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Glücksgriff: Lessing kreativ, frisch und textgetreu

erstellt am 01.05.2006 um 19:12 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 15:11 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Mit der Verpflichtung der Gastregisseurin Antje Lenkeit ist dem Theater Ingolstadt ein Glücksgriff gelungen. Ihre erste Arbeit hier, Gotthold Ephraim Lessings Trauerspiel "Emilia Galotti", fasziniert durch Frische, Kreativität und Originalität, fernab aber der grassierenden Aktualisierungs-Manie, mit der Klassiker derzeit allerorten platt gemacht werden.
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Die Inszenierung der 1953 geborenen Düsseldorferin lebt zunächst von der Wertschätzung des Texts. Lessing kommt original bis in die antiquiert wirkenden Endsilben. Immer wieder werden Kernsätze des Stücks auf die Bühne projiziert. Und dann gibt es ganz überraschende, kunstvolle Verschränkungen der Dialoge, psychologische Fingerzeige, so auch durch die Duplizierung des hier als Schlüsseltext verstandenen Berichts der Bürgerstochter Emilia Galotti vom penetranten Annäherungsversuch des Prinzen in der Kirche. Am Ende wird das Opfer sagen: "Verführung ist die wahre Gewalt." Lenkeit profiliert klug Lessings modern wirkende Ansätze zur Problematik der Geschlechterbeziehungen.
 
Emilia Galotti

Darstellerisch setzt die Regisseurin effektvoll auf exzentrische Körpersprache mit vielerlei Verrenkungen und Verkeilungen. Als der geile Prinz von der unmittelbar bevorstehenden Hochzeit Emilias erfährt, krümmt er sich anfallartig auf einem Sitzpolster, dass ihm das Blut in den Kopf schießt. Er ist von einer Art spätpubertärer Fallsucht besessen, wirft sich, wenn es Probleme gibt, sogleich zu Boden. Und als die ihm überdrüssig gewordene Geliebte, die Gräfin Orsina, auch sie bevorzugt merkwürdigerweise die liegende Haltung, als diese schrille, schottenrockige Figur mit grässlicher Perücke zur Unzeit im Lustschloss eintrifft, wo der Prinz hinter den Kulissen gerade mit Emilia beschäftigt ist, da stürzt der Lüstling auf die Bühne, joggt hektisch eine Runde, um zu bekunden, dass er gerade überhaupt keine Zeit hat. Ein eher platter Gag, den diese pfiffige und trickreiche Regisseurin nicht nötig hätte. Spannend und unterhaltsam gerät ihr das Trauerspiel ohnehin in ungewohntem Maß.

Und es bietet Diskussionsstoff. Man beachte das Outfit der Personen. Auf der einen Seite der Prinz, ganz locker in abgewetzten Jeans und Designer-Pullover; sein tückisches Alter Ego, der Kammerherr Marinelli, ein Meister der Täuschung, in silbergrauem, feinem italienischen Tuch. Die auf Recht und Ordnung bestehende Gegenpartei dagegen kommt entschieden bieder daher. Der Vater Galotti im dunkelblauen Lodenmantel. Emilias Verlobter Graf Appiani, im Text wegen seiner edlen humanen Gesinnung hoch gerühmt, wird von Olaf Danner als rothaariger Spießer vorgeführt. Was auf den ersten Blick wie eine peinliche Fehlbesetzung wirkt, ist womöglich gewollt. Da lässt sich spekulieren.

Hohen Anteil am Erfolg des Ingolstädter Lessing-Projekts hat der Ausstatter Bodo Demelius mit seinen wunderbar detailliert gearbeiteten Kostümen, insbesondere aber mit seinem abstrakten Bühnenbild, das immer wieder durch höchst raffinierte Wandlungen und Perspektiven verblüfft. Atemberaubend, wie die bedrohlich überdimensionalen Frauenporträts des Malers Conti von den Schauspielern herumbugsiert werden.

Bester Darsteller des Abends ist Ralf Lichtenberg als Marinelli. Ziemlich perfekt gibt er den intellektuellen Bürokraten des Bösen, der an jüngere deutsche Vergangenheit erinnern lässt. Eine sehr schöne Leistung in der Titelrolle bietet Rebecca Kirchmann, zumal wie sie die Zerrissenheit der jungen Frau andeutet. Gunter Heun als Prinz von Guastalla zeigt enormen körperlichen Einsatz und verleiht dem unbekümmerten Lüstling durchaus sympathische Playboy-Züge. Eine Freude, wie immer, die Schauspielerin Gesine Lübcke in der Rolle der Mutter Galotti. Als Vater agiert überzeugend Rolf Germeroth. Olaf Danner, unglücklich erscheinend als Graf Appiani, hat immerhin vorher in der Rolle des fürstlichen Rats Camillo Rota einen beeindruckenden Auftritt. Wie der Beamte, empört darüber, dass der Herrscher ein Todesurteil so en passant zu unterschreiben geneigt war, das Dokument wütend in den Mund steckt, durchkaut und ausspuckt, das ist eine starke Szene. Eher ungünstig erscheint die Doppelbesetzung des Malers Conti und des Ganoven Angelo durch Gregor Trakis, da beide Figuren zu wenig Kontrast aufweisen. Chris Nonnast spielt sehr eindrucksvoll die lasziv überdrehte Gräfin Orsina. Und schließlich eine hübsch gestaltete Nebenrolle: Bettina Schmidt als Bedienstete Bianca.

Die Premiere dieser ungewöhnlichen, unbedingt sehenswerten Inszenierung wurde mit viel Beifall bedacht. Schön übrigens, wie in der ersten Szene auf dem rechten Balkon das Blattgoldbild von Heinrich Eichmann angeleuchtet wird – feine Reverenz einer gescheiten und gewitzten Regisseurin an den vor vierzig Jahren eröffneten Theaterbau.

Friedrich Kraft, Donaukurier
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