Montag, 18. Juni 2018
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Fantasie an die Macht!

Ingolstadt
erstellt am 08.03.2018 um 12:00 Uhr
aktualisiert am 12.03.2018 um 07:19 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Das Jahr 1968 brachte alte Strukturen und Denkformen ins Wanken. Studenten demonstrierten massenhaft gegen die bestehenden Verhältnisse und träumten von einer Revolution. 50 Jahre ist das her. Was ist übriggeblieben von den Ideen, den Forderungen, dem Protest? Mit „Fantasie an die Macht“, dem großen Leitspruch der 68er-Bewegung, hat Intendant Knut Weber den Spielplan 2018/19 des Stadttheaters Ingolstadt überschrieben. „Das Motto hat nichts an Aktualität verloren“, findet er.
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L’imagination au pouvoir“, prangte an den Wänden der Sorbonne. Der Mai 1968 in Paris war der Kulminationspunkt der weltweiten Jugend- und Studentenunruhen. Studenten und Arbeiter verbündeten sich, ein Generalstreik legte fast die gesamte Republik lahm. Frankreich befand sich im Ausnahmezustand. Für Jean-Paul Sartre ein epochales Ereignis: „Die Fantasie war an die Macht gekommen.“ Das Jahr 1968 stellt in mehrerlei Hinsicht einen Bruch in der Geschichte der westlichen Welt da: Rebellen, Hippies, Straßenkämpfer, außerparlamentarische Opposition, linksgerichtete Bürgerrechtsbewegungen. 50 Jahre ist das her. Zeit, sich zu fragen, was von den Ideen übrig geblieben ist. „Wir leben aber in einer anderen Zeit. Deshalb muss das Motto ,Fantasie an die Macht‘ heute mit anderen Inhalten gefüllt werden“, sagt Ingolstadts Intendant Knut Weber.
 
15 Jahre alt war Knut Weber 1968, sein Chefdramaturg Donald Berkenhoff zwei Jahre älter. Beide erinnern sich noch gut an die Zeit. Weber an die Schweigeminute im Sportunterricht während des Schah-Besuchs in Deutschland, Berkenhoff an die Festnahme nach einer Demonstration in Frankfurt. „Das hat natürlich Spuren hinterlassen. Der Kampf gegen den Mief, der damals überall zu spüren war, war wichtig geworden. Das hat bei mir schon zu einer Politisierung geführt“, sagt Weber. Geblieben ist „ein widerständiges Moment, ein Bewusstsein dafür, was praktisch gelebte Demokratie bedeutet.“
 
Und so ist der neue Spielplan eine logische Konsequenz aus dem aktuellen. Heißt es derzeit „Wir sind das Volk!“, so geht es nächste Spielzeit auf die Barrikaden. Am Beginn steht mit Georg Büchners „Leonce und Lena“ von 1836 genau das Stück, „das dieses Thema im Herzen trägt“, erklärt Weber: Die Flucht aus einer automatisierten und mechanisierten Gesellschaft, vor einer arrangierten Hochzeit, aus der existenziellen Langeweile in ein vermeintlich fantasievolles Italien. „Und die Rückkehr in das Räderwerk.“ Denn in der Anonymität der Fremde treffen die rebellischen Königskinder aufeinander - und verlieben sich. Sie scheinen gefangen in ihren Rollen.
 
Ein weiteres Kernstück des neuen Spielplan ist „Antigone“ von Sophokles. Nach dem Krieg zwischen Eteokles und Polyneikes hat Kreon den Thron von Theben besetzt und ein Gesetz erlassen, das die Beerdigung der Leiche Polyneikes bei Todesstrafe verbietet. Unbeeindruckt davon bestattet Antigone den Bruder. Durch diesen Akt zivilen Ungehorsams stellt sie sich gegen das geltende Recht. „,Antigone‘ kann man auch lesen als eine Aufforderung, die starren Strukturen der Macht zu überdenken“, sagt Weber. Die „poetische Antwort“ auf dieses Thema sieht er in Roland Schimmelpfennigs Stück „Die Arabische Nacht“, wo Geschichten aus Tausendundeiner Nacht auf die graue Realität einer Mietskaserne treffen.
 
Das Spielplanthema spiegelt sich aber in vielen Stücken wider. Etwa in Hans Falladas Kleine-Leute-Epos „Kleiner Mann - was nun?“. 1932 veröffentlicht, traf der Roman genau den Nerv der Zeit. Mitten in der Wirtschaftskrise erzählt er vom Kampf eines jungen Ehepaares ums finanzielle Überleben. Um Kapitalismus-, Konsum- und Kulturkritik geht es auch in Michel Houellebecqs 1994 erschienenen Roman „Ausweitung der Kampfzone“. Der Liederabend „Achtundsechzig“ trägt das Spielzeitmotto bereits im Titel. Tobias Hofmanns verfolgt die Spuren einer „bewegten“ Generation.  

