Dienstag, 16. Oktober 2018
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In andere Welten eintauchen

Ingolstadt
erstellt am 12.08.2018 um 20:43 Uhr
aktualisiert am 12.08.2018 um 20:53 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Ob am Strand, in der Berghütte, am Weiher oder in der Hängematte daheim – nur mit Büchern wird dieser Sommer perfekt.
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FAMOSES ROADMOVIE

René Freund: Ans Meer, Zsolnay-Verlag, 144 Seiten, 16 Euro.
Anton ist Busfahrer. Schon als Kind wollte er Busfahrer werden. Aber längst hat er erkannt, dass die Realität nichts mit seinen Vorstellungen von diesem Beruf zu tun hat. „Jede Fahrt war zwar irgendwie anders, aber jede Fahrt war auch irgendwie gleich.“ Bis eines Tages Carla vor seinem Bus steht und ihn bittet, seine Route zuändern:Carla sitzt im Rollstuhl. Carla hat Krebs – und sie will ein letztes Mal das Meer sehen. Anton, der sowieso gerade Ärger mit seinem Chef hat und dazu noch unglücklich in seine Nachbarin Doris verliebt ist, lässt sich auf das Wagnis ein – davon erzählt René Freund in seinem federleichten Buch „Ans Meer“, das sich schon allein des Titels wegen perfekt als Urlaubslektüre eignet und ein wenig an die Bücher des Franzosen Jean-Philippe Blondel erinnert. Was für eine Schicksalsgemeinschaft drängt sich da in Antons Bus: Neben der todkranken Carla auch noch zwei Teenager, zwei beste Freundinnen samt Kaninchen und die demente Frau Prenosil. Wie sie auf dieser Fahrt mit hysterischen Eltern, vorsichtigen Polizisten, merkwürdigen Hippies und ihren eigenen Problemen fertig werden, erzählt das Buch hinreißend komisch. Anja Witzke

MORD IN DOWN UNDER

Garry Disher: Leiser Tod, Unionsverlag, 347 Seiten, 22 Euro.
Es geht ein Notruf ein. Im abgelegenen Buschland hinter Waterloo soll eine Leiche gefunden worden sein. Am Tatort läuft den Kommissaren eine junge Frau vor die Füße. Sie ist nackt, verdreckt und verwirrt. Der Täter: ein Vergewaltiger in Polizeiuniform? Während die Ermittler versuchen, den Vergewaltiger zu fassen, wird ihnen gleichzeitig eine Reihe von Einbrüchen gemeldet – alle perfekt geplant und durchgeführt. Inspector Hal Challis sieht sich an allen Fronten belagert. Lange scheinen die Fälle nichts miteinander zu tun zu haben. Irgendwann laufen sie aber auf ein ziemlich turbulentes Finale mit einigen Toten hinaus. Der Leser sollte sich also auf keinen Fall vom etwas geruhsameren Tempo vor dem Finale abschrecken lassen. Autor Garry Disher ist ein großartiger Erzähler – für nicht wenige Krimifans einer der größten. Wie am Ende alles miteinander verzahnt ist, ist großes Kino. Dishers verschlungene Erzählstränge machen dieses Buch zu einem aufregenden und spannenden Kriminalroman, den der Leser nicht mehr aus der Hand legen möchte. Der australische Autor beweist einmal mehr, dass er einer der besten Krimiautoren unserer Zeit ist. Xenia Schmeizl

 

AUF NACH SIZILIEN

Andrea Camilleri: Eine Stimme in der Nacht, Bastei Lübbe 272 Seiten, 22 Euro.
Brunetti-Fans sind so treu wie Montalbano-Fans. Und wie Donna Leons Venedig-Krimis erscheinen immer wieder Sizilien-Krimis von Andrea Camilleri. Wie schafft das der 93-Jährige? Halten das Inselklima und das mediterrane Essen geistig rege und gesund? Das wird es sein. Denn auch sein Commissario hat eine unverwüstliche Natur. Er lässt sich auch im 20. Buch von Haushälterin Adelina Köstlichkeiten zubereiten, schwimmt zwischen seinen unkonventionellen Ermittlungsmethoden im Meer. Montalbano ist dieses Mal mit Korruption und der Mafia, mit Eitelkeiten und Gier konfrontiert. Camilleri ist dabei gewohnt politisch, philosophisch, unterhaltsam. Am Ende ist zu lesen, dass der Roman länger beim Verlag lag, und das Impressum verrät, dass das Buch erst sechs Jahre nach der italienischen Veröffentlichung übersetzt wurde. Da stellt sich die Frage, wie es Camilleri heute geht? Gut. Erst vor wenigen Wochen hat er sich in der „Repubblica“ klar gegen die harsche Flüchtlingspolitik des rechtspopulistischen Innenministers Matteo Salvini positioniert. Er erkenne auch die Italiener nicht mehr. „Das Land bewegt sich rückwärts. Wie die Krabben.“ Das hätte auch Montalbano sagen können. Katrin Fehr

