Sonntag, 16. Dezember 2018
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Zwischen Mensch und Maschine

Ingolstadt
erstellt am 17.06.2018 um 16:49 Uhr
aktualisiert am 18.10.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Fantastische Zukunftsaussichten: Rund 14 000 Besucher kamen zu den mehr als 80 Veranstaltungen des Futurologischen Kongresses, der am Samstag mit einem Familientag und einem magischen Finale zu Ende ging.
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Orgie des digitalen Zeitalters: Roboter agieren wie menschliche Wesen, Menschen zappeln und stammeln wie defekte Maschinen.
Weinretter
Ingolstadt

Installation „Gläserne Wohnung“ in der Galerie des Kunstvereins
Schuhe ausziehen! Schließlich strahlt in der Wohnung von Laura und Jan alles blitzweiß. Gäbe es eine Tür, würde man sie mit einem Chip öffnen – und eine Welt betreten, in der die neuen Technologien längst Einzug gehalten haben. Ein erster Hinweis darauf findet sich in den meterlangen AGBs, die der Besucher zuvor noch  unterschreiben sollte. Genaues Lesen wäre allerdings hilfreich, steht da doch beispielsweise: „Ich stimme zu, dass meine Daten und Bilder an Zweite, Dritte, Hunde, gelbe Affen und blaue Katzen weitergegeben werden.“  Ein bisschen Ironie kann nicht schaden bei einem solch ernsthaften Thema, das das Team des Jungen Theaters Ingolstadt in der Galerie des Kunstvereins auf so unterhaltsame  wie erkenntnisreiche Weise mit der „Gläsernen Wohnung“ verhandelt.
Für die Stippvisite bei Laura und Jan holt man sich am Besten einen Audioguide, denn dieser erst enthüllt die Geschichten der Objekte, die auf den ersten Blick ganz normal aussehen. Doch der Regenschirm im Flur ist wetterfühlig, blinkt, wenn Regen zu erwarten ist und navigiert einen via GPS durch unbekanntes Terrain. Der Mülleimer in der Küche ist mit einer Kameratechnik ausgestattet, die den Barcode der Abfallprodukte auslesen kann – und online sofort Nachschub ordert. Der Kühlschrank ist vom Smartphone aus zu steuern, er sendet Nachrichten, ob noch genügend Butter da ist oder macht  Vorschläge für gesündere Alternativen. Der Klorollenhalter im Bad blinkt, wenn das Papier knapp wird und sendet eine entsprechende Message auf Lauras Smartphone. Es gibt einen Staubsaugroboter und telepathische Bilderrahmen. Im Bad hilft die „Playbrush“, eine smarte Kinder-Zahnbürste mit Apps, spielerisch beim Zähneputzen. Und im Kinderzimmer  tollt Roboterhund Cozmo herum, bellt, singt Kinderlieder und schlägt Purzelbaum. Cozmo ist der Hit bei den jüngsten Besuchern. Und: Er hat eine Kamera in seiner Nase.
Die Vision  einer Technik, die den Alltag einfacher macht, sie ist längst Realität. Doch: „Der Boom der vernetzten Magie hat auch eine Kehrseite“, erklären die Macher der Installation. „Daten bedeuten in der neuen Internetwelt Macht. Jeder hinterlässt Datenspuren. Wer sie benutzt, weiß man nicht.“
Die spannende, sehenswerte Installation ist noch bis Samstag täglich von 17 bis 20 Uhr zu sehen.  Interessierte Schulklassen können sich bei julia.mayr@ingolstadt.de anmelden.
 

Fotostrecke: Futurologischer Kongress Cocktail
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Vorträge über „Big Data“ und das „Kinderzimmer der Zunkunft“
Im Kinderzimmer der „Gläsernen Wohnung“ hatte sich auch eine Messlatte befunden – mit Zukunftsprognosen über Tochter Alina. Wie man diese erstellt,  erklärt Madonius vom Chaos Computer Club  beim Family Day in seinem Vortrag „Big Data“. „Ganz einfach, du erzählt es uns, in dem du Websites oder Browser benutzt – oder die Gadgets, die wir dir verkauft oder geschenkt haben.“ Längst weiß man alles über den „gläsernen Menschen“: Wann er morgens aufsteht, verrät die Smartwatch am Handgelenk. Was er frühstückt zeigt das Foto des Müslis, das er jeden Morgen postet. Freizeit- und Ernährungsverhalten, Fitness und Bildungsstand, Schulabschluss und Jobwechsel: „Wir betrachten keine Massen, wir betrachten dich!“ Es klingt wie eine Drohung, aber natürlich ist Madonius keiner, der den Datenkraken zuarbeitet, sondern im Gegenteil vor dem allzu leichten Preisgeben der Daten warnt. Denn die Vernetzung von Datenquellen führt zu neuartigen, unkontrollierbaren Nutzungen, die viele Risiken bergen. Madonius: „Wir verkaufen unsere Daten für Bequemlichkeit.“ Um Datenschutz geht es auch im Vortrag des Juristen Stefan Hessel über „Das Kinderzimmer der Zukunft“. Er spricht über Smart Toys, also vernetztes Spielzeug, Trojaner, Tracker und millionenfache Datendiebstähle bei VTech  oder CloudPets in den vergangenen Jahren. „Spielzeug darf nicht leicht entflammbar sein, aber wenn der Nachbar mithört, scheint das kein Problem zu sein“, meint Hessel ironisch. „Da muss der Gesetzgeber noch mal ran.“ 
 

