Dienstag, 18. September 2018
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Thomas Trolldenier ist ein packender Lied-Erzähler In Ingolstadt gewann er den Musikförderungspreis des Konzertvereins

Trunkene Grenadiere, schroffe Liebeserklärungen

Ingolstadt
erstellt am 18.10.2017 um 19:48 Uhr
aktualisiert am 16.02.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Künstlerisches Niveau hat auch etwas mit dem Alter zu tun: Die Aussage ist eigentlich trivial. Bei Sängern allerdings hat sie eine besondere Bedeutung. Bei einem jungen Instrumentalisten etwa kann man davon ausgehen, dass er nach längerem Unterricht die Flöte, die Violine oder das Klavier allmählich immer besser beherrscht.
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Ingolstadt: Trunkene Grenadiere, schroffe Liebeserklärungen
Fulminanter Liedgestalter: Thomas Trolldenier singt im Ingolstädter Festsaal. - Foto: Schaffer
Ingolstadt

Auch ein Sänger wird über die Jahre immer souveräner bestimmte Partien bewältigen. Aber es geht hier um noch mehr. Denn die Stimme selbst verändert sich, im Alter zwischen 20 und 30 Jahren wird sie kräftiger, substanzvoller, lauter, bekommt metallische Durchschlagskraft.

Beim Wettbewerb des Konzertvereins, beim "Konzert für junge Künstler" war es daher vielleicht gar nicht so erstaunlich, dass gerade der älteste Künstler am Ende den von Elin und Wilhelm Reissmüller gestifteten Musikförderungspreis erhielt. Thomas Trolldenier ist Jahrgang 1987. Bedauerlich ist, dass im Programmheft nichts über das doch so bedeutsame Alter der Sänger zu erfahren war.

Der Hinweis auf das Alter von Thomas Trolldenier sollte allerdings keinesfalls seine Leistung kleinreden. Im Gegenteil: Der gebürtige Würzburger ist ein wirklich fulminanter Liedgestalter, mitreißend, intelligent, hoch emotional. Und das alles hat nicht nur etwas mit seinem schönen Stimmmaterial zu tun. So war sich die Jury (besetzt mit Agnes Preis von der Staatsoper München, dem Eichstätter Domkapellmeister Christian Heiß und Andreas Burkhart vom Münchner Rundfunkchor) von Anfang an einig über die Preisentscheidung.

Wie außergewöhnlich Trolldenier singt, zeigte allein schon die Gestaltung von Robert Schumanns Lied "Die beiden Grenadiere". In jedem Ton schien der Würzburger die Stimmung der Grenadiere packend darzustellen: die leise Niedergeschlagenheit in der Gefangenschaft, der aufbrausende Trotz, das fast schon lächerliche übersteigerte Pathos, wenn es um den Kaiser geht. Und ganz am Ende ließ Trolldenier den dröhnenden Heroismus geradezu ins Piano in sich zusammenfallen und entlarvte damit die Überspanntheit der Situation. Trolldenier gestaltete das so extrem, so perfekt textverständlich, mit so vielen vokalen Nuancen, dass man ihn fast schon in eine Reihe stellen möchte mit einigen der Sängerlegenden wie etwa Christian Gerhaher oder Daniel Behle. Ein so hohes Niveau erreichen beim Wettbewerbskonzert des Konzertvereins die Künstler sonst so gut wie nie. Zugute kommt Trolldenier, dass er nicht nur über die Kraftreserven verfügt, ein wirklich fantastisches Forte zu singen, sondern dass er auch die Möglichkeiten besitzt, den vokalen Fluss fast beliebig zu variieren, etwa praktisch ohne Vibrato zu singen - zum Beispiel bei Johannes Brahms' Lied "Wir müssen uns trennen". Nahezu jedes Lied, das Trolldenier vortrug, war im höchsten Maße eindrucksvoll, ob im Französischen von Francis Poulenc oder der hoch ironische, fast stotternde Sprechgesang von Moritz Eggerts "Liebeserklärung".

Augenzwinkernd, hintersinnig zu singen vermochte auch die Sopranistin Samantha Gaul, die an diesem Abend den Publikumspreis errang. So glich ihr Vortrag von Aribert Reimanns Kinderliedern fast schon einer Performance. Kein Zweifel, auch Gaul ist mit ihrem leichten, sehr flüssigen Sopran, der großen Strahlkraft ihrer Höhen eine herausragende Liedsängerin. Allerdings erreichte ihre Ausdruckskraft, ihre vokale Flexibilität niemals diejenige von Trolldenier.

Und auch Manuel Adt liegt der Liedgesang. Die Interpretation etwa von Hugo Wolfs "Der Feuerreiter" war fulminant. Aber Adts Stimme ist noch nicht so gereift, so durchschlagend wie die der beiden Konkurrenten. Sein emotionaler Einsatz ist vielleicht auch etwas geringer.

So bleibt der Eindruck zurück, drei hochbegabte Liedsänger kennengelernt zu haben. Und natürlich auch gute Klavierbegleiter, von denen ebenfalls einer alle anderen überstrahlte: Wonny Park, der mit Samantha Gaul auftrat, überwältigte mit seinem anpassungsfähigen, detailverliebten und raffinierten Spiel. Schade, dass es keinen Preis für Liedbegleiter in diesem Wettbewerb gibt.

Von Jesko Schulze-Reimpell
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