Bonfire wieder mit von der Partie

 Und dann gibt es da noch Siegfried, dessen Weg zum Helden Chefdramaturg Donald Berkenhoff in einem eigenen Stück nachzeichnet. „Dieser Siegfried ist jemand, von dem nicht genau geklärt ist, wo er herkommt und der sich selbst erfindet. Also so was wie der erste deutsche Karrierist. Der sehr hoch steigt und auch sehr tief fällt“, erklärt Berkenhoff. Natürlich ist das gesamte Personal der Nibelungen-Saga mit dabei. Die Musik stammt von der Ingolstädter Hardrockband Bonfire, die schon 2008 an gleicher Stelle die Live-Musik für die „Räuber“-Inszenierung ablieferte. „Es wird noch eine Ecke härter“, sagt Hans Ziller, der gerade an den Songs arbeitet. „Ich finde, dieser mythische Stoff passt gut zu Rock.“ Noch ein zweites Projekt ist mit Bonfire im Januar 2019 geplant: eine ganz spezielle „Winterreise“ durch das Altmühltal mit dem Bonfire-Zug. Bei diesem Downtown-Projekt gestalten die Musiker und das Theaterensemble für das Publikum eine spezielle Fahrt nach den Motiven des Gedichtzyklus’ von Wilhelm Müller.
 
Ein weiteres Downtown-Projekt findet in einer Kneipe statt: „Träumer“ bezieht sich auf Volker Weidermanns gleichnamiges Buch, das von jenem kurzen Jahr der Anarchie 1918/19 erzählt, als nach dem Ersten Weltkrieg Dichter und Traumtänzer die Münchner Räterepublik errichteten. Und im Sommer führt „Der Hauptmann von Köpenick“ im Turm Baur den bürokratischen Staatsapparat vor. Carl Zuckmayers Märchen vom arbeitslosen Schuhmacher Wilhelm Voigt, der als falscher Hauptmann in das Rathaus von Köpenick einzieht, basiert auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 1906 und wurde in den 50er Jahren mit Heinz Rühmann in der Titelrolle verfilmt.
 
Auch das Junge Theater plant spannende Produktionen. Den Auftakt macht Mia Constantine mit einer Projektentwicklung über Carolin Emckes Text „Gegen den Hass“. „Emckes Essay ist das Buch der Stunde“, meint Julia Mayr, Leiterin der Kinder- und Jugendsparte. „Man kann gar nicht oft genug die Stimme gegen Intoleranz und gegen den Hass erheben. Es ist erschreckend, wie verbreitet Rassismus und Fremdenhass wieder geworden ist. Dagegen muss man sich beständig und immer wieder stellen. Das möchten wir mit diesem Projekt tun.“
 
Mit „Was heißt hier Liebe?“ hat Mayr ein Stück von 1976 auf den Spielplan gesetzt. Denn: „Liebe und das erste Mal sind schon immer und immer noch zentrale Themen für junge Zuschauer“, erklärt die Regisseurin. Aufklärung im Theater? „Auf jeden Fall, vor allem wenn’s so witzig und sinnlich zugeht.“ Schon länger in Planung ist „Jump“, eine Auftragsarbeit der jungen iranischen Autorin Reihaneh Youzbashi Dizaji. Das Stück richtet sich bewusst an Mittelschulen und erzählt von einem klassischen „Problemschüler“, so Mayr. „Jemandem mit anderem kulturellen Backround, der sich entwurzelt und zwischen konkurrierenden Rollenbildern und Identitäten hin und hergeschubst fühlt, der nach seinem Platz sucht.“ Aber die Geschichte erzählt auch von Mut, von Stärke und davon, zu sich selbst zustehen.
 
Sibylle Bergs Namen würde man eher im Abendspielplan vermuten, aber „Mein ziemlich seltsamer Freund“ richtet sich an Kinder ab acht Jahren - und ist nicht nur ein Märchen über Mut und Mobbing, sondern auch „eine Ode an die Fantasie“. Was perfekt zum Spielzeitthema passt. Und: Nach vier Jahren wird es wieder eine Kinderoper geben: Knut Weber bringt das zauberhafte Bilderbuch „Irgendwie anders“ von Kathryn Cave und Chris Riddell auf die Bühne - mit Musik von Nina Wurman. Die Geschichte erzählt in anrührenden Bildern vom Anderssein, vom Dasein als Außenseiter, von Werten wie Toleranz und Freundschaft und von der Kraft der Fantasie.
 

