Dienstag, 21. August 2018
Lade Login-Box.

Sami Haddadin über das Zeitalter der Roboter - Der Forscher ist morgen Gast beim Futurologischen Kongress in Ingolstadt

"Eine Angstdebatte hat noch nie geholfen"

Ingolstadt
erstellt am 13.06.2018 um 19:42 Uhr
aktualisiert am 13.06.2018 um 22:38 Uhr | x gelesen
Ingolstadt/München (DK) Sami Haddadin (37), einer der bedeutendsten Roboterforscher, ist im Stress.
Textgröße
Drucken
Der Roboter, des Menschens neuer Freund: Sami Haddadin gilt als führender Roboterforscher. Er ist Professor in München.
Der Roboter, des Menschens neuer Freund: Sami Haddadin gilt als führender Roboterforscher. Er ist Professor in München.
Foto: privat
Ingolstadt

Der Wissenschaftler, der genauso gut auch nach Stanford oder zu anderen Eliteuniversitäten der USA hätte gehen können, findet Zeit für das Interview zwischen eng getakteten Terminen, Besuchen und Autofahrten, nachdem er seine Kinder in den Kindergarten gebracht hat.
 
Herr Haddadin, seit rund 100 Jahren redet man über Roboter. Aber nun wird es Ernst: Wir beobachten immer mehr Roboter in unserem täglichen Umfeld. Steht die Technologie vor dem Durchbruch?
Sami Haddadin: Ja, das denke ich schon. Man muss hier natürlich unterscheiden zwischen Forschung und realem Einsatz. In der Forschung ist in den letzten 15 Jahren wahnsinnig viel passiert. Und das setzt sich im realen Einsatz jetzt um, seit zwei, drei Jahren.

Auf welchen Gebieten wird die Revolution als erstes bemerkbar sein?
Haddadin: Der erste Umbruch findet gerade im grundsätzlichen Einsatz der Robotik statt. Es geht nicht mehr um autonome Systeme, sondern vielmehr um lernfähige Roboter-