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Das umjubelte Konzert des Gürzenich-Kammerorchesters und des Cellisten Bonian Tian beim Konzertverein Ingolstadt

Paradiesische Klänge

Ingolstadt
erstellt am 06.05.2016 um 20:23 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 14:46 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Gute Orchester haben eine eigene Farbe, einen unverwechselbaren Charakter. Sie klingen rau und wild wie das berühmteste Originalklang-Ensemble der Welt, Il Giardino Armonico, oder sachlich kühl und brillant wie das Württembergische Kammerorchester Heilbronn, das kürzlich ebenfalls beim Konzertverein gastierte.
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Ingolstadt: Paradiesische Klänge
Musikalische Partnerschaft: Konzertmeister Torsten Janicke (links) und Solocellist Bonian Tian spielen sich die Motive zu. - Foto: Schaffer
Ingolstadt

Oder spielfreudig, feurig wie das Georgische Kammerorchester. Oder noch einmal ganz anders, wie das Gürzenich-Kammerorchester, das vom Konzertverein eingeladen wurde und jetzt im Ingolstädter Festsaal spielte.

Selten kann man ein Kammerorchester hören, das einen so ausgeglichenen, homogenen und zugleich warm-vibrierenden Klang erzeugen kann wie die Musiker aus Köln. Fast ist es so, als wären hier alle Ecken und Kanten wegpoliert, als wären selbst die immer etwas harschen Tonansätze eliminiert worden. Das Spiel der rund 20 Musiker wirkt so samtig weich, so paradiesisch sanft, als wäre es nicht von dieser Welt.

Mozarts A-Dur-Sinfonie KV 201 dringt so wie ein warm leuchtender Traum in den Festsaal. Aber sollte man das Frühwerk wirklich so deuten? Immerhin handelt es sich hier noch um Musik der Sturm-und-Drang-Phase in Mozarts Schaffen.

Vor allem bietet die A-Dur-Sinfonie viel mehr als nur samtigen Klang. Bereits im ersten Satz spielen sich kleine Dramen ab: Theaterhaft werden Motive von der ersten Violine eingeführt, dann von den anderen Stimmen imitiert. Echoeffekte, heftige Forte-Ausbrüche, ironische Brechungen wechseln sich ab. Im Schlusssatz wird Spannung erzeugt durch wilde Steigerungen, die plötzlich in Generalpausen gipfeln. In der Weichzeichner-Ästhetik des Gürzenich-Kammerorchesters klang das alles ein wenig zu glatt, so als wenn eine zerklüftete Gebirgslandschaft zu einem lieblichen, sonnenbeschienenen Arkadien eingeebnet wurde. Dazu kam, dass das Orchester vom Konzertmeister Torsten Janicke geleitet wurde. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er die Sinfonie von der ersten Geigenstimme aus dachte. Die kontrapunktischen Verästelungen der zweiten Geigen, der Celli waren nur undeutlich im Hintergrund wahrnehmbar. Das alles änderte jedoch nichts daran, dass die Kölner auf sehr hohem Niveau musizierten.

Vielleicht passt zu ihrem Musizierstil die romantische Literatur einfach besser als die Wiener Klassik. Denn zum Ausklang des Konzertes hatten die Kölner eine Orchesterfassung von Peter Tschaikowskys Streichsextett "Souvenir de Florence" aufs Programm gesetzt. Plötzlich musizierten die verschiedenen Orchesterstimmen viel gleichberechtigter und kammermusikalischer miteinander. Der süffige Tonfall des Orchesters passte hervorragend zur hochromantischen Musik. Und die Soli des Konzertmeisters und der Stimmführer waren stimmig und wohlig in das Pizzicato der Tutti-Streicher eingebettet. Im Schlusssatz gelang den Kölner ungemein druckvolles Musizieren, zielgerichtet auf den Schluss zu. Das spürbar mitgerissene Publikum applaudierte begeistert.

Noch mehr Beifall allerdings gab es bereits vorher für den Auftritt des Solocellisten Bonian Tian beim C-Dur-Cellokonzert von Joseph Haydn. Der Stimmführer im Gürzenich-Orchester integrierte sich einerseits bestens in das warme Klanggefüge seines Orchesters ein, andererseits vermochte er immer wieder seinen Solopassagen durch ein spezielles Vibrato, ein hingehauchtes Pianissimo einen individuellen Anstrich zu verleihen. Sein Spiel war eine gelungene Synthese zwischen schwärmerisch singendem Ton und fast barock sprudelnder musikalischer Eloquenz.

Tian ist einfach ein Musiker, der mit strahlender Miene vor dem Orchester sitzt und allein durch seinen musikalischen Tiefsinn und seine klangliche Finesse mitreißen kann. Seine hoch sensible Zugabe der Bourree aus Bachs 3. Cellosuite wird einem noch lange in den Ohren bleiben.

Von Jesko Schulze-Reimpell
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