Dienstag, 11. Dezember 2018
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Teodor Currentzis dirigiert das Mozart-Requiem

Grandioses Finale der Audi-Sommerkonzerte

Ingolstadt
erstellt am 30.07.2017 um 13:46 Uhr
aktualisiert am 29.11.2017 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Geht hier alles mit rechten Dingen zu? Langsam besteigen Orchester und Chor die Bühne des Ingolstädter Festsaals, um zum Abschluss der Audi-Sommerkonzerte Mozarts Requiem aufzuführen. Alle Musiker tragen schwarze Gewänder, die an Mönchskutten erinnern. Nach den Solisten erscheint ganz am Ende Teodor Currentzis. Auch der Dirigent ist ganz in Schwarz gekleidet, mit Leggings und einem am Rücken zugeknöpften Kittel.
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Schmal, giraffenartig-groß und mit überlangen Gliedmaßen sieht er aus wie ein Avatar aus James Camerons Film. Was für ein Eindruck! Ein Außerirdischer scheint nicht etwa ein Orchester und einen Chor zu dirigieren, sondern eine verschworene Bruderschaft. Was es dann zu hören gibt, ist nicht von dieser Welt.

Die äußerliche Inszenierung ist nur ein Zeichen, eine Botschaft: Hier wird offenbar nichts dem Zufall überlassen, hier ist alles einer perfekten Dramaturgie unterworfen, von der kleinsten Begleitnote bis zum Schnürsenkel.

Der Perfektionismus ist eines der Markenzeichen des griechischen Dirigenten. 2014 hat er es fertiggebracht, eine vollständige, aufwendig für Sony Music produzierte Aufnahme von Mozarts Oper „Don Giovanni“ einfach wegzuschmeißen, nur weil sie ihm nicht gut genug war. Eine neu aufgenommene Version erschien dann erst im vergangenen Jahr und machte Furore. Currentzis, der in diesem Jahr mit seinem 2004 in Nowosibirsk gegründeten Ensemble MusicAeterna bei den Salzburger Festspielen gastiert und der seit Jahren das Opernhaus in Perm leitet, ist ein Exzentriker. Aber die ganze Show benötigt er eigentlich nicht, dafür sind er und seine Musiker einfach zu gut. Das Niveau der Aufführung ist sogar so außergewöhnlich, so bis ins kleinste Detail durchgearbeitet, geschliffen und geformt, wie man es von einem gewöhnlichen städtischen oder staatlichen Orchester mit seinen tariflich organisierten Dienstplänen wohl niemals zu hören bekommt. Hier steckt Fanatismus dahinter. Und maßloser Einsatz einer verschworenen internationalen Musikergemeinschaft.

Natürlich wird von Currentzis erwartet, das Außergewöhnliche dadurch zu erreichen, dass er alles irgendwie anders macht. Aber der Drang zum Individualismus hält sich an diesem Abend noch in vernünftigen Grenzen. Currentzis ist ein Kind der von Nikolaus Harnoncourt mitbegründeten Originalklangbewegung. Das Ziel dieser Musiker ist es, alte Kompositionen historisch korrekt aufzuführen. Currentzis allerdings geht einen Schritt weiter. Der Historismus ist fast schon ein Vorwand für Originalität. Der fremdartige Duktus des Historischen ist ein Deckmantel für das Außergewöhnliche. Der Historismus droht umzuschlagen in Manierismus. Aber: Von dieser Gefahr sind Currentzis und seine Musiker noch ein Stück weit entfernt.

Das „Introitus“ des Requiems ist bereits elektrisierend. Currentzis lässt die Bassgruppe die Töne im herben Stakkato spielen. Nach den leise klagenden Holzbläsern setzt der Chor dann jeweils mit einem kleinen Forzatto ein und bäumt sich mit großem Ritardando auf. Das ist so ausgefuchst inszeniert, dass Currentzis Gefahr läuft, die Musik künstlich zu überformen. Aber: Es wirkt faszinierend. Currentzis ist dafür bekannt, dass er all das, was die Originalklangbewegung bisher ausmachte, noch ein wenig weiterdreht. Die Tempi sind noch schneller, die Kontraste stärker als etwa bei Harnoncourt. Aber das alles ist so gut gemacht, so auf den Schlag zackig rhythmisiert, dass man schnell völlig überwältigt ist. Der Einsatz der Posaunen ist noch eine Spur gewalttätiger, als man es sonst je gehört hat. Das „Dies irae“ dann ist ein wahres Inferno, ein göttlicher Wutausbruch als musikalischer Blitzkrieg. So wild hat man das noch nie vernommen.

Oder das „Confutatis“: Trotz des eiligen Tempos wirkt hier nichts gehetzt. Aber die Gegensätze zwischen göttlicher Wut und dem unendlich zarten Legato-Gesang der Gesegneten ist bis zum Äußersten ausgereizt. Alles bei Currentzis ist einer fast opernhaften Dramaturgie unterworfen (und passt deshalb auch sehr gut in die klare Akustik eines Konzertsaals). So klingt das „Lacrimosa“ etwa prägnant, voller knapper Noten und entwickelt doch ein theaterhaftes Crescendo bis zu einem grandiosen Aufschrei.

Überhaupt gelingen Currentzis am besten die großen Chorpassagen. Hier agiert sein musikalisches Team aus Perm, die vier Solisten dagegen wirken ein wenig wie ein Fremdkörper. Am ehesten verwirklicht noch die Sopranistin Anna Prohaska das Klangideal Currentzis’ mit ihrem feinen, vibratolosen Timbre. Die anderen drei Sänger, Katharina Magiera, Mauro Peter und Tareq Nazmi, sind hervorragend, stilistisch fallen sie jedoch nicht wirklich aus dem Rahmen.

Das Ende kehrt wieder an den Anfang zurück. Currentzis lässt im „Lux aeterna“ das Stück mit einem gewaltigen Paukenschlag enden, erstarrt und hält die Spannung fast eine Minute lang, bis gewaltiger Beifall und Jubel des Publikums über das Ensemble hereinbricht.

Viele im Publikum waren sich wahrscheinlich bewusst, dass sie ein einzigartiges Konzert erlebt haben. Solch überwältigende Augenblicke des Musizierens sind selten. Vielleicht war seit dem Auftritt von Carlos Kleiber 1996 in Ingolstadt kein klassisches Konzert im Festsaal mehr so erschütternd, so magisch. So sehr Musik aus einer anderen Welt.
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