Mittwoch, 19. Dezember 2018
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Der Lyriker und Liedermacher Wolf Biermann wurde mit dem Neuburger Ernst-Toller-Preis ausgezeichnet

"Ich bin ein Weiser, der wenig weiß"

Neuburg
erstellt am 02.12.2018 um 19:13 Uhr
aktualisiert am 03.12.2018 um 22:55 Uhr | x gelesen
Neuburg (DK) Nein, das Preisgeld in Höhe von 5000 Euro habe ihn nicht so sehr interessiert.
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Wolf Biermann musizierte zusammen mit seiner Frau Pamela bei der Preisverleihung.
Wolf Biermann musizierte zusammen mit seiner Frau Pamela bei der Preisverleihung.
Buckl
Neuburg
"Aber dass ich durch diese Auszeichnung nun endlich gezwungen war, mir den ganzen Toller reinzuziehen, das war mein eigentlicher Gewinn", bekannte Wolf Biermann am Samstag, exakt am 125. Geburtstag Ernst Tollers, im Stadttheater Neuburg. Dort wurde zum zehnten Mal der Ernst-Toller-Preis vergeben, gestiftet von der Ernst-Toller-Gesellschaft, dem Lions-Club und der Stadt Neuburg "für besondere literarische Leistungen im Grenzbereich von Literatur und Politik". Er ist also wie geschaffen für Wolf Biermann.

Dies zeigte auch das Programm des fast dreistündigen Festakts, in dessen Zentrum neben den Dankesworten Biermanns die luzide Laudatio des Bamberger Germanistik-Emeritus Wulf Segebrecht stand. Musikalisch umrahmt wurde der Akt, bei dem auch Neuburgs OB Bernhard Gmehling, Lions-Club-Präsident Manfred Rinke, Jurorin Kirsten Reimers und Irene Zanol, die Innsbrucker Mit-Herausgeberin der Kritischen Brief-Edition Tollers, zu Wort kamen, durch originelle Einlagen des Percussion-Quartetts Vier Hoibe. Den Preis übergab Dieter Distl als Vorsitzender der Ernst-Toller-Gesellschaft.

Auszeichnung für Biermann


Sowohl Segebrechts Laudatio wie Biermanns Dankesrede orientierten sich jeweils streng an einem Leitmotiv, was beide Reden höchst hörenswert machte, zumal Biermann auch Lieder integrierte, zu denen ihn teils seine Ehefrau Pamela mit Gesang begleitete. Segebrecht stellte seine Laudatio in zehn streng komponierten Kapiteln unter das Motto von Lob und Tadel. In kunstvollen rhetorischen Wortspielen reflektierte er darüber, dass man Lob auch von der falschen Seite bekommen, sich andererseits aber auch aufgrund von Tadel auszeichnen könne. Er erinnerte daran, dass Biermann in seiner jüngst erschienenen Autobiografie leitmotivisch durchgängig seinen Vater lobe, ein Kommunist und Jude, der in Auschwitz ermordet wurde. In seinen frühen Gedichten habe Biermann auf den Spuren dieses Vaters "im Wir-Ton der Genossen" das Lob des Kommunismus gesungen. Seinerseits habe ihn für sein Gedicht "An die alten Genossen", das die SED-Spitze erboste, Ministerin Margot Honecker gelobt, die mit Biermanns Mutter befreundet war, den jungen Lyriker aber auch mahnte: "Gehe nicht ohne uns, geh nicht den falschen Weg! " Dieses "zwar kritische, aber doch versöhnliche Gedicht" habe in der Partei dazu geführt, eine Diffamierungskampagne gegen Biermann zu beginnen.

Segebrecht ging ein auf Biermanns Beschattung durch die Stasi, die der Autor in seiner "Ballade von der Stasi" ironisch besang: "Brüder von der Sicherheit / ihr allein kennt all mein Leid / dankbar rechne ich euch an / die Stasi ist mein Eckermann! " Nach seiner Ausbürgerung 1976 sei der Liedermacher aber "vom Regen in die Jauche" und unter heftigen Beschuss geraten, als er die Bundesrepublik "faschistisch" nannte und an die Nazi-Vergangenheit von CDU-Politikern erinnerte. Ein Leitmotiv von Biermanns Leben sei das Renegatentum und die Maxime "Nur wer sich ändert, bleibt sich treu", das Oxymoron sei für den "frommen Ketzer" mehr als nur eine Stilfigur - nämlich eine Lebensform und "seine schärfste Waffe".

