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"Ich sehe in Strauß eine tragische Figur"

erstellt am 07.09.2011 um 20:15 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 14:41 Uhr | x gelesen
München (DK) Jesus. Ja, Jesus war er auch schon. Jetzt ist er Franz Josef Strauß. Plisch leidet unter einer Persönlichkeitsspaltung, unter manischen Schüben, in denen er sich immer wieder in andere Figuren verwandelt.
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: "Ich sehe in Strauß eine tragische Figur"
Albert Ostermaier. - Foto: Ohlbaum
So wird die geschlossene Abteilung einer Nervenheilanstalt zur politischen Bühne, auf der Plisch die Strippen zieht, Ereignisse rekapituliert, in verschiedene Rollen schlüpft, Reden zitiert und sogar Patienten und Pfleger dazu bringt mitzuspielen. Milliardenkredit und Mythen, Macht und Missbrauch, Wahrheit und Vision, Amigos und Affären: Albert Ostermaier hat ein Stück über Franz Josef Strauß geschrieben, das am 7. Oktober im Münchner Cuvillies-theater unter der Regie von Stephan Rottkamp seine Uraufführung erlebt. Unsere Redakteurin Anja Witzke hat mit dem 43-Jährigen gesprochen.
 

Warum muss man über Franz Josef Strauß ein Theaterstück machen?

Albert Ostermaier: Weil Franz Josef Strauß eine Figur ist, die Bayern in der Tiefe geprägt hat. Und weil er per se eine sehr theatrale Figur ist. Eine Figur von Shakespearescher Dimension. Die allerdings immer einen guten Instinkt hatte für die Inszenierung – die Selbstinszenierung und die Art und Weise, wie sich Bayern inszeniert. Unser Bayernbild ist doch ganz stark von Franz Josef Strauß geprägt. Es ist insofern auch eine wunderbare Metapher über das, was Politik ist, was Macht ist.

Das Stück heißt „Halali“. Blasen Sie zur Politikerhatz?

Ostermaier: Das wäre mir zu billig. Strauß hat sich einmal als einen „Menschen in seinen Widersprüchen“ bezeichnet. Diese Widersprüche interessierten mich, das Unerwartete jenseits der Klischees. Und für den Titel „Halali“ gibt es mehrere Gründe. Zunächst ist Strauß auf der Jagd gestorben. Dann gibt es die Geschichte um seinen Sohn Max, auf den ja wirklich eine Hetzjagd veranstaltet wurde – obwohl er später freigesprochen wurde. Und natürlich ist die Jagd ein antikes, mythisches Motiv. Und der Inbegriff des Männlichen, des Jägers und Sammlers. Auch das hat viel mit Strauß zu tun. Man kann die Jagd als Metapher sehen, in der der Jäger plötzlich zum Gejagten wird.

Das Stück ist ein Auftragswerk des Staatsschauspiels.

Ostermaier: Trotzdem war es meine Idee. Ich bedauere schon lange, dass es in Deutschland die Tradition der Politiker-Stücke nicht mehr gibt – etwa im Gegensatz zu Großbritannien. Und ich finde, Franz Josef Strauß ist jemand, der mehr und mehr aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet. Den unsere Generation noch kennt, der bei den Jungen aber nicht mehr präsent ist. Die Stoibers dieser Welt haben ja auch versucht, Strauß abzuwickeln. Und dann tauchte er plötzlich vor einem Jahr beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg wieder auf. Und man merkte auf einmal – nur in der Karikatur –, dass da etwas verloren gegangen ist. Dass Strauß jemand war, der eben nicht stromlinienförmig war, der Ecken und Kanten hatte, der sagte, was er dachte. Der sich damit angreifbar machte, auch angegriffen wurde und angegriffen hat. Solch eine Figur in ihrer Zeitgemäßheit und in ihrer Unzeitgemäßheit zu zeigen, das fand ich spannend.

Was hat Sie an Franz Josef Strauß gereizt? Das Private? Das Politische? Die Skandale?

