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"Die Demokratie ist in Gefahr"

erstellt am 21.04.2017 um 19:04 Uhr
aktualisiert am 08.08.2018 um 09:42 Uhr | x gelesen
In sozialen Netzwerken wie Facebook und YouTube vermischen sich seriöse Informationen mit Hasskommentaren und Fake News. Das überfordert viele Bürger, sie sind zunehmend irregeleitet und desinformiert, glaubt der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Schweiger.
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Herr Schweiger, das Internet gilt als ein außergewöhnlich demokratisches Medium. Jedermann kann sich kostengünstig und einfach fast alle Informationen einholen, die er nur will. Eigentlich müssten die Leute heute bei dieser unendlichen Fülle des Wissens besser informiert sein denn je. Sie behaupten in Ihrem Buch, dass das nicht der Fall ist. Warum?

Wolfgang Schweiger: Sie sprechen es ja bereits selber an: Die Unmenge an Material, das im Internet zu finden ist, ist letztlich das Problem. Man findet zu allem etwas, weiß aber oft nichts über die Herkunft der Informationen. Und es fällt gerade in sozialen Netzwerken den Lesern immens schwer zu beurteilen, was sie da gerade lesen und welchen Status es hat.

 

Macht es denn einen Unterschied aus, ob man seine Informationen über soziale Netzwerke einholt oder über renommierte Online-Medien wie Spiegel-Online oder aber über Tageszeitungen?

Schweiger: Der Sinn des Journalismus besteht ja darin, dem Publikum ein umfassendes, vielfältiges und vor allem wahrheitsgemäßes Bild der aktuellen Ereignislage zu liefern. Und dazu gehört auch eine gut organisierte und übersichtliche Präsentation. Das heißt zum Beispiel, dass Nachrichten in bestimmte Ressorts eingeteilt sind. Man vermeidet Wiederholungen und gibt eine bestimmte Gewichtung nach Wichtigkeit vor. Wenn jemand eine Nachrichtenseite im Internet anschaut, dann wird er vielleicht nicht jeden Artikel lesen, aber allein durch die Überschriften und die Präsentation gewinnt er bereits einen Überblick über das Weltgeschehen.

 

Und wie ist das bei sozialen Netzwerken?

Schweiger: Facebook zum Beispiel, das in Deutschland am meisten genutzte soziale Netzwerk, generiert personalisierte Informationen. Es werden nur Inhalte angezeigt, die dem entsprechen, was den Nutzer früher mal interessiert hat. Oder nur Informationen, die von anderen befreundeten Nutzern ausgewählt und weitergegeben werden. Daraus ergibt sich kein integrierter Gesamtüberblick über die Nachrichtenlage, sondern bestenfalls nur ein bruchstückhafter Aufriss der Wirklichkeit.

 

Dieses Verbreiten von gefilterten Informationen ist offenbar das Erfolgsrezept der sozialen Netzwerke.

Schweiger: Genau. Das Problem ist aber, dass man keinen vollständigen Überblick erhält. Man bekommt eine verzerrte Sicht auf die Welt. Man bekommt eine Weltsicht generiert, die den eigenen grundlegenden Einstellungen entspricht. Das ist genau das Gegenteil von dem, was man als gut informierter Bürger in der Demokratie braucht.

 

Zuletzt gab es eine merkwürdige Diskussion über Wahrhaftigkeit. Ein Politiker wie Donald Trump beschimpft regelmäßig Journalisten und redet von Fake News. Dabei lügt er offenbar selber und leistet sich haarsträubende Fehlinformationen. In Deutschland sprechen gewisse Kreise von "Lügenpresse". Wie kommt es plötzlich zu dieser anhaltenden Diskussion, in der man sich gegenseitig vorwirft, die Unwahrheit zu verbreiten?

Schweiger: Es gab schon immer viele Unwahrheiten, Halbwahrheiten und verzerrte Darstellungen, die in die Welt posaunt wurden. Der Unterschied gerade in sozialen Netzwerken ist aber der, dass man nicht mehr weiß, woher die Informationen eigentlich stammen. Und dass vor allem auch wahre, halbwahre und falsche Informationen direkt nebeneinanderstehen. Für den Nutzer ist es kaum mehr möglich, diese Informationen richtig einzuschätzen. Es kommt noch etwas hinzu: Lügen sind meist spektakulärer als die Wahrheit. Wahrheiten sind oft relativ langweilig. Spektakuläre, drastische Aussagen verbreiten sich schneller und werden mehr gelesen, das kennen wir von den Boulevard-Medien. Deshalb reden wir ja auch viel mehr über die Lügen von Donald Trump und viel weniger über Fakten aus den USA.

 

Warum haben die sozialen Netzwerke eine so große Anziehungskraft, wo sie doch eigentlich nur so unvollständig informieren?

Schweiger: Soziale Netzwerke waren von ihren Erfindern ja nie als Informationsquelle gedacht. Es ging ja eher darum, dass Studenten und Uniabsolventen miteinander in Kontakt bleiben können. Erst später wurde das Angebot erweitert. Und erst dann kam es, dass sich manche Menschen hauptsächlich über soziale Netzwerke informieren. Wir müssen aber die Kirche im Dorf lassen. Noch immer hält sich ein Großteil der Menschen über Fernsehen, Zeitungen, Radio und klassische Online-Medien auf dem Laufenden. Aber der Anteil der Informationsbeschaffung über soziale Netzwerke und über Suchmaschinen wie Google steigt seit Jahren. Das ist tatsächlich auch ein Anhaltspunkt dafür, dass es so viel Desinformation in der Bevölkerung gibt.

