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"In hundert Jahren hat sich nicht viel verändert"

erstellt am 04.02.2018 um 19:06 Uhr
aktualisiert am 11.06.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Der Konzertverein Ingolstadt hat sein 100-jähriges Bestehen grandios gefeiert. Die Vereinsvorsitzenden Eva-Maria Atzerodt und Barbara Thalmann blicken nun in eine schwierige Zukunft: Der Festsaal wird demnächst saniert, die Konzerte leiden unter Besucherschwund.
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Der: "In hundert Jahren hat sich nicht viel verändert"
Foto: Bernhard Schaffer

Frau Atzerodt, Frau Thalmann, die Jubiläumsfeierlichkeiten sind vorbei. Die nächsten 100 Jahre Konzertverein können angegangen werden. Sind Sie erleichtert? Oder vermissen Sie die grandiosen Tage?

Eva-Maria Atzerodt: Grandiose Tage gibt es beim Konzertverein eigentlich immer wieder. Dennoch hat es uns gefreut, dass das Publikum mit besonders großem Interesse und Zulauf die noch einmal gesteigerte Qualität wahrgenommen hat.

 

Sie konnten sogar die Anzahl der Abonnenten in jenem Jahr steigern?

Atzerodt: Ja, das hat natürlich auch etwas mit dem größeren Budget zu tun. Wir konnten vorher etwas sparen, um größer einzusteigen.

 

Was auffällt: Die Konzerte der ersten Jahre beim Konzertverein sind sehr ähnlich strukturiert wie die Konzerte heute. Das Ritual war das gleiche, die Programme könnten auch heute noch bestehen. Hat sich so wenig geändert in den 100 Jahren?

Barbara Thalmann: Es hat sich schon viel verändert. Wir haben einen viel größeren Konzertsaal. Damals war Krieg, besonders viele Damen-Ensembles traten auf. Inzwischen gibt es auch wesentlich mehr Abonnenten.

Atzerodt: An der Struktur der Konzerte hat sich aber wenig verändert. Vor allem, wenn man diese Konzerte mit dem Konzertleben im 18. oder 19. Jahrhundert vergleicht. Damals haben die Konzerte sehr viel länger gedauert, oft waren Komponist und Interpret identisch. Man hat ein Potpourri einzelner Sätze in unterschiedlichen Besetzungen aufgeführt.

 

Gibt es so etwas wie ein konzeptionelles Profil des Konzertvereins?

Atzerodt: Ich denke schon. Das hat sich erhalten, dass zuerst viele zeitgenössische Komponisten, die in München gelebt haben, ihre Werke hier aufgeführt haben. Die Nähe zu München hat in den Anfangsjahren das Profil ausgemacht, damals wurden immer wieder bekannte Opernsängerinnen und Kammermusikensembles nach Ingolstadt geholt. Inzwischen verpflichten wir internationale Künstler von Weltruhm. Wir sind sehr daran interessiert, eine breite, vielseitige Mischung an Konzerten anzubieten, von Liederabenden und Kammermusik bis zum Orchesterkonzert. Das hat sich bewährt.

 

Aber der Zulauf zu den Konzerten hat sich seit den 80er-Jahren verringert. Funktioniert denn das Konzept von früher noch uneingeschränkt?

Atzerodt: Die Abnahme von Abonnements geht in den letzten Jahren fast überall zurück, da die Bereitschaft, sich für ein ganzes Jahr terminlich zu binden, immer geringer wird. Der Kauf von Einzelkarten im freien Verkauf nimmt hingegen immer mehr zu. Kurzfristig bekommt man an der Abendkasse immer Karten.

Thalmann: Wir haben ja das Projekt "Meet the Artist" ins Leben gerufen. Da gehen Künstler in die Schulen, um dem Publikum von morgen ihre Musik locker und unterhaltsam vorzustellen. Leider befinden sich unsere Künstler aber immer mehr in einem zu engen Terminkorsett, um solche Vormittagstermine zu realisieren.