DIE LETZTEN DINGE

Robert Seethaler: Das Feld, Hanser Berlin, 240 Seiten, 22 Euro.
Es ist nicht gerade die leichteste Urlaubslektüre, die Robert Seethaler mit seinem Roman „Das Feld“ für uns geschrieben hat. Oder zumindest für all jene, die nicht am Strand in einem Krimi oder in irgendeiner Liebesgeschichte schmökern mögen. „Das Feld“ ist kein Buch mit spektakulärer Handlung. Es ist ein Buch der leisen Töne. Mit einer feinen, einer wunderschönen Sprache. Ein Buch zum Nachdenken. Über die letzten Dinge des Lebens. Und wo anders sollte der Autor uns dazu hinführen als auf das „Feld“. Das Gräberfeld, wie die Einwohner von Paulstadt ihren Friedhof nennen. Hier sitzt Harry fast jeden Tag unter einer Birke, denkt nach und lässt uns Verstorbene kennen lernen. Auf eine so intensiv erzählerische Weise, als wären wir ihnen zu Lebzeiten selbst begegnet. Vielleicht sitzen wir im Urlaub ja nicht gerade unter einer Birke, aber möglicherweise unter einem Olivenbaum und kommen mit Harry zur Einsicht: „Er dachte, dass der Mensch vielleicht erst dann endgültig über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter sich gebracht hatte.“ Ein etwas anderes Urlaubserlebnis. Gewiss.Aber eines, das über die Ferien hinaus anhält. Stephan Boos

SCIENCE FICTION

Sylvain Neuvel: Giants – Sie sind erwacht, Heyne, 416 Seiten, 14,99 Euro.
Ganz neu ist das Erstlingswerk des Frankokanadiers Sylvain Neuvel nicht. Wer aber jetzt erst „Giants – Sie sind erwacht“ (2016; die Filmrechte hat sich Sony bereits gesichert) und den zweiten Band, „Giants –Zorn der Götter“ (2017), ins Urlaubsgepäck packt, hat einen Vorteil: Er muss nicht mehr lange auf die Fortsetzung warten. Der dritte und – vorerst – abschließende Teil der Reihe („Giants – Die letzte Schlacht“) erscheint im November. Die eher reißerischen Titel und Cover der deutschen Ausgabe führen allerdings in die Irre: Statt Weltraum- Action und Roboterschlachten stehen bei Neuvel Menschen im Mittelpunkt – die drei Bände bestehen fast vollständig aus Gesprächsaufzeichnungen. Mosaikstein für Mosaikstein setzt man sich sein Bild von den Protagonisten selbst zusammen, während die Saga von den außerirdischen Robotergiganten eher langsam vorangetrieben wird – was der Spannung aber keinen Abbruch tut. Genre-untypisch ist die große Zahl starker Frauen: von der Hauptfigur Rose über die taffe Soldatin bis hin zur irren Wissenschaftlerin. Neuvel hat bereits angedeutet, dass die Geschichte der Alien- Roboter noch nicht aus erzählt ist – darauf kann man nur hoffen. Birgit Sprogies