 

Es gibt also wirklich immer weniger gut informierte Bürger?

Schweiger: Das kann man so nicht unbedingt sagen. Es gibt vielmehr immer mehr Menschen, die glauben, sie wären hervorragend informiert, weil sie sich ja gerade bei Facebook, Google usw. umgeschaut haben. Das Problem ist nur, dass sie Lügen und Halbwahrheiten auf den Leim gehen. Oder sie durchschauen komplexe Sachverhalte nur ungenügend. Das ist auch ein Erklärungsansatz für den Wutbürger. Das sind Menschen, die glauben, sie seien gut informiert, und die sich stark politisiert haben. Sie haben jedoch das eine oder andere falsch verstanden - und regen sich nun furchtbar auf.

 

Gibt es Bevölkerungsgruppen, die besonders gut ansprechbar sind für diese Desinformationsstrategien?

Schweiger: Es gibt einige Hinweise darauf, dass es die politisierte Bildungsmitte ist, also Menschen, die sich stark für Politik interessieren und oft sehr frustriert sind. Da ging es bekanntlich zuletzt sehr stark um die Flüchtlingsdebatte. Diese Menschen sind aber von ihrem Bildungshintergrund her oft überfordert, komplexe Informationen richtig einzuordnen.

 

Ist der Erfolg von Bewegungen wie der AfD oder von Pegida möglicherweise erklärbar durch die veränderte Mediennutzung?

Schweiger: Ich glaube, dass man Pegida tatsächlich auf diese Weise erklären kann. Pegida hat sich in Dresden zunächst ausschließlich über Facebook organisiert. Man konnte auf der Pegida-Facebook-Seite sehr gut ermitteln, welche Nachrichtenquellen diese Menschen nutzen. Es fiel auf, dass sie kaum noch die klassischen journalistischen Nachrichtenmedien verfolgten, sondern oft zu rechtsalternativen Angeboten abgewandert sind. Und gerade diese rechtsalternativen Medien haben in der Anfangszeit sehr häufig Schauergeschichten über Flüchtlinge weitergegeben, die oft erstunken und erlogen waren. Diese Beobachtung hat mich überhaupt erst dazu gebracht, mein Buch "Der (des)informierte Bürger im Netz" zu schreiben. Ich hatte das Gefühl, dass diese Menschen wirklich irregeführt wurden. Sie bekamen über Facebook Nachrichten vorgesetzt, die zwar ihrer Einstellung entsprachen, die aber dennoch teilweise nicht wahr waren. Gleichzeitig haben sie sich auf Facebook in ihrer Filterblase gegenseitig bestärkt und in ihrem Hass auf Flüchtlinge und Angela Merkel aufgewiegelt. 

 

Gehen wir also unweigerlich einem kontrafaktischen Zeitalter entgegen? Also einer Epoche, in der Faktenwissen nicht mehr so wichtig ist wie die vermeintlich richtige Meinung?

Schweiger: Wenn die Menschen den klassischen Medien, die die einzigen Nachrichtenquellen sind, die in einer geordneten Weise und wahrheitsgemäß über das Politikgeschehen berichten, den Rücken kehren, dann ist die Demokratie tatsächlich in Gefahr. 

 

Sie haben gerade eine Bevölkerungsgruppe genannt, die hier besonders gefährdet ist, nämlich die Mittelgebildeten. Aber es existiert noch eine andere Gruppe, die sich inzwischen fast ausschließlich über soziale Medien informiert, nämlich die Jugend. 

Schweiger: Ja, das stimmt. Bei jungen Menschen hat sich eine ganz bestimmte Kultur der Informationsaneignung entwickelt. Während sich ältere Menschen ritualisiert regelmäßig über das aktuelle Tagesgeschehen informieren, z. B. über die Tagesschau oder eine Zeitung, tun das junge Menschen deutlich weniger. Sie informieren sich punktuell über Ereignisse und Themen, die sie interessieren. Weil ihnen dabei der Gesamtzusammenhang fehlt, können sie diese Informationen schwerer einordnen, beurteilen und verstehen. So gesehen sollte man sich auch über die politische Informiertheit junger Menschen Sorgen machen. Das fällt aber gar nicht so auf, da junge Leute derzeit ohnehin nicht besonders politisiert sind. Der klassische Wutbürger ist in der Regel mittleren Alters.

 

Was für langfristige Folgen hat das alles für die Demokratie?

Schweiger: Grundlage der Demokratie war schon immer, dass sich die Wähler umfassend informieren, dass sie bewusst auswählen, welche Partei sich für ihre Interessen einsetzt usw. Leider hat dieses Konzept schon immer ziemlich schlecht funktioniert. Weil die Welt schon immer zu komplex war. Die Menschen haben immer sehr emotional entschieden. Man muss befürchten, dass sich dieser Trend noch verstärkt. Und das kann Populisten in die Hände spielen.

 

Das Interview führte Jesko Schulze-Reimpell.

 

ZUR PERSON

Wolfgang Schweiger (Jahrgang 1968) ist Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Hohenheim und beschäftig sich dort unter anderem mit dem Thema Medienwandel und Social Media. Kürzlich veröffentlichte er das Buch "Der (des)informierte Bürger im Netz. Wie soziale Medien die Meinungsbildung verändern" (Springer-Verlag, 2017).

Von Niko Deussen
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