Dienstag, 16. Oktober 2018
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Ab morgen ist die preisgekrönte Tanzproduktion "Bacon" von Nanine Linning zu Gast im Ingolstädter Stadttheater

Kraftvoll bis unter die Haut

Ingolstadt
erstellt am 11.10.2018 um 22:06 Uhr
aktualisiert am 11.10.2018 um 22:08 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Ihre multidisziplinären Produktionen gelten als extrem bildgewaltig und körperlich - und dass Nanine Linning (41, kleines Foto) sich dafür immer wieder Inspiration in der bildenden Kunst holt, liegt nahe. Nach erfolgreichen Jahren als Chefin der Dance Companys Osnabrück und Heidelberg ist die Niederländerin nun zu neuen Ufern aufgebrochen und verantwortet das Tanzprogramm der Festspiele Ludwigshafen 2018 und 2019. Im Frühjahr 2019 wird sie auch eine Choreografie für das Stuttgarter Ballett im Rahmen des 100-jährigen Gründungsjubiläums des Bauhauses Weimar vorstellen. Die neu begründete und nach ihr benannte Dance Company Nanine Linning pflegt derweil das große und vielfach preisgekrönte Repertoire. Derzeit kooperiert die Künstlerin mit der sechzigminütigen Produktion "Bacon" aus dem Jahr 2005 in einer neu erarbeiteten Fassung mit dem Ingolstädter Stadttheater. Der DONAUKURIER sprach mit der Choreografin und Tänzerin.
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Verdrehte Körper, deformierte Gesichter: Friedlich ist das Werk Francis Bacons (1905?1992) nicht. Nanine Linnings Choreografie erzählt von Künstler und Werk.
Verdrehte Körper, deformierte Gesichter: Friedlich ist das Werk Francis Bacons (1905-1992) nicht. Nanine Linnings Choreografie erzählt von Künstler und Werk.
Kuikkaniemi/Dance Company Nanine Linning
Ingolstadt
Frau Linning, nach vielen Jahren am Stadttheater sind Sie jetzt mit einer eigenen Compagnie am Start - ein großer Schritt, wie fühlt sich das an?
Nanine Linning: Es ist ein großer Schritt, denn so eine Compagniegründung passiert nicht oft in Deutschland, aber andererseits ist es eben auch sehr spannend, denn ich kann so mit vielen neuen Künstlern kooperieren und bin deutlich mehr international unterwegs. Wir haben viele Gastspiele vereinbart für dieses und nächstes Jahr und das ist wirklich sehr anders als im Stadttheater, wo man in einen Repertoirebetrieb eingebunden ist.


Was hat Sie dazu gebracht, den sicheren Hafen zu verlassen?
Linning: Ganz einfach der Wunsch, künstlerisch neue Wege zu gehen, neue Formate und auch Orte zu entdecken, so kann ich auch mal im Bereich Film oder Museum arbeiten. Ich kann meine eigene Compagnie einfach flexibler disponieren, und ich bekomme auch selbst frischen Wind, wenn ich mit anderen Häusern arbeite. Das ist wichtig für mich, meine Kunst braucht Wandel.

Sie haben mit "Bacon", das hier zu sehen sein wird, eine preisgekrönte Produktion wieder hervorgeholt, die Sie vor 13 Jahren choreografiert haben. Ihr Werk ist ein multimediales Crossover, in der Medienwelt hat sich viel getan - haben Sie viel ändern müssen?
Linning: Ich habe einen sechsten Tänzer eingefügt, so musste ich schon dafür die Choreografie ergänzen, und dabei habe ich auch gleich eine psychologische Ergänzung gemacht, denn ich habe ja auch selbst 13 Jahre mehr Lebenserfahrung. Aber wir haben auch neue Videos und neues Lichtdesign, weil man immer die Technologie umarmen muss, die kann inzwischen einfach viel mehr und wir haben da nicht nur ein schärferes Bild, sondern auch künstlerisch neue Bilder gefunden. Die Musik ist unverändert mitreißend.


Bei Bacon hat man die Assoziation Blut, Hässlichkeit und Gewalt - bei Ihnen ist die Auffassung der Körperlichkeit eher clean, sicher kraftvoll und energetisch, aber nie brutal. Hat das mit Ihren individuellen Künstlerbiografien und der Entstehungszeit der Arbeiten zu tun?
Linning: Ich hab diese Brutalität und Rohheit in die Choreografie gefasst, aber da muss für mich kein Blut fließen. Diese anekdotische Seite über Bacon wollte ich nicht bedienen, ich wollte die Psychologie einfließen lassen, aber auch die Biografie. Sie wissen, dass sich der langjährige Partner des Malers auf der Toilette umgebracht hat. Auch bei mir gibt es diese Situation, diese Isolation und Aggressivität. Die Themen von Macht und Dominanz übereinander habe ich als psychologische Linie ins Stück eingebaut, natürlich auch die sexuelle Komponente. Aber das ist nicht so plakativ, eher eine assoziative Reise für das Publikum. Ich wollte nie Bacons Arbeiten kopieren, sondern meine eigenen Analogien finden.