Ostermaier: Genau wie bei Shakespeare das Private im Politischen und das Politische im Privaten. Ich sehe in Strauß eine tragische Figur. Viele empfanden es ja als einen Höhepunkt, als Strauß auf dem Nockherberg zum König von Bayern gekrönt wurde. Dieses Bild hat man ja von Strauß gemeinhin. Für mich ist das hingegen der Punkt des größten Scheiterns. Strauß wollte immer ein Weltpolitiker sein, hat sich immer mehr als ein Kennedy verstanden. Es gibt Bilder von ihm, am Mittelmeer in Frankreich, im braunen Anzug, mit offenem Hemd, ganz mondän. Dieses Bild hat viel in mir ausgelöst. Vielleicht hatte ich ihn bislang immer falsch gesehen. Strauß hat Bayern in gewisser Weise auch verachtet. Das würden jetzt wohl viele abstreiten. Aber diese Politiker, die es damals in Bayern gab, ihr Niveau – das war nicht seine Liga. Er wollte Weltpolitik machen und ein Politiker von Weltformat sein. Doch dann brachen ihm immer mehr Optionen weg – und das Einzige, was dann noch übrig blieb, war der bayerische Ministerpräsident. Eigentlich war es für ihn wie eine Bestrafung, ein Trachtensakko anzuziehen und auf diesen Hirschhornknopf reduziert zu werden. Das hat doch etwas Tragisches. Also hat er versucht, das zu kompensieren und aus Bayern Weltpolitik zu machen. Denken Sie an den Milliardenkredit. Aber das ist ihm nicht gelungen. Ich glaube auch, dass er die Politik so sehr als seine persönliche Sache definiert hat, dass er zwischen Privatem und Politischem nicht mehr unterschieden hat – wenn es nur für Bayern von Vorteil war.

Ihr Stück spielt in der geschlossenen Abteilung einer Nervenheilanstalt. Warum ist gerade so ein Sanatorium – denken wir an „Die Physiker“, an den „Zauberberg“ oder an das „Kuckucksnest“ – ein so exzellenter Ort als Ausgangspunkt einer Geschichte?

Ostermaier: Weil es ein Möglichkeitsraum ist. Ein Raum, in dem alles gedacht und formuliert werden kann. Weil es keine Scheu gibt, keine Denkverbote. Weil Grenzen gezogen, aber auch überschritten werden. Das macht den Ort so spannend. Außerdem lag der Ort für mich auf der Hand: Schließlich gibt es da diese Geschichte von Max Strauß, der über den ganzen Ermittlungen und Prozessen depressiv wurde und in die psychiatrische Abteilung der Universität in der Münchner Nussbaumstraße kam. Ebenso der SZ-Journalist, der ihn verfolgt und alles aufgedeckt hat. Beide sind sich als Patienten dort begegnet. Der Gejagte und der Jäger. Das war so eine Wahnsinnssituation, dass es eigentlich nach einem Stück geschrien hat. Deshalb war dieser Ort eigentlich vorgegeben.

Bis 2005 war Monika Hohlmeier, Strauß’ Tochter, bayerische Kultusministerin. Hätte Ihr Stück in dieser Zeit erscheinen können?

Ostermaier: Mit Martin Kusej als Intendant hätte es immer erscheinen können. In der Verfassung steht: Zensur findet nicht statt. (Er lacht.) Im Ernst: Das Stück ist in keinem Moment respektlos, beleidigend oder denunzierend. Es ist eine ganz aufrichtige Auseinandersetzung mit Strauß. In diesem Sinn erkennt es das an, was anzuerkennen ist, bewundert, was bewundernswert ist, aber benennt auch, was ihm vorzuwerfen ist.

Was glauben Sie, wie hätte Franz Josef Strauß auf Ihr Stück reagiert?

Ostermaier: (lacht) Er hätte wahrscheinlich am liebsten die Hauptrolle gespielt.

Die Spielzeit des Residenztheaters startet am 6. Oktober. Karten gibt es unter Telefon (0 89) 21 85 19 40 oder unter www. residenztheater.de.

Donaukurier
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