Donnerstag, 21. Juni 2018
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Die Jazztage enden mit einem Gottesdienst

Swing, Rock, Bach

Ingolstadt
erstellt am 13.11.2017 um 19:21 Uhr
aktualisiert am 13.03.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) "Jeder weiß, die Würfel sind gezinkt. Jeder weiß, der Krieg ist vorbei. Jeder weiß, die Guten haben verloren", heißt es in Leonhard Cohens Lied "Everybody Knows" von 1988. Kann ein solches Lied in einem Gottesdienst erklingen, in dem gerade noch vom Vertrauen in Gott gesprochen wurde und von der Zusage von Gottes Nähe?
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Am Sonntag bewegten sich in der evangelischen Kirche St. Matthäus in Ingolstadt Dekan Thomas Schwarz, das Duo Batter my Soul (Schlagzeuger Tom Diewok und Organist Gerhard Schmidt) gemeinsam mit Sängerin Olivia Wendt in dieser Spannung. Sie verbanden Paul Gerhards gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges geschriebenes Lied "Nun danket all und bringet Ehr" mit dem Gospel "Elijah Rock", das Mahalia Jackson Anfang der 1960er-Jahre so eindrücklich sang, auch mit Johann Sebastian Bachs Kantate "Wohl mir, dass ich Jesum habe" von 1723.

Das, was sonst als eine Predigt im Mittelpunkt steht, teilte Dekan Schwarz in zwei Ansprachen. Da war zunächst die Bestandsaufnahme des Heute als einer "Zeit der Ungewissheiten", in der Ungewissheit als "die wohl stabilste Gewissheit" erscheine. Schwarz lehnte sich an Jürgen Habermas' Analyse von 1986 an. Darin hatte der Soziologe und Philosoph tiefgreifende kulturelle Veränderungen durch die Internationalisierung der Wirtschaftsbeziehungen und die Digitalisierung der Arbeitswelt vorausgesagt, die es heute tatsächlich zu bewältigen gibt.

In der Ansprache 2, "Ethische und Moralische Wegweisungen", verwies Schwarz auf Matthäus 5, 13-16 ("Ihr seid das Salz der Erde. . ."), wonach sich Christen einmischen, ihre Werte und Haltungen einbringen sollen zum Wohl der Gemeinschaft und jedes Einzelnen. Und dafür sei Jesus auch heute noch das unbedingte Vorbild ("Er ist kein Wendehals, hat sich nicht angepasst.").

Altes und Neues, Beständigkeit in Variation nahmen die Musiker und Sängerin Olivia Wendt auf. Gab es zum Eingang swingende Orgelklänge, erfüllte Wendt wenig später den Kirchenraum mit dem sehr rau interpretierten Cohen-Song. Ihre bittere Anklage von einer Welt, in der sich wohl nichts ändert, in der "Old Black Joe" immer noch die Baumwolle für den Schmuck und die Schleifen der Reichen pflückt, wurde perfekt begleitet von Schlagzeug und Orgel.

Fast ein Lehrstück, wie Jazz entsteht, bot die Bach-Kantate. Die setzte klassisch getragen durch die Orgel ein, Wendt brillierte mit weicher Singstimme. Schlagwerk und Orgel leiteten langsam in jazzige Rhythmen über, in die Wendt mit melodischem Jazz-Rap einstimmte. Spontaner Applaus brandete schließlich bei ihrem "Elijah Rock"auf. Hier entlud sich ihre Technik zwischen Opernstimme und entfesselter Jazzerin mit Tendenz zur Rockröhre. Das eingespielte Trio, das sich in allen Partien gegenseitig trug, wurde mit Standing Ovations für diesen hochspannenden 11. Jazzgottesdienst belohnt.

Von Barbara Fröhlich
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