Wie sind Sie auf den Maler gekommen und was hat Sie an seinen Bildern inspiriert?
Linning: Mich hat sein Leben genauso interessiert wie seine Arbeit, auf die ich klassisch in einer Ausstellung gestoßen bin, die mich damals total getroffen hat. Ich habe mich eingelesen und auch aus seinem Leben gelernt, habe mich gefragt: "Wie kann für mich die Beziehung zwischen Leben und meiner Kunst sein?" Obwohl wir so zivilisiert sind, sind wir immer noch Raubtiere und haben ein Reptiliengehirn. Das fasziniert mich. Dass zivilisierte Leute plündern wie Tiere, Rohheit immer noch in uns steckt, das habe ich bei der Entstehung der Arbeit sehr klar im Balkankrieg gesehen. Das war damals aktuell und hat mich schockiert. Unsere Instinkte haben eine primitive Seite, das will ich auf die Bühne bringen. So arbeiten die Körper der Tänzer sehr animalisch, sie springen, machen Attacken, sind spannungsgeladen.

Mich beeindrucken bei Ihren Arbeiten besonders diese brutal, aber völlig schmerzfrei wirkenden Interaktionen der Tänzer, wenn sie sich verknoten, wegdrücken oder kopfüber von der Bühne hängen - haben Sie selbst die Choreografie schon mitgetanzt? Und wo liegen die Knackpunkte?
Linning: Wichtig ist, dass wir zwar schmerzhafte Figuren auf die Bühne bringen, aber eine klare Grenze ziehen: Die Tänzer dürfen keinen Schmerz dabei empfinden. Wir haben das endlos geübt, zum Beispiel das lange Kopfüberhängen, was ja eine wichtige Assoziation mit toten Tieren, Opfern bietet. Diese Situation haben wir minutenweise geprobt und immer weiter verlängert. Als ich das Stück kreiert habe, habe ich auch mitgetanzt, daher weiß ich auch, was ich tue, wenn ich Tänzer kopfüber hänge. Dafür haben wir eigene Techniken aus dem Yoga heraus weiterentwickelt. Ich arbeite gerne mit kräftigen und kreativen Körpern, die mir Widerstände bieten müssen. Ich brauche sozusagen Muskulatur-Gegenstände, die nicht schwebend oder leicht zu bewegen sind. Diese Arbeit kostet Kraft, und das muss man auch sehen.

Wie entsteht die Musik zu Ihren Arbeiten, was ist zuerst da - die Choreografie oder Musik?
Linning: Wir haben bei der Uraufführung parallel gearbeitet, während ich choreografiert habe, hat Jacob ter Veldhuis komponiert, hat immer wieder 20- bis-30-Sekunden-Teile vorgeschlagen, und ich habe dann entschieden, welche musikalische Momente wir weiterentwickeln können. Zusammengebracht haben wir das Ganze erst ein paar Wochen vor der Premiere. Daher ist eine korrespondierende Spannung zwischen Musik und Tanz.

Wie viele Tänzer umfasst Ihre Compagnie?
Linning: Die Größe der Compagnie ist projektabhängig - in der Regel zehn bis 15 Tänzer. Bei "Bacon" arbeite ich mit einem kleineren Ensemble von sechs Tänzern.


Was sollen die Zuschauer mitnehmen in Ingolstadt?
Linning: Einfach die Offenheit, das Stück so anzuschauen, wie ich es kreiert hat, das geht auch, wenn man den Maler nicht kennt. Es ist so ein pures Geschehen, obwohl es so viele spektakuläre Momente hat. Für mich ist es ein Lieblingsstück.

Die Fragen stellte Sabine Busch-Frank.

Zu den Vorstellungen im Großen Haus an diesem Wochenende, 13. und 14. Oktober, gibt es Einführungen (30 Minuten vor Beginn) und Nachgespräche (direkt im Anschluss) mit Nanine Linning. Weitere Termine sind am 27. und 28. Oktober. Telefon (0841) 30547200.
Sabine Busch-Frank
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