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Bis zu ihrem Tod verleugnete Marlene Dietrich ihre Schwester, eine NS-Mitläuferin - Interview über das ungleiche Geschwisterpaar

Im Schatten des blauen Engels

Ingolstadt
erstellt am 20.09.2018 um 18:50 Uhr
aktualisiert am 07.11.2018 um 13:31 Uhr | x gelesen
Ingolstadt/Celle (DK) Eine junge Frau sitzt auf einem Holzfass, auf dem Kopf einen Zylinder, die langen Beine in verführerische Strapse gehüllt - der Inbegriff von Sinnlichkeit.
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Simon Thies
Ingolstadt
Auch wer den Film noch nie gesehen hat, kennt diese Szene aus "Der blaue Engel". So verdrehte Marlene Dietrich als Lola nicht nur Professor Rath 1930 den Kopf, sondern wickelte in den 30er-Jahren die halbe Welt um den Finger und wurde zu einem Mythos. Marlene Dietrich kennt jeder. Von ihrer Schwester Elisabeth - genannt "Liesel" - wissen hingegen die wenigsten. Der Grund: Marlene Dietrich verleugnete ihre zwei Jahre ältere Schwester. Was die Diva totschweigen wollte, hat Heinrich Thies (kleines Foto), Autor und Journalist, in einer fesselnden Doppelbiografie über das ungleiche Geschwisterpaar ans Tageslicht gebracht. Sein Buch ist die Grundlage für die gleichnamige Inszenierung "Fesche Lola, brave Liesel" am Schlosstheater Celle. Im Interview spricht der Autor über das besondere Verhältnis zwischen Marlene und ihrer Schwester.

Herr Thies, selbst Menschen, die sich gut mit Marlene Dietrich auskennen, ist ihre Schwester Elisabeth unbekannt. Woran liegt das?

Heinrich Thies: Marlene Dietrich hat ihre Schwester verleugnet, seitdem sie im Mai 1945 erfahren hat, dass Liesel gemeinsam mit ihrem Mann Georg Hugo Will in Bergen-Belsen ein Truppenkino für Wehrmachtssoldaten und SS-Offiziere betrieben hat, die im benachbarten Konzentrationslager ihren Dienst verrichtet haben. Dasrüber war Marlene ungeheuer wütend. Sie selbst hat während des Zweiten Weltkriegs Truppenbetreuung aufseiten der US-Streitkräfte gemacht und GIs mit ihren Liedern bei Laune gehalten, um sie im Kampf gegen Nazi-Deutschland zu unterstützen. Als Marlene erfahren hat, dass ihre Schwester auf der Gegenseite etwas ganz Ähnliches gemacht hat, war sie entsetzt und hatte die Befürchtung, dass ihr Image als couragierte Nazi-Gegnerin Schaden nehmen könnte.

War Elisabeth eine überzeugte Anhängerin des NS-Regimes?

Thies: Als überzeugte Nationalsozialistin würde ich Elisabeth nicht bezeichnen, aber sie hat sich schon immer anderen untergeordnet - als Kind ihrer Mutter, später ihrem autoritären Ehemann und schließlich auch den Nazis. Sie hat sich schrittweise angepasst. 1935 zum Beispiel schreibt sie noch in einem Brief an Marlene begeistert, dass sie gerade Joseph Roths Roman "Hiob" liest - ein Buch, das damals verboten war. Auch gegenüber ihrer Mutter hat sie sich drastisch gegen die Nazis ausgesprochen. Ihre kritische Haltung hat sie abgelegt, als sie in Bergen-Belsen war. Das war der Zeitpunkt, als sie ihren inneren Kompass verloren hat. Die Täter standen ihr auf einmal näher als die Opfer. Die SS-Leute waren ja auch Stammkunden in ihrem Kino und haben dort ihre Champagner-Partys gefeiert. Sie waren für Elisabeth keine Mörder oder Monster, sondern ganz normale Menschen.

Inwiefern wusste Elisabeth von den Vorgängen im Konzentrationslager?