Der Spielplan des Stadttheaters Ingolstadt 2018/2019

 
GROSSES HAUS
  • Leonce und Lena, Lustspiel von Georg Büchner, Regie: Christoph Mehler (Premiere: 29. September)
  • Frau Luna, Operette von Paul Lincke, Regie und Musikalische Leitung: Tobias Hofmann (Premiere: 20. Oktober)
  • Frohes Fest, Schwarze Komödie von Anthony Neilson, Regie: Jochen Schölch (Premiere: 29. November)
  • Kleiner Mann – was nun? Nach dem Roman von Hans Fallada, Regie: Brit Bartkowiak (Premiere: 1. Februar 2019)
  • Antigone, Tragödie von Sophokles, Regie: Kathrin Mädler (Premiere: 22. Februar 2019)
  • Siegfried – Der Weg des Helden mit Musik von Bonfire, Text und Regie: Donald Berkenhoff, Musikalische Leitung: Hans Ziller (Uraufführung: 29. März 2019)
  • Die Arabische Nacht von Roland Schimmelpfennig, Regie: Caroline Stolz (Premiere: 4. Mai 2019)

KLEINES HAUS 
  • Gras drüber – Raising Martha, Komödie von David Spicer, Regie: Sebastian Kreyer (Premiere: 12. Oktober)
  • Achtundsechzig, eine musikalische Gemengelage von Tobias Hofmann (Uraufführung: 8. Dezember)
  • Ausweitung der Kampfzone, Schauspiel nach dem Roman von Michel Houellebecq, Regie: Barish Karademir (Premiere: 26. Januar 2019)
  • Skin Deep Song von Noah Haidle, Regie: Alexander Nerlich (Premiere: 22. März 2019)
  • Irgendwie Anders, Singspiel ab 4 Jahren nach dem Bilderbuch von Kathryn Cave und Chris Riddell, Musik: Nina Wurman, Libretto: Jean-Michel Räber, Regie: Knut Weber (Uraufführung: April 2019)

STUDIO 
  • Emmas Glück nach dem Roman von Claudia Schreiber, Buch und Regie: Heiner Kondschak (Premiere: 6. Oktober)
  • Hildegard Knef: Für mich soll’s rote Rosen regnen, ein Liederabend, Regie: Mona-Julia Sabaschus (Oktober 2018)
  • Lauf doch nicht immer splitternackt herum, Farce von Georges Feydeau, Regie: Miguel Abrantes Ostrowski (Premiere: 7. Dezember)
 
DOWNTOWN 
  • Puff, the Magic Dragon, US-Folk aus den Sixties, Peter, Paul &Mary
  • Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen
  • Winterreise, eine Zugfahrt durch das Altmühltal, mit Bonfire und dem Ensemble (Januar 2019)
 
TURM BAUR 
  • Der Hauptmann von Köpenick von Carl Zuckmayer, Regie: Andreas von Studnitz (Premiere: 28. Juni 2019)

JUNGES THEATER 
  • Gegen den Hass, Essay von Carolin Emcke, Projektentwicklung von Mia Constantine, ab 15 Jahren (Uraufführung: 5. Oktober)
  • Eine Woche voller Samstage von Paul Maar, Wintermärchen im Großen Haus, ab 6 Jahren, Regie: Julia Mayr (Premiere: 10. November)
  • Mein ziemlich seltsamer Freund Walter von Sibylle Berg, ab 8 Jahren, Regie: Donald Berkenhoff (Premiere: 1. Dezember)
  • Jump – Spring! Auftragsstück von Reihaneh Youzbashi Dizaji, mobil, ab 11 Jahren
  • Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen, Kinderstück von Toon Tellegen, ab 3 Jahren, Regie: Linda Göllner
  • Was heißt hier Liebe? Ein Spiel um Liebe und Sexualität, ab 13 Jahren, Regie: Ekat Cordes

GASTSPIELE 
  • Bacon, Dance Company Nanine Linning (ab 13. Oktober)
  • Der Nussknacker, Ballett von Pjotr Iljitsch Tschaikowski, Tatarische Staatsoper Kasan (ab Dezember)
  • Saturday Night Fever, Discomusical von Robert Stigwood, Bill Oakes, The Bee Gees und Ryan McBryde, Stadttheater Brno (ab 4. Januar 2019)
  • Schwarzwaldmädel, Operette von Leon Jessel, Meininger Staatstheater (ab 16. Januar 2019)
  • Tosca, Melodrama von Giacomo Puccini, Meininger Staatstheater (ab 16.April 2019)
  • La Gazzetta, Dramma per musica von Gioachino Rossini, Salzburger Landestheater (ab Juni 2019)
Von Anja Witzke
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