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Viel Beifall für "Jenny Jannowitz": Alexander Nerlich bringt Michel Decars Tragikomödie auf die Bühne des Ingolstädter Kleinen Hauses

Gefangen in der Matrix

Ingolstadt
erstellt am 06.12.2015 um 18:57 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 14:45 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Dieser Ort ist ein Gefängnis. Eine Tür, die man nicht öffnen kann. Dafür Wände wie Membranen, durch die geisterhaft Gestalten diffundieren. Ein staubbedecktes Interieur zwischen Nasszelle und Büro. In der Ecke vertrocknet eine Pflanze. Das weiße Rauschen aus dem alten Fernseher taucht den Raum in ein Farbspektrum von grau-grün bis grün-grau. Späte 50er-Jahre-Anmutung. Ein Mann liegt bewegungslos am Boden. Um ihn herum seine Sachen: Krawatte, Jackett, Hose, Schuhe. Irgendwann erwacht Karlo Kollmar und stellt fest, dass er den ganzen Winter verschlafen hat. Er ist verwirrt, zieht sich an, blickt sich um. Und entdeckt auf seinem Sofa – sich selbst.
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Ingolstadt: Gefangen in der Matrix
Karlo Kollmar (Marc Schöttner) versucht, nichts falsch zu machen und bleibt doch auf der Strecke - Foto: Olah
Ingolstadt

So beginnt Alexander Nerlichs aufsehenerregende Inszenierung von Michel Decars tragikomischem Stück „Jenny Jannowitz. Oder: Der Engel des Todes“, das am Freitagabend im Kleinen Haus des Stadttheaters Premiere feierte. Schon im vergangenen Jahr beeindruckte Nerlich an gleicher Stelle mit seiner surreal verdichten Regiearbeit „Grillenparz“. Mit demselben Team ist er nun bei „Jenny Jannowitz“ zugange – und schafft ein hoch artifizielles, vielstimmiges, poetisches Kunstwerk, das parabelhaft von unserer Gegenwart erzählt.

Von diesem Karlo Kolmar eben, der mit seinem aberwitzig flexiblen IT-Spezialisten-Alltag in der globalen New Economy nicht klarkommt. Jobs, Kollegen, Städte, Freundinnen – alles ist austauschbar. Eben noch Sibylle, schon Sabine – nur die Frisur ist anders. Erst Wien, dann Hannover. Beständig ist nur der Wechsel. Und die Verzweiflung. Denn Karlo, dieser ständig um Anpassung bemühte Kümmerling, zerbricht an der rasenden Realität. „Ich versuche jeden Tag, nichts falsch zu machen“, sagt er an einer Stelle. Er lebt in ständiger Überforderung. Deshalb sehnt er sich nach Ruhe. Sein Bedürfnis nach Schlaf ist eine Todessehnsucht.

Michel Decar hat ein spannendes Stück geschrieben, das mit vielen Zitaten spielt, Märchenhaftes, Cineastisches und Groteskes mischt und Dialoge in Echos nachhallen lässt. Michel Decar lässt Spiegel, Nachttischlampen und Wolken sprechen. Und stellt ins Zentrum seines Wunderlandes einen Antihelden: desorientiert, fügsam, nachgiebig bis zur Selbstaufgabe. Einen kauzigen Don-Quijote-Nerd, der Zerrbilder imaginiert – Vampir-Mütter, Brain Eater, labile Vorgesetzte, übergriffige Freunde –, der zum Kämpfen zu müde ist und von Erlösung träumt. Wie soll man das alles inszenieren?

Regisseur Alexander Nerlich lässt das Stück in Karlos Kopf spielen. Wolfgang Menardi hat ihm dazu einen Gedankenraum gebaut. Einen Kokon. Ein Gefängnis. Einen Ort der Isolation. Unheimlich und neonlichtkalt. Einen kafkaesken Raum, in den die Figuren auf unterschiedliche Arten hineinkatapultiert werden. Mal werden sie durch das Sofa hineingesaugt, mal sickern sie durch Wände, mal finden sie einen Weg durch den Kühlschrank. Menardis Green Room ist die Matrix. Und Karlos Realität nur Simulation. Aber sein Leiden ist echt.

Marc Schöttner spielt Karlo berührend hilflos. Nicht nur, weil die Maske da ganze Arbeit geleistet hat, mit den spröden farblosen Haarsträhnen um die hohe Stirn überm teigigen Gesicht und der faden Kassenbrille. Sondern weil Schöttner ihn so facettenreich erbarmungswürdig zeigt. Die mitreißendsten Szenen aber sind die, in denen er mit sich selbst ringt – oder Trost sucht. Denn Regisseur Nerlich bringt – was für ein Clou! – die titelgebende Jenny Jannowitz als weibliches Spiegelbild Karlos ins Spiel. Die wunderbare Carolin Schär ist als Jenny eine zarte Kopie Karlos. Gleiche zerrupfte Frisur, gleiche Brille, bisweilen gleiche Kleidung, gleiche Gesten. Dabei aber voller Witz und Empathie und flirrender Leichtigkeit. Alice Gartenschläger hat für die hoch emotionalen Begegnungen der beiden verstörend schöne Choreografien ersonnen, die viel mehr ausdrücken, als es Sprache je vermag.

Überhaupt Tanz und Musik: Da kreiseln Schreibtische. Da taumeln, torkeln, toben Figuren in immer neuen Rollen durch immer gleiche Situationen. Da tönt das Universum metallisch, zärtlich, nervös. Es tropft. Es hallt. Es klopft. Melodiefetzen bringen ferne Erinnerungen, werden von Störgeräuschen überlagert (Musik und Sounddesign: Malte Preuß). Es ist ein Spiel für alle Sinne. Tiefgründig und komisch. Mit einer so präzise wie konzentriert agierenden Schauspielercrew (Victoria Voss als Mutter-Monster, Ralf Lichtenberg in allen Chef-Rollen, Sandra Schreiber als SabineSybilleSvenja, Jan Gebauer als Freund Oliver), die immer wieder kleine Highlights zu setzen vermag. Dafür gibt es nach 100 Minuten begeisterten Applaus. Diese „Jenny Jannowitz“ muss man gesehen haben!

 

Weitere Vorstellungen im Kleinen Haus: 10., 12., 13. und 17. Dezember, 14., 15., 19. und 22. Januar. Kartentelefon (08 41) 30 54 72 00.

Von Anja Witzke
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