Thies: Elisabeth hat auf jeden Fall mitbekommen, dass täglich viele ausgezehrte Menschen über die Straße in Richtung KZ getrieben wurden. Außerdem hat sie Gespräche mit SS-Leuten geführt, die im Konzentrationslager tätig waren. Darüber hinaus wusste sie auch, dass russische Kriegsgefangene zu Tausenden in Massengräber unmittelbar in der Nähe des Truppenkinos verscharrt wurden. Das hat ihr bestimmt zugesetzt, denn sie war eine sensible Frau, dazu noch eine sehr belesene und gebildete. Trotzdem standen ihr die Täter näher und sie hat sich angepasst.

Wie Sie in Ihrem Buch schreiben, waren die beiden Schwestern sehr unterschiedlich, obwohl sie altersmäßig eigentlich nah beieinander waren.
Während Hollywoodstar Marlene Dietrich sich im Zweiten Weltkrieg bei der US-amerikanischen Truppenbetreuung engagierte, ordnete sich ihre Schwester dem Hitler-Regime unter. Heinrich Thies? Doppelbiografie ?Fesche Lola, brave Liesel? ist Grundlage für das gleichnamige Theaterstück, das im Schlosstheater in Celle mit Natascha Heimes (links) als Marlene und Johanna Marx (rechts) als Liesel aufgeführt wird.
Während Hollywoodstar Marlene Dietrich sich im Zweiten Weltkrieg bei der US-amerikanischen Truppenbetreuung engagierte, ordnete sich ihre Schwester dem Hitler-Regime unter. Heinrich Thies? Doppelbiografie "Fesche Lola, brave Liesel" ist Grundlage für das gleichnamige Theaterstück, das im Schlosstheater in Celle mit Natascha Heimes (links) als Marlene und Johanna Marx (rechts) als Liesel aufgeführt wird.
Hubertus Blume/ Schlosstheater Celle
Ingolstadt



Thies: Die Schwestern waren wirklich total unterschiedlich. Marlene war schon als Kind selbstbewusst, keck und egozentrisch. Liesel hingegen war scheu und ängstlich. Außerdem litt sie an Minderwertigkeitskomplexen. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass Liesel durchaus emanzipiert war: Immerhin hat sie ein Lehrerinnenseminar absolviert und war mit großer Begeisterung Volksschullehrerin, bis sie ihren Mann geheiratet hat. Er hat von ihr verlangt, sich ausschließlich um den Haushalt und den Sohn zu kümmern. Das hat sie getan, weil sie - wie bereits gesagt - immer sehr bestrebt war, sich unterzuordnen.

Hat Marlene trotzdem Kontakt zu ihrer Schwester gehalten, obwohl sie sie verleugnete?

Thies: Das Spannende ist: Obwohl die Schwestern vollkommen unterschiedlich waren, standen sie sich trotzdem sehr nahe, als Kinder und auch später. Während des Zweiten Weltkriegs durften die beiden keinen Kontakt haben, weil Liesel im Sicherheitsbereich des Kasernengeländes tätig war und Marlene Dietrich in Deutschland als Persona non grata verschrien war. Nach dem Krieg hat Marlene ihre Schwester zwar öffentlich verleugnet. Dennoch haben die beiden sich viele Briefe geschrieben und Kontakt gehalten. Die Schwestern haben sich auch heimlich getroffen. Marlene hat Liesel oft eingeladen, sie am Rande von Konzerten zu besuchen - in London, Paris, Zürich, Liverpool. Was man auf jeden Fall sagen muss: Marlene war immer sehr fürsorglich gegenüber ihrer Schwester, besonders als es ihr psychisch immer schlechter ging. Liesels Mann hatte sie verlassen wegen einer anderen Frau. Auch ihr Sohn zog fort und gründete weit entfernt eine eigene Familie. Liesel blieb ganz allein zurück, erblindete fast und wurde psychisch krank. 1973 kam sie bei einem selbstverschuldeten Zimmerbrand ums Leben.

Marlene Dietrich hat sich so bemüht, ihre Schwester geheim zu halten. Wie sind Sie dann auf sie aufmerksam geworden?

Thies: Ich habe gemeinsam mit einem Musiker die Geschichte des Liedes "Lili Marleen" erzählt, das ja schon während des Ersten Weltkriegs entstanden ist und dann plötzlich während des Zweiten Weltkrieges an allen Fronten gesungen wurde, unter anderem eben auch von Marlene Dietrich. Im Zuge meiner Recherchen habe ich herausgefunden, dass zur gleichen Zeit, als Marlene Dietrich "Lili Marleen" gesungen hat, ihre Schwester in Bergen-Belsen Ufa-Filme mit Zarah Leander gezeigt hat, und das hat mich elektrisiert - dieser Gegensatz.