KÜNSTLER OHNE HEIMAT

Hans Joachim Schädlich: Felix und Felka, Rowohlt, 208 Seiten, 19,95 Euro.
Die Villa Massimo in Rom, Mai 1933: Schlagartig wird Felix Nussbaum und seiner polnischen Lebensgefährtin Felka Platek klar, dass sie als Juden nicht sicheren Fußes nach Deutschland zurückkehren können. Es beginnt für das (reale) Maler-Paar eine Reise, die anfangs noch einer melancholischen Sommerfrische gleicht, allmählich aber immer mehr eine Flucht und ein zermürbendes mehrjähriges Versteckspiel wird. Wie in seinen früheren Büchern packt Hans Joachim Schädlich seine großen Geschichten in schmale Bände, malt quasi filigrane Bleistiftskizzen statt Ölgemälde. Manche Kapitel bestehen nur aus zwei, drei Sätzen. Das lässt dem schweifenden Leser Raum, die Leerstellen selbst empathisch und mit historischem Wissen zu füllen, obwohl – oder gerade weil – der Ausgang alles andere als ungewiss ist. Schädlich fühlt der Frage nach, wie man leben, wie man lieben, wie man Künstler sein kann ohne Heimat und ohne Sicherheit. In den immer größeren Leerstellen werden die immer größeren Schäden spürbar, die dieses Leben hinterlässt. Eine inspirierende Lektüre für neugierige Leser, die ihren Geist auch im Sand, am Strand und anderswo beflügelt wissen wollen. Carina Lautenbacher

ABENTEUER GESCHICHTE

Sabrina Janesch: Die goldene Stadt, Rowohlt, 528 Seiten, 22,95 Euro.
Was treibt Menschen dazu an, sich mit der Machete in der Hand durch Urwälder zu kämpfen und nach einer sagenumwobenen Stätte zu suchen? Sicher das Versprechen, einen Schatz zu finden. Doch auch jener Forscher- und Entdeckerdrang, der vor allem die Forschungsreisenden des 19. und frühen 20. Jahrhunderts antrieb. Davon erzählt Sabrina Janesch in ihrem Roman, der auf aktuellen Recherchen zu Rudolph August Berns (1842–1888) beruht. Jenem Augusto Berns, wie er sich nannte, der in der Wissenschaftsgeschichte seit Neuestem als Entdecker der Inka-Stadt Machu Pichu gilt. Bereits als Kind ist der Sohn eines Weinhändlers in Uerdingen mehr an Schätzen und der Geschichte interessiert als am Handel. Gut, dass sein Vater nicht darauf besteht, dass der Erstgeborene das Geschäft übernimmt. So darf Berns Ingenieur werden, kommt nach Südamerika und folgt auf eigene Faust mit Chuzpe und Dreistigkeit den Legenden um El Dorado. Seine Wege und die Gefahren, denen er sich aussetzt, erzählt Janesch in klarer Sprache und so spannend, dass man mitfiebert und Augusto Berns so manche krumme Tour verzeiht. Barbara Fröhlich
 

AUS LIEBE ZUM SPIEL

Manuel Andrack: Lebenslänglich Fußball, Piper, 256 Seiten, 10 Euro.
Manuel Andrack. Manuel wer? Wohl wahr, es ist merklich stiller geworden um den heute 53-jährigen Journalisten aus Köln. In der Harald- Schmidt-Show arbeitete Andrack vorwiegend als Redaktionsleiter und hatte über Jahre hinweg sogar einen festen Platz auf der Bühne. Derbe, lustige und ironische Zwischenrufe gepaart mit sinnfreien Dialogen zwischen ihm und dem Gastgeber. Hin und wieder ein Bier. Das war einmal! Als Schriftsteller hat Andrack die ulkige Schale abgelegt. So auch in „Lebenslänglich Fußball. Vom Wahnsinn, Fan zu sein“. Äußerst unterhaltsam ist das Buch dennoch. Der Autor ist leidenschaftlicher Fan des 1. FC Köln und nimmt seine Leser mit auf eine Reise durch eine teils chaotische Gefühlswelt. Gespräche mit Fans, Psychologen und Selbstversuche liefern einen bunten Cocktail aus Gefühlen. Von der puren Euphorie bis hin zur großen Trauer. Wie tickt ein Fan und warum stürzt der Fußball Menschen in die emotionale Konfusion? Andrack schafft es durch eine charmante und abwechslungsreiche Erzählweise, auch das Interesse von Fußballmuffeln an einer Antwort auf diese Frage zuwecken. Von vielen Stärken des Buches ist dies die größte. Florian Wittmann
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