 

Viele Ensembles probieren einen experimentellen Zugang zu Klassikkonzerten. Da gibt es Konzerte, bei denen man sich frei im Raum bewegen kann. Es gibt Wandelkonzerte. Konzerte, bei denen nach dem offiziellen Programm Volksmusik zu hören ist. Festivals, in denen 100 Konzerte in der ganzen Stadt stattfinden, Musik-Marathons. Was halten Sie von solchen Versuchen?

Atzerodt: Man müsste sich trauen, solche Initiativen anzugehen. Wir haben so viel Zuzug in Ingolstadt. In den letzten 20 Jahren sind rund 40 000 Leute hierhergezogen. Die sehe ich meist nicht in unseren Konzerten. Wie erreicht man diese Leute? Da muss man mit verschiedenen Institutionen ins Gespräch kommen.

 

Ist das denn ein Weg, mit mehr Experimenten ein neues Publikum zu gewinnen?

Atzerodt: Junge Leute müssen ja für diese Experimente auch gewonnen werden. Die kommen ja nicht, weil da der Titel Experiment darübersteht, nur weil die Musiker jetzt im Hubschrauber sitzen - ich spiele hier auf das "Helikopter-Quartett" von Karlheinz Stockhausen an, das die Sommerkonzerte 2015 mit großem medialen Aufwand veranstaltet haben. Junge Leute habe ich da kaum gesehen, überhaupt war das Konzert schlecht verkauft - obwohl wir Schulmusiker viel Werbung in den Schulen gemacht haben. Leider umsonst. Das kann man nicht erzwingen. Ich weiß nicht, wie es in Wien ist?

Thalmann: Da gibt es natürlich sehr viele kleine Ensembles, die sich auf verschiedene Sparten spezialisiert haben, auf moderne Musik etwa an ganz ungewöhnlichen Orten. In einer Millionen-Stadt haben sie ein treues Publikum. In einer Stadt wie Ingolstadt ist das schwieriger.

 

Auch die Konzertorte sind umstritten. Konzertsäle wie der Festsaal werden vom Publikum oft nicht so gerne betreten, weil es mit den dort herrschenden Ritualen nicht vertraut ist. Ist es nicht gelegentlich besser, einmal nach draußen zu gehen? Downtown, wie es das Theater vormacht?

Atzerodt: Dieser Aspekt wird dann interessant, wenn unser gepflegter Musentempel, der Festsaal, wegen Umbaus nicht mehr zur Verfügung steht. Ich sehe das durchaus auch als Chance. Wir müssen da auch weiterdenken. Es ist richtig, dass die jüngere Generation auch an klassische Musik herangeführt werden sollte. Beim Theater ist das teilweise gelungen. Da ist das aber auch leichter, da es die Probleme der Akustik nicht in dieser Weise gibt. Wenn wir unsere Konzerte elektronisch verstärken müssen, können wir uns das, so traurig das ist, nicht mehr leisten. Die Verstärkung würde genauso viel kosten wie die Gage des Künstlers.

 

Glauben Sie wirklich, dass das Publikum klassische Musik elektronisch verstärkt hören möchte?

Thalmann: Das bezweifele ich.

Atzerodt: Ohne Verstärkung gibt es wenige neue größere Räume, bei denen klassische Musik funktioniert. Dazu kommt der logistische Aufwand bei unerschlossenen Konzertorten, die Stühle, die aufgestellt werden müssen usw. Den Aufwand können wir ehrenamtlich kaum bewältigen.

Thalmann: Der finanzielle Aspekt spielt in einer anderen Hinsicht noch eine Rolle: Wenn die Räume kleiner sind als der Festsaal, können wir auch weniger Karten verkaufen.

Atzerodt: Worauf wir unsere Hoffnung richten, ist das neu renovierte DK-Forum. Die Akustik hat mir einen guten Eindruck gemacht. Vielleicht ergeben sich außerdem neue Chancen durch den Kongresssaal, der ja auf dem Gießereigelände gebaut werden soll.

 

Aber ist das ein potenzieller Konzertsaal?

Atzerodt: Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Das akustische Problem ist aber im Prinzip lösbar. Dasselbe Problem haben wir mit dem neuen großen Saal von Audi in der Halle B, der für bis zu 5000 Personen eigentlich für Generalversammlungen ausgelegt ist. Auch dieser Saal ist auf Mikrofonbeschallung ausgelegt, es gibt also dämpfende Elemente im Raum, die den Hall unterdrücken. Eine Nutzung für klassische Konzerte ist aber im Gespräch.