Wie ging es dann weiter bei Ihrer Recherche?

Thies: Entscheidend war für mich der Briefwechsel der Schwestern. Die Briefe sind in der Marlene-Dietrich-Collection in Berlin archiviert, die zur Deutschen Kinemathek gehört. Die Briefe habe ich alle gelesen und ausgewertet - eine mühsame Arbeit, weil man die Schriftstücke nicht fotografieren durfte. Also musste ich sie abschreiben. Ich war der Erste, der diese Briefe systematisch ausgewertet hat. Und das hat sich gelohnt, weil ich sehr viele Details über das Verhältnis der ungleichen Schwestern herausgefunden habe.

Ergibt sich nach Ihren Recherchen ein neuer Blick auf Marlene Dietrich ?
Marlene Dietrich
 
dpa
Ingolstadt


Thies: Meine Recherchen haben mir einmal mehr gezeigt, wie sehr Marlene Dietrich bemüht war, sich selbst zur Legende zu stilisieren. Sie hat immer wieder ihre Lebensgeschichte umgedichtet und sich neu erfunden. Das fängt beim Tod ihres Vaters an. Er ist an Syphilis gestorben, weil er sich mit Prostituieren herumgetrieben hat. Marlene hat aber in ihrer Biografie geschrieben, er sei im Ersten Weltkrieg gefallen. Auch bei ihrem Alter hat sie immer wieder gemogelt und es nach unten korrigiert. Zu ihrer stilisierten Lebensgeschichte als lebender Mythos hat ihre Schwester nicht gepasst, weshalb sie sie bis zu ihrem Tod verleugnet hat. Was man allerdings sagen muss: Hinter dieser Glitzerfassade war Marlene oft sehr einsam. Ihre Verzweiflung und Einsamkeit hat sie zunehmend mit Alkohol zu bekämpfen versucht und massenhaft Tabletten geschluckt. So unterschiedlich die beiden Schwestern auch waren, haben sie doch eine entscheidende Gemeinsamkeit: Beide haben sich ein Stück weit selbst verloren - Liesel, indem sie sich immer mehr selbst ausgelöscht hat, Marlene, indem sie ständig unterschiedliche Rollen gespielt hat. Zuerst die Rolle der Femme fatale, dann während des Zweiten Weltkriegs die tapfere Truppenbetreuerin und schließlich mit dem Lied "Sag mir, wo die Blumen sind" als Pazifistin.



Der Stoff Ihres Buches hat es auch auf die Bühne im Schlosstheater in Celle geschafft. Sie haben für "Fesche Lola, brave Liesel" auch die Bühnenfassung geschrieben. Ist das Thema überhaupt für das Theater geeignet?

Thies: Das Thema ist deshalb so gut für die Bühne geeignet, weil es Dramatik beinhaltet. Mein Buch besteht aus vielen Szenen, in denen auch gesprochen wird. Dazu kommt natürlich, dass in diesem ganzen Stoff unglaublich viel Musik drin ist. Lieder von Marlene Dietrich, aber auch von Zarah Leander. Für die Inszenierung hat das Theater sechs Jazz-Musiker ins Boot geholt, die diese alten Lieder auf zeitgenössische Weise interpretieren. Dieser Stoff ist außerdem gut für das Theater geeignet, weil es eben um das Theater geht.

Das Gespräch führte

Xenia Schmeizl.


Das Theaterstück "Fesche Lola, brave Liesel" wird noch bis 17. November im Schlosstheater in Celle aufgeführt.

ZUR PERSON
Heinrich Thies kam 1953 in Niedersachsen zur Welt. Er studierte Germanistik, Politik, Philosophie und Journalistik und war zunächst als Gymnasiallehrer tätig. Vom Jahr 1989 bis 2015 war Heinrich Thies Redakteur und Chefreporter bei der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". 1991 wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter Biografien, Romane, Krimis, Sachbücher und Kinderbücher.
 
Xenia Schmeizl
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