Biermann eröffnete seine Dankesrede mit dem Hinweis darauf, dass er bei der Anfrage aus Neuburg zunächst seine Frau gefragt habe: "Möchte ich diesen Preis annehmen? " Wie es in Jurys nämlich zu Entscheidungen komme, habe ihm Marcel Reich-Ranicki einst verraten, bevor er sich mit ihm "zerfreundet" hat: "Nu ja, die eine Fraktion will Kandidat A, die andere Kandidat B - und dann kriegt Kandidat C den Preis. " Biermann gestand, in der DDR kaum von Toller gehört zu haben - "Der passte nicht in die DDR, er war den Polit-Verwesern im Polit-Büro zu revolutionsromantisch, zu pazifistisch, zu einzelgängerisch! " Die Folge: "Ihn las kein Aas", man war auf Brecht fixiert: "Und während sich Toller 1939 in New York erhängte, gelang es Brecht immer wieder, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen! "

Damit hatte Biermann das primäre Thema seiner Rede anklingen lassen - er erinnerte an Suizide von Autoren wie den Lyrikern Sergei Jessenin und Wladimir Majakowski, an Kurt Tucholsky und an Carl Amerys Lob des Freitods. Der 82-jährige Biermann ("Ich bin kein alter Mann mehr, sondern schon ein blutjunger Greis, ich bin ein Weiser, der wenig weiß") spekuliert "nicht auf ein Leben nach dem Tod", Freund Hein sei sein Feind. Der Toller-Preis sei für ihn "ein Kuss in die Seele und Ermunterung", und "ein guter Start in die letzte Etappe meiner Lebensreise", in der sein Standort der Platz "zwischen begründeter Verzweiflung und begründeter Hoffnung" sei.

Ausführlich erzählte Biermann ("Darf ich noch was einfügen oder haben wir es eilig? ") von einer Begegnung mit dem Philosophen E. M. Cioran in Paris, der im Suizid "unser humanstes Prinzip" sah, wohingegen Biermann Blochs "Prinzip Hoffnung" vertrat. Dazu gab es dann das Lied "Melancholie" - natürlich wieder mit Oxymoron: "Wer die Hoffnung predigt, ja der lügt / doch wer die Hoffnung tötet, ist ein Schweinehund! " Nur einmal habe ihn die Angst völlig im Griff gehabt, erzählt der Lyriker: Am Tag des Sowjet-Einmarsches in Prag habe er sich nach einem anonymen Anruf nachts um halb drei Uhr rasiert, in Frauenkluft gekleidet und sei so aus der Wohnung geschlichen, da er eine Verhaftung befürchtete.

Den Festakt zum zehnten Toller-Preis schloss ein Empfang im nahen Boxenstall ab.
 

Im Grenzbereich von Literatur und Politik

Der Ernst-Toller-Preis wurde 1993 von der Ernst-Toller-Gesellschaft, dem Lions-Club und der Stadt Neuburg geschaffen und  zeichnet alle zwei Jahre besondere literarische Leistungen im Grenzbereich von Literatur und Politik aus. Der Preis ist mit 5000 Euro dotiert. Wegen seiner Beteiligung an der Münchner Räterepublik verbrachte Ernst Toller vier Jahre, von 1920 bis 1924, im Gefängnis Niederschönfeld in der Nähe von Neuburg. Während dieser Zeit enstanden seine wichtigsten literarischen Werke. 1933 emigrierte er zunächst in die Schweiz. Nach mehreren Exilstationen kam er 1937 in die USA, wo er sich 1939 im Alter von 45 Jahren das Leben nahm.  Preisträger waren unter anderem Juli Zeh, Albert Ostermaier, Günter Grass, Christoph Ransmayr und Gerhard Polt.
Walter Buckl
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