wie ein Wesen mit vier Händen
Wunder der Melodik: Christine und Michelle Naughton spielen für den Konzertverein Ingolstadt - Foto: Schaffer
Ingolstadt
Die Zwillingsschwestern Christina und Michelle Naughton sorgten also bereits durch ihre pure Anwesenheit für Aufmerksamkeit beim Konzert des Ingolstädter Konzertvereins im Theaterfestsaal. Als sie allerdings zu spielen begannen, herrschte nur noch Verwunderung. Man würde am liebsten von roboterhafter Perfektion schreiben. Aber die Anspielung auf Maschinenhaftigkeit verbietet sich, denn die Naughtons musizieren (durchweg auswendig) mit größter Hingabe, extremstem Ausdruckswillen, hochmusikalisch. Wahrhaft beseeltes Klavierspiel wurde hier geboten, scheinbar von einem einzigen märchenhaften Wesen mit vier Armen.

Die Zwillinge leiteten ihr Konzert mit Felix Mendelssohn Bartholdys „Andante und acht Variationen“ op. 83a ein. Eine gute Wahl, denn wie vielleicht bei keinem anderen Werk an diesem Abend konnte das Duo hier seine Stärken ausspielen. Wunderbar, wie die beiden nahtlos Melodien übernehmen können, wie intelligent und nuanciert sie phrasieren im übermütigen Allegro. Wie jeder Ton, jeder musikalische Gedanke mit größter Liebenswürdigkeit gestaltet wird.

Aber das ist noch nicht alles. Denn die 24-jährigen Schwestern verfügen über einen ungewöhnlich individuellen Anschlag, eine sehr persönliche Art des Klavierspiels. So betörend, so klangschön etwa hat man die Steinways des Konzertvereins wahrscheinlich noch nie hören können wie an diesem denkwürdigen Abend. Die Naughtons scheinen die schwarz-weißen Tasten eher zu streicheln als anzuschlagen, so warm und singend strömte die Musik in den Festsaal. Dabei wagten die beiden größte dynamische Differenzierungen, kein Ton klang wie der andere, jede Wendung hatte ihre eigene Farbe. Charakteristisch für die beiden ist allerdings ihr Sinn für Melodik. Nicht die Struktur der Werke interessiert sie vorrangig, nicht die Durchhörbarkeit der Linienführung ist ihnen besonders wichtig, sondern allein ihre Sangbarkeit.

In ihrem Drang zur puren Tonschönheit kommen die Naughtons dann allerdings auch manchmal an ihre Grenzen, etwa beim zweiten Beitrag des Abends. Franz Schuberts Stück „Lebensstürme“ fehlte in ihrer Interpretation gerade die Wildheit, die Härte, auf die der Titel des Werkes anspielt. Schubert setzt hier auftrumpfende akkordische Brutalität und Sehnsucht nach Idylle spannungsvoll gegeneinander. Die Naughtons blieben dabei allzu abgeklärt und verbindlich.

Aber der Schubert war das einzige Werk des Abends mit winzigen interpretatorischen Einschränkungen. Schon William Bolcoms (Jahrgang 1938) „Recuerdos“, ein amüsantes Werk voller Anspielungen auf amerikanische und lateinamerikanische Volksmusik, bewältigten die Zwillinge mit höchster Eleganz. Noch eindrucksvoller gelang Wolfgang Amadeus Mozarts D-Dur-Sonate KV 448, ein im höchsten Maße konzertantes Werk voller Imitationen und Spiegelungen der Motive. Ein Stück wie geschaffen für die Naugh-ton-Schwestern. Die spielten sich die musikalischen Bälle zu, beantworteten schwelgerische Melodik mit grellem Witz. Und natürlich musizierten auch hier die Schwestern so perfekt, dass sogar die Triller synchron perlten.

Zum Abschluss des Konzerts dann noch ein Virtuosenreißer: die Suite Nr. 2 von Sergei Rachmaninow. Allerdings trumpften auch hier die Zwillinge (die über eine vorzügliche Technik verfügen) niemals mit oberflächlichen Effekten auf, sondern konzentrierten sich darauf, die Melodien zu entwickeln und einen möglichst wohligen Sound zu erzeugen. Donnernde Akkordgewalt ist ihnen dagegen völlig fremd. Begeisterter Beifall des Publikums für diesen Höhepunkt der Konzertsaison. Die Künstlerinnen bedankten sich mit zwei Zugaben, unter anderem einer rasanten Darstellung der Paganini-Variationen von Witold Lutoslawski.

Von Jesko Schulze-Reimpell
Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!