Montag, 19. November 2018
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Wolfgang Krebs legt mit "Können Sie Bayern" eine grandiose, schonungslos kritische Landeskunde vor

So läuft’s im Freistaat

Ingolstadt
erstellt am 06.02.2014 um 20:56 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 14:43 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) 100 Prozent Zustimmung erreicht Edmund Stoiber an diesem Abend der 30. Kabaretttage Ingolstadt in der ausverkauften Eventhalle am Westpark. Also mehr als jene phänomenalen 60,7 Prozent seiner letzten Wahl, „dem höchsten Ergebnis bei Wahlen außerhalb von Diktaturen“, wie Wolfgang Krebs in seiner Paraderolle als ehemaliger, nein: heimlicher Ministerpräsident erzählt.
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Ingolstadt: So läuft’s im Freistaat
Mit Seehofer-Puppe: Wolfgang Krebs als Angela Merkel - Foto: bfr
Ingolstadt

Sogar Putin habe damals angerufen und gefragt: „Du auch“

Zweieinhalb Stunden lang hält Krebs sein Publikum am Lachen. Einem Lachen, das befreit. Messerscharf und schonungslos bis böse ist die Analyse der politischen Akteure, die Krebs mit angeblichen Versprechern, Wortverdrehungen und -neuschöpfungen, in atemberaubendem Tempo parodiert: Als „Seeadler“ Horst Seehofer, wirft er sich fürs Foto in Positur, als Günther Beckstein, „die Fünf-Minuten-Terrine der bayerischen Ministerpräsidenten“, nimmt er bescheiden auf einem Stuhl Platz, um ein angeblich von diesem geschriebenes Gedicht vorzutragen – in anrührender Opferhaltung. Was kann man als Protestant und Franke angesichts der oberbayerischen Platzhirsche auch schon werden im Freistaat!

Dazu gehören die Typen an der CSU-Basis. Sie komplettieren die Sitten und Verflechtungen, in die die Nichtbayern mit dem neuen Krebs-Programm „Können Sie Bayern“ eingeführt werden, damit sie den „Bayern-TÜV“ bestehen, ihre Plakette für die Aufenthaltsgenehmigung erwerben oder erhalten. Schorsch Scheberl ist einer der Typen: Der ist mit Grundstücksverkäufen zu Geld gekommen und hat bar jeglicher Zweifel das Gelände einer ehemaligen Fabrik lieber zum Neubaugebiet gemacht, anstatt es an Ikea zu verkaufen. Schließlich passen chemische Hinterlassenschaften besser zu Reihenhäusern als zum Schaukelpferd im Einkaufszentrum. . . In seiner Trauerrede auf einen Zuagroasten, der vom Traktor eines Einheimischen überrollt wurde, erklärt er, warum keine Strafanzeige gestellt wird. Ein Anruf bei der Staatsanwaltschaft genügt, denn „Filz gehört vom Gewebe her zur selben Familie wie Loden“ – und ist etwas Urbayerisches.

Waldemarie Wammerl – Krebs im orangefarbenen Dirndl – weiß als Sekretärin im Maximilianeum alles über Affären und hält es ebenso: „Warum soll ich auf den Richtigen warten, wenn es mit dem Falschen auch ganz lustig ist“ Der schwäbelnde Meggy Montana mit seinem Mitklatsch-Hit komplettiert das Panoptikum und die „Vielfalt Bayerns“. In jede Rolle schlüpft Krebs perfekt und urkomisch.

Am besten ist er, wenn er auf das Polit-Personal zielt. Als Markus Söder rechnet er einen Mann im Publikum arm – und den Freistaat reich. Die Verwandten-Affäre erklärt er als Stoiber so, dass damit vermieden werde, von attraktiven Damen im Dienst verführt zu werden („Bei zweien hat das aber nichts verhindert.“) und tritt noch als Angela Merkel auf.

Doch nicht nur die Union ist dran: Schließlich muss man sich fragen, wieso trotz allem – HypoAlpeAdria, Gustl Mollath-Fall sind weitere Stichworte – 48 Prozent bei den Landtagswahlen für die CSU stimmten. Was bieten also die anderen Parteien? Einen Hubert Aiwanger, dessen Dialekt nur „auf dem Hof gesprochen wird, wo er herkommt“. Einen Parteivorsitzenden von Bündnis90/Die Grünen, den niemand kennt („Was soll man auch von einer Partei halten, deren Mitgliederzahl im Namen steht“). Wichtig bei den Kommunalwahlen sei, den Namen seines Abgeordneten zu kennen, zu wissen, „wo er wohnt, wenn Sie Probleme mit Behörden haben.“

Gehörig aufpassen muss man, um keinen Seitenhieb zu verpassen. In den Wortkaskaden sitzt jedes Wort, jeder Versprecher hat Hintersinn. Zudem passt Krebs sein Programm tagesaktuell an. Grandios!

Von Barbara Fröhlich
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