Mittwoch, 12. Dezember 2018
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Tareq Nazmi eröffnet die Ingolstädter Konzertvereins-Saison mit Schumann-Liedern

Glänzender Lied-Rhetoriker

Ingolstadt
erstellt am 23.09.2018 um 18:22 Uhr
aktualisiert am 23.09.2018 um 18:24 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Wohl jeder, der Tareq Nazmi vor etwa einem Jahr in Ingolstadt bei dem Gastspiel der Salzburger Festspiele im Rahmen der Audi-Sommerkonzerte gehört hat, weiß, dass er ein fantastischer Bassbariton ist.
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Dunkle Romantik: Bassbariton Tareq Nazmi singt eine Auswahl von Liedern Robert Schumanns im Ingolstädter Festsaal. Er wird von Gerold Huber begleitet.
Dunkle Romantik: Bassbariton Tareq Nazmi singt eine Auswahl von Liedern Robert Schumanns im Ingolstädter Festsaal. Er wird von Gerold Huber begleitet.
Schaffer
Ingolstadt
Nazmi hat damals mit klarer, kraftvoller, vibratoarmer Stimme die Basspartie in Mozarts "Requiem" gesungen, der Grieche Teodor Currentzis dirigierte: ein Ereignis, zum Teil auch wegen des Münchner Sängers.

Nun war Tareq Nazmi erneut zu Gast in Ingolstadt, diesmal beim Konzertverein - und konnte doch nicht in gleichem Maße begeistern wie vor einem Jahr. Was natürlich ganz und gar nicht bedeutet, dass Nazmi ein schlechter Sänger wäre. Sondern, dass Liedgesang andere Fähigkeiten fordert als etwa das Oratorium oder die Oper.

Nazmi hatte sich für sein Ingolstädter Konzert ausschließlich auf die oft melancholischen, manchmal ironischen oder hintergründigen, stets aber sehr subtilen Lieder von Robert Schumann konzentriert. Begleitet wurde er von einem der besten Liedpianisten überhaupt: Gerold Huber.

Licht und Schatten von Nazmis Darstellung werden bereits bei den ersten vorgetragenen Liedern deutlich: etwa bei "Der Schatzgräber" aus dem Zyklus "4 Lieder nach Joseph von Eichendorff". Das Lied beginnt düster, fast opernhaft dramatisch, schildert hemmungslose Gier, schillerndes Licht einer einsamen Mondnacht und reinen Engelsgesang. Die Gegensätze in den wenigen Zeilen sind riesenhaft, in der Dynamik und im Ausdruck, zwischen fast gehauchter Nachtmelancholie und wütender Habsucht.

Tareq Nazmi singt die gewaltigen Ausbrüche mit donnerndem Bass, gewaltig laut, dass selbst Gerold Huber am weit geöffneten Flügel nicht mehr dagegen ankommt. Die dunkle Stimme des jungen Bassbaritons ist in diesem Moment ungemein eindrucksvoll, voller erdiger, rauer Schwärze, sinnlich und metallisch. Die Stimme eines großen Sängers. Aber die gehauchten Pianissimo-Passagen? Ihnen fehlt es dagegen an Substanz, sie dringen in den Saal fast wie neutraler Sprechgesang ohne jede besondere Farbe, ohne Glanz und Aura. Dabei ist Nazmi ein glänzender Rhetoriker, er führt die Lieder wie kleine hochdramatische Opern dem Publikum vor, anschaulich, spannungsgeladen, als hätte er die kleinen Episoden des lyrischen Ichs selber gerade erlebt. Fast jedes Wort, das er singt, ist verständlich. Wunderbar!

Natürlich gibt es Lieder, die Nazmi mit seinen vokalen Möglichkeiten fantastisch gelingen - etwa "Die beiden Grenadiere" nach einem Gedicht von Heinrich Heine. Die kurzen narrativen Passagen klingen, so neutral erzählt, ganz wunderbar. Und wenn der Grenadier im nationalistischen Rausch sich aufbäumt, wenn er sich verliert im patriotischen Überschwang, dann singt Nazmi das mit einer solchen überdimensionalen, raumfüllenden Stimmgewalt, dass man tief erschüttert ist. Und Gerold Huber spielt das Nachspiel danach so nachdenklich und distanziert, dass umso mehr der verzweifelte Ausbruch des Grenadiers als böser Traum entlarvt wird. Wie überhaupt man den Pianisten nicht genug bewundern kann für den Ideenreichtum, die schier unendlichen Valenzen seines Anschlags. Ein Genie der Klavierbegleitung.

Jesko Schulze-Reimpell
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