Fotostrecke: Futurologischer Kongress Freitag
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Workshops von „Robot Dance“  bis „Future Fashion“
Fünf Workshops für alle Alterststufen hatte sich das Junge Theater ausgedacht: „Roboter programmieren leicht gemacht“, „Robot Dance“, „Künstliche Stimmen“, „Future Fashion“  und „Kryptokarten verschlüsseln“. Was ist das beste Verschlüsselungsverfahren? Und wie kann man das knacken? Mit solchen Fragen wird  Workshopleiter  Madonius etwa gelöchert. Am Nachmittag gibt  es kleine Präsentationen der Ergebnisse: Ein Dutzend Kinder  demonstrieren mit Rob Lawray die Invasion der Roboter. Noch mal so viele zeigen anschließend ihre Leidenschaft fürs verrückte Design und Spaß am Modeln. Und ein blecherner Chor singt mit allerliebster Automatenstimme: Ich bin ein kleiner süßer Roboter."
 

Fotostrecke: Futurologischer Kongress: Familientag
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Ekstatisch und wild: Simon Mayer: „Oh Magic“
Ein automatisches Klavier klimpert vor sich hin. Immer die gleiche Melodie. Ein kleiner Roboter mit Scheinwerfer leuchtet ins Publikum hinein. Ein Triangel ertönt, wie von Geisterhand angeschlagen. Ein Roboter mit einem Mikrofon entfaltet sich und fährt surrend über die Bühne im Großen Haus des Stadttheaters Ingolstadt. So bedächtig und betörend beginnt die Performance „Oh Magic“ des Wiener Choreografen Simon Mayer.
Und ganz anders geht sie zu Ende: Als verstörende Orgie, wie ein magisches Ritual eines unbekannten Volksstammes, laut, ekstatisch, wild.
„Oh Magic“ entzieht sich gängigen Genre-Kategorien, ist gleichzeitig Konzert und Ballett, Theater und Ritual. Roboter agieren fast wie menschliche Wesen auf der Bühne, und die vier Performer zappeln und stammeln, kreischen, musizieren und jodeln wie deformierte Roboter. Grenzen werden aufgehoben, auch die der Sinnhaftigkeit. Denn kein bestimmter Inhalt, den man erzählen könnte ist zu sehen. Sondern eine Art schamanischer Brauch, Überwältigungstheater, jenseits jedes symbolischen Werts. Das Publikum lacht, ist hingerissen, bewegt sich im stampfenden Rhythmus der monotonen Musik, ist begeistert, hingerissen oder verstört. Auf keinen Fall aber gelangweilt oder desinteressiert.
Bald schon reißen sich die vier Akteure alle Kleider vom Leib, tanzen und hüpfen völlig enthemmt, unkontrolliert lustvoll über die Bühne. Ganz am Ende totale Erschöpfung, die drei Männer liegen nackt auf dem Boden, die Pianistin spielt mit den Füßen noch ein paar einsam verklingende Töne auf dem Flügel, windet sich auf das Instrument und schlüpft unter den riesigen schwarzen Deckel, als wäre es eine Decke. So endet der Futurologische Kongress: als posthumanistische Orgie, in der in der Ekstase die Grenzen zwischen Mensch und Maschine endgültig zerfließen.

Intendant Knut Weber plant einen „Abend 4.0“
Intendant Knut Weber zeigte sich gestern euphorisch:  „Etwa 14 000 Besucher am ganzen Wochenende – das ist einfach sensationell. Die Diskussionen, die Vorträge, die szenischen Lesungen, die Inszenierungen, die theatralen Interventionen – es war alles voll.“ Dabei waren Organisation und Ausführung ein riesiger Kraftakt – und das neben dem laufenden Theaterbetrieb. Aber: „Es hat sich gelohnt. Das Theater hat gezeigt, dass es für die Diskussion in der Stadt ein wichtiger Motor sein kann. Und bestimmte Bausteine des Futurologischen Kongresses werden wir in der nächsten Spielzeit wiederholen. Was genau, das müssen wir noch besprechen, Alexander Nerlichs Produktion ,Asche‘  wird sicher dabei sein. Es wird auf jeden Fall einen Abend 4.0 geben, wo wir einige der Beiträge  zu einer speziellen Produktion im Kleinen Haus zusammenfassen. Im Moment bin ich einfach nur glücklich und überwältigt von dem Zuschauerzuspruch – und das eben nicht nur bei der Party, sondern bei allen Programmpunkten.“

Anja Witzke und Jesko Schulze-Reimpell
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