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Raphaela Gromes begeistert mit Friedrich Guldas Cellokonzert beim Konzertverein Ingolstadt

Schöne Stilbrüche

Ingolstadt
erstellt am 20.01.2017 um 18:28 Uhr
aktualisiert am 23.05.2017 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Selten prallen Licht und Schatten, künstlerische Höhenflüge und mattes Mittelmaß so unvermittelt aufeinander wie beim Gastspiel des Bläserensembles der Württembergischen Philharmonie Reutlingen beim Konzertverein im Ingolstädter Festsaal. Die Kluft zwischen den beiden Programmteilen wurde allein schon durch den Beifall des Publikums überdeutlich.
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Ingolstadt: Schöne Stilbrüche
Teuflische Schwierigkeiten mit Bravour gemeistert: Raphaela Gromes im Festsaal. - Foto: Schaffer
Ingolstadt

Bis zur Pause spielten die Reutlinger Bläser ohne Solistin. Der abschließende Applaus war so schläfrig, dass es dem Dirigenten Felix Hauswirth nicht einmal gelang, seine Musiker vor dem vollständigen Abebben der Beifallsbekundungen noch rechtzeitig von der Bühne zu holen.

Immerhin war es für den dramaturgischen Aufbau des Abends die richtige Entscheidung, die Solistin des Abends, die erst 25-jährige Raphaela Gromes, erst zum Konzertende zu präsentieren. Zumal sie das Cellokonzert von Friedrich Gulda im Reisegepäck hatte, und dieses unkonventionelle Virtuosen-Stück ist im Konzertsaal eigentlich immer eine sichere Bank.

Der spröde Start des Konzerts hat vielleicht ein wenig mit der Auswahl des Repertoires zu tun, viel mehr aber mit dem Ensemble. Eröffnet wurde der Abend mit dem "Notturno" von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Tatsächlich zählt das Werk des 15-Jährigen nicht zu dessen Meisterwerken. Dazu ist es zu konventionell geraten. Das Reutlinger Bläserensemble machte auf den ersten Blick alles richtig. Das Stück wirkte gut geprobt, die Einsätze kamen korrekt, die Intonation stimmte weitgehend. Aber es fehlte am Wesentlichen: an Kreativität, an Originalität, an interpretatorischem Feuer. Die Musiker verrichteten ihren Abenddienst, ohne dass es ihnen je gelang, dem zweisätzigen Werk einen besonderen Zauber zu verleihen. Selbst solistische Passagen der Oboe oder der Klarinette klangen dröge und uninspiriert.

Nicht viel anders kam Antonin Dvoraks "Serenade" op. 44 daher. Das zauberhafte Stück verarbeitet elegant verschiedene Stilmerkmale der Klassik und des Barock, verbunden mit böhmischer Melodik. Eigentlich ist das ein urkomisches, vor Ironie berstendes Stück Musik - wenn man es denn so spielen würde. Unter dem Dirigat von Hauswirth wurden die schelmischen Sätze allerdings weitgehend temperamentlos exekutiert. Ein Jammer.

Ironie und Komik waren erst nach der Pause zu vernehmen. Und das Problem des Abends wurde mit einer kleinen Drehung am Lautstärkeregler des Gitarrenverstärkers, den die Solistin einzusetzen hatte, effektiv beseitigt. Denn Raphaela Gromes Cellotöne drangen so vollmundig intensiv in den Saal, dass das Blasorchester, ja selbst das Schlagzeug weit in den Hintergrund verdrängt waren.

Guldas Konzert aus dem Jahr 1981, das er für den kürzlich verstorbenen Heinrich Schiff komponierte, ist letztlich ein Dokument brutaler Geschmacklosigkeit. Wild reiht der geniale Pianist und Jazzmusiker (1930-2000) die unterschiedlichsten Genres und Stile aneinander - lauter Musik, die irgendwie Spaß macht. Das beginnt mit ungestümem Jazzrock, geht abrupt weiter mit einer Idylle voller alpenländlicher Volkstümlichkeit. Eingebettet sind Ländler, die an Schubert und Schumann erinnern. Dann eine modernistische "Cadenza", ein barockhöfisches Menuett und ein "Finale alla marcia", das wie ein Vorgriff auf LaBrassBanda wirkt, weil es österreichische Blaskapellenmusik mit einem Schuss lateinamerikanischer Melodik verschmelzt. Das ganze Stück ist ein Witz. Aber ein hinreißend komponierter.

Gromes war die genau passende Virtuosin für diese Musik. Was immer sie spielte, sie tat es verschmitzt lächelnd, jedes musikalische Klischee präsentierte sie mit fast schon übertriebenem Elan, als wollte sie augenzwinkernd auf den latenten Irrsinn dieser Noten hinweisen. Sie musizierte das so hinreißend pfiffig, so virtuos, so in jeder Regung überdeutlich, dass man aus dem Staunen kaum herauskam. Dabei schlug Gromes einen durchaus etwas weicheren, südländischeren Tonfall an als Heinrich Schiff damals.

Und das Orchester? Nun, die etwas im Hintergrund agierenden Musiker konnten dem Temperament der jungen Cellistin wenig entgegensetzen und ließen es immer wieder an Reaktionsschnelligkeit, Wendigkeit und Prägnanz vermissen. Auch hier: ein spaßiger Konflikt zwischen hölzerner Mittelmäßigkeit und kunstvoller Leidenschaftlichkeit. Jubel des Publikums am Ende für die junge Raphaela Gromes wie nach einem Rockkonzert.

Von Jesko Schulze-Reimpell
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