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Schlagzeugerin Vivi Vassileva gibt mit ihrem Ensemble ein fulminantes Konzert in Ingolstadt

Lauter Lieblingsstücke

Ingolstadt
erstellt am 12.01.2018 um 19:52 Uhr
aktualisiert am 15.05.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Bei der Zugabe stand auf einmal nicht ein Quintett auf der Bühne des Ingolstädter Festsaals, sondern ein Sextett. Das Ensemble der Schlagzeugerin Vivi Vassileva hatte überraschend Zuwachs bekommen: Max, zehn Jahre alt und Schüler der Perkussionistin Sandra-Isabel Knobloch, hatte sich mit den Musikern in der Pause unterhalten und sich nun mit einer Rassel in der Hand zu den fünf Musikern hinzugesellt.
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Ingolstadt: Lauter Lieblingsstücke
Meisterin der leisen Töne: Vivi Vassileva gastierte beim Konzertverein Ingolstadt. - Foto: Schaffer
Ingolstadt

Das fetzige Stück von Chick Corea klang nicht unbedingt dramatisch anders mit einem sechsten Bandmitglied - aber das war vielleicht auch nicht entscheidend. Wichtiger war der Eindruck: Vivi Vassileva ist jugendlich-spontan, eine Stimmungskanone, sie weiß, wie sie das Publikum mitreißen kann.

Die 23-jährige Schlagzeugerin hat sich verändert, seit sie 2013 den Musikförderungspreis des Konzertvereins in Ingolstadt gewonnen hat. Sie ist souveräner, selbstbewusster, attraktiver geworden. Sie weiß, dass mehr dazugehört, eine grandiose Perkussionistin zu sein, als einfach nur gut zu spielen. Sie vermag mit dem Publikum zu flirten, auf die feinen Schwingungen der Zustimmung, der Begeisterung, des Zweifels, die aus dem Saal auf die Bühne wehen, zu reagieren. Und sie weiß natürlich, welche Werke wirklich gut funktionieren.

Immer wieder greift sie zum Mikrofon und betont, dass sie "lauter Lieblingsstücke" nach Ingolstadt mitgebracht hat. Das sind keine robusten Virtuosenwerke und auch keine sperrigen Musikexperimente. Sondern süffige, melodiöse, swingende, manchmal sogar recht gefällige Kompositionen. Vivi Vassileva wollte offenbar weniger als viele ihrer männlichen Kollegen durch sportive Energie auffallen als vielmehr durch die Schönheit der Stücke. Dazu hatte sie fast durchweg Werke ausgewählt, die in den letzten Jahren und teilweise sogar von ihr selbst komponiert wurden. Eine Ausnahme waren die "Vier Jahreszeiten" von Astor Piazzolla (1921-1992), das einzige Werk, das bereits den Status eines Klassikers hat.

Ein grandioses Werk, das Vivi Vassileva im Festsaal in einer sehr ungewöhnlichen Version für Marimba und Gitarre vortrug. Die fulminante Musik ließ die junge Künstlerin zur Hochform auflaufen. Gerade die langsamen Sätze gelangen wunderbar, atemberaubend, kaum beschreibbar. Kann man auf einem Schlaginstrument hauchen? Kann man Töne streicheln, kann man sie singen und anschwellen lassen? Nein, natürlich nicht. Und doch. Vivi Vassileva beherrscht die Macht der Suggestion, sie vermag die Töne atmen zu lassen, sie traurig und rauchig klingen zu lassen, als wäre das Vibrafon ein Melodieinstrument. Das war philharmonische Zauberei, man hörte Töne, die niemals hätten entstehen können.

Leider allerdings ist die Kunst der Vivi Vassileva so raumverdrängerisch, dass sie andere Musiker kaum zum Zuge kommen lässt. Und ein Übriges tat die Aussteuerung des Lautsprechers. Der eigentlich hervorragende Gitarrist Lucas Campara Diniz hatte darunter zu leiden, dass seine edlen Töne oft untergingen unter den prallen Klängen des Vibrafons.

Auch in den Werken für große Besetzung war die Hofer Schlagzeugerin immer ganz und gar der Star, der sich solistisch nach vorne drängte und den vier hervorragenden anderen Musikern (Maruan Sakas, Klavier, Thomas Ganzenmüller, Kontrabass, Manuel Piefke, Drum Set, Daniel Martinez, Percussion) nur wenig Entfaltungsraum bot. Aber warum auch nicht. Vivi Vassileva ist eine verblüffende Solistin. Und die Musik, die sie spielt, ist beeindruckend: Etwa das Stück "Piper Misturado" (Gemischter Pfeffer), das sie zusammen mit dem Gitarristen Lucas Campara Diniz geschrieben hat und das folkloristische Themen aus Bulgarien und Lateinamerika ziemlich jazzig miteinander kombiniert: eine schwungvolle Integrationsleistung. Wie überhaupt fast alle Werke an diesem Abend irgendwie im stilistischen Grenzgebiet zwischen Klassik, Jazz und Volksmusik angesiedelt sind. Das trifft auch auf Eric Sammuts Konzert für Vibrafon zu, "Sailing for Phil", dessen effektvoller Schlusssatz wie ein Ragtime daherkommt. Oder Vassilevas "Kalino Mome", das auf bulgarischer Vokalmusik beruht. Anders ist es mit der virtuosen Studie "Asventuras" (Abenteuer) des Musikförderungspreisträgers des Jahres 2006, Alexej Gerassimez, ein viel gespielter Hit. Vivi Vassileva gestaltet das Stück für kleine Trommel ungewöhnlich, nicht so virtuos, nicht so kühl wie andere. Dafür ungemein sprechend, expressiv, voller Humor und verblüffender Klanglichkeit. Ein echtes Erlebnis. Mit einer wirklich großen Künstlerin.

Von Jesko Schulze-Reimpell
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