 

Es gibt ein einfaches Rezept, die Säle voll zu bekommen. Die erfolgreichsten Klassikkonzerte der vergangenen Jahre waren immer Konzerte mit besonders namhaften Solisten oder Ensembles. Ist es ein Problem, berühmte Künstler einzuladen?

Thalmann: Das ist sehr einfach zu beantworten: Umso größer der Name, desto größer der finanzielle Aufwand. Wir können uns das teilweise ohne Sponsoren nicht leisten.

 

Warum erhöhen Sie nicht die Eintrittspreise? Die sind ja beim Konzertverein fast schon ungehörig niedrig. Beim GKO und bei den Sommerkonzerten zahlt man doppelt so viel und mehr. Vergleichbare Konzerte in Regensburg, Nürnberg oder München sind ebenfalls erheblich teurer. Wäre es nicht besser, die Preise zu erhöhen und bekanntere Künstler zu engagieren?

Atzerodt: Seit der Gründung des Vereins war es eine gut geübte Tugend, allen Bevölkerungsschichten einen erschwinglichen Zugang zu klassischen Konzerten zu ermöglichen.

 

Aber gerade in Klassikkonzerte, besonders in so einkommensstarken Regionen wie Ingolstadt, gehen doch besonders viele finanziell gut situierte Leute.

Atzerodt: Ja. Auch der Konzertverein bietet in jeder Saison zwei bis drei Sonderkonzerte an, bei denen die Eintrittspreise deutlich höher sind als beim Abo.

 

Sie haben also die Möglichkeit zu differenzieren. Besonders namhafte Künstler wie die Wiener Philharmoniker, Daniil Trifonov, Anna Netrebko usw. könnten Sie bei den Sonderkonzerten präsentieren und da erheblich höhere Eintrittspreise verlangen.

Atzerodt: Wenn sich die Eintrittspreise verdoppeln bei einem Konzert, bin ich mir nicht sicher, ob die Leute so begeistert sind, so viel zu zahlen, nur weil plötzlich ein Star kommt. Es ist eben ein Risiko.

Thalmann: Wir haben bei bestimmten Sonderkonzerten die Preise durchaus erhöht, etwa bei den Philharmonics mit den Musikern der Wiener Philharmoniker.

 

Das Konzert mit den berühmten Philharmonics war aber der bestverkaufte Abend seit Jahren.

Thalmann: Ja, sehr zu unserer Freude.

 

Dann ist das vielleicht doch der richtige Weg?

Thalmann: Ja, durchaus. Das betrifft allerdings nur die Sonderkonzerte, beim Abonnement müssen wir vorsichtiger sein. Da sind die Leute preissensibler.

 

Was halten Sie von einem Spielzeit-Motto?

Atzerodt: Nichts. Bei Künstlern, die alle ein eigenes Profil haben, wird es nicht gelingen, ein Motto zu finden, das auf alle passt. Und: Sollen wir großartige Künstler wieder ausladen, nur weil ihr Programm nicht zum Motto passt?

 

Wo wird der Konzertverein in 20 Jahren stehen?

Atzerodt: Vielleicht in den Geschichtsbüchern. Möglicherweise auch an der gleichen Stelle, wo er jetzt steht. Es ist ja nicht so, dass es keine neuen Abonnenten gibt, jedes Jahr kommen 30 bis 40 neue Musikbegeisterte hinzu.

 

Wie alt sind die Neu-Abonnenten im Schnitt?

Atzerodt: Die sind in der Regel zwischen 30 und 50 Jahren. Das sind Leute, die hier aufgewachsen sind und nach Studium oder Ausbildung wieder in die Heimat zurückkehren. Oder auch Zugezogene, Fachkräfte im Klinikum oder in der Industrie. Viele Neubürger sind sehr überrascht, in der Auto- und Industriestadt Ingolstadt ein so reges und vielseitiges Kulturangebot vorzufinden. Unser Ziel muss es sein, möglichst viele von ihnen für den Konzertverein zu gewinnen!

 

Das Interview führte

Jesko Schulze-Reimpell.

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