Dienstag, 17. Juli 2018
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„Quizoola!“ in der Neuen Welt - ein theatrales Frage- und-Antwortspiel

Sag die Wahrheit

Ingolstadt
erstellt am 14.01.2018 um 10:12 Uhr
aktualisiert am 16.05.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) „Warum bist du hergekommen?“ „Weil es hier freie Getränke gibt.“ „Deshalb bin ich auch gekommen.“ Das Publikum lacht. Natürlich gibt es auch Geplänkel. Gerade am Anfang, wenn sich alle erst reinfinden müssen in dieses Stück, das gar kein Stück ist, sondern eher eine Versuchsanordnung. Denn „Quizoola!“ besteht nur aus Fragen. Fragen, die belanglos sein können, die Wissen prüfen, die philosophischer Natur sind, emotional oder skurril.
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Ingolstadt: Lauter Fragen, keine Antworten
Das nächste Downtown-Projekt des Stadttheaters findet in der Kleinkunstbühne Neue Welt statt: "Quizoola!" hatte am Samstagabend mit fünf Schauspielern Premiere. Foto: Kügel, Olah
Ingolstadt

Ein bisschen „Trivial Pursuit“, ein bisschen Psycho-Test, ein bisschen „FAZ“-Fragebogen. „Wer hat uns 1967 gesagt, dass wir Blumen im Haar tragen sollen?“ „Hast du je eine Flaschenpost ins Meer geworfen?“ „Wer schrieb ,Das Kapital’?“ „Was ist besser – Nylon oder Polyester?“ „Wie würdest du einem Kind Krieg erklären?“ „Warum gibt es zwölf Geschworene – und nicht 13?“ Gut 1000 solcher Fragen hat Tim Etchells, Kopf der innovativen britischen Performance-Truppe „Forced Entertainment“ in „Quizoola!“ versammelt. Antworten gibt er nicht. Die müssen die Spieler finden. Live. Spontan. Auf der Bühne.

 

Ingolstadt: Sag die Wahrheit
Ein Experiment: Sascha Römisch und Teresa Trauth (vorne) sowie Enrico Spohn, Jan Gebauer und Maik Rogge in "Quizoola!". - Foto: Weinretter
Ingolstadt

„Ein Experiment“ nennt Chefdramaturg und Regisseur Donald Berkenhoff deshalb auch dieses Downtown-Projekt des Stadttheaters Ingolstadt, das am Samstagabend in der Neuen Welt stattfindet. Ein theaterferner Ort sollte es auf sein. Tim Etchells favorisierte sogar unterirdische, enge, kleine Räume – wegen der „intimen und zugleich unheimlichen Atmosphäre“. Denn eigentlich weiß man nicht so sehr, womit man es hier zu tun hat. Ist es eine Talkshow? Eine öffentliche Beichte? Ein Verhör? Ein Schauspielerduell? Geht es um die fantasievollsten Improvisationen oder darum, die Lügner zu entlarven? Steht der Witz im Vordergrund oder der Tiefgang? Geht es ums Spiel oder die kreativste Performance? Um das perfekte Timing oder nichts als die Wahrheit?

In Ingolstadt entscheidet man sich für einen Frager, dem Sascha Römisch im schwarzen Hemd mit roter Krawatte Seriosität verleiht, und vier Spieler: Enrico Spohn, Teresa Trauth, Maik Rogge und Jan Gebauer. Jeder der vier wird etwa 25 Minuten befragt. Und jeder wählt eine andere Strategie. Wenn auch meist unter dem Motto: Lieber unterhaltsam geflunkert, als langweilig aufrichtig sein. Die Bühnensituation: Fünf Kneipenstühle. Vorn der Frager und der Antwortgeber. In zweiter Reihe die restlichen Kandidaten. Es sind Schauspieler – und jeder inszeniert sich selbst. Enrico Spohn präsentiert sich äußerst schlagfertig und schalkhaft. „Warum muss eine Geschichte ein Ende haben?“ „Um Platz zu schaffen für Neues!“

Teresa Trauth betört mit bizarren Details ihrer Bruderschaft zum Ritter des blauen Steins, mit Dämonen-Intermezzi und findigen Repliken. „Was wäre beim Versteckspielen ein gutes Versteck?“ „Eine Whiskey-Flasche – wenn du ein Flaschengeist bist!“ Maik Rogge verstrickt sich höchst originell im Lügengeflecht aus Wattenmeerpflanzen, seinem Faible für halbschwarz und seinem Architekten-Juristen-Arzt-Vater. „Nenne vier Dinge, die du verloren hast!“ „Ich hab mal meinen Verstand verloren.“ „Damit erübrigen sich die anderen drei!“ Nur Jan Gebauer scheint beharrlich bei der Wahrheit zu bleiben. Ist dabei eloquent und geistreich, aber auch empfindsam und tiefgründig („Was ist Liebe?“ „Liebe ist vergessen zu fordern!“) und bisweilen voll des Zorns des Gerechten. Er versucht als einziger, den Frager zu verunsichern. Und damit auch das Publikum. Sascha Römisch seinerseits nimmt seine Rolle sehr ernst. Fragt, fragt nach, macht bedeutungsvolle Pausen, stimmt zu, schwächt ab, kommentiert, insistiert, bringt den Befragten in Bedrängnis. Das ist genauso Teil des Spiels wie das Ringen in Echtzeit um glaubwürdige oder mehrdeutige Antworten.

Ein Experiment? Ein reizvolles! Natürlich gibt es alberne Entgegnungen und längliche Längen, aber auch viele komische, erfinderische, denkwürdige Antworten. Und die Fragen bieten sowieso jede Menge Stoff zum eigenen Nachdenken. Gut, dass es in Tim Etchells’ „Quizoola!“-Katalog noch ausreichend Fragen für eine zweite Spielrunde gibt!

Von Anja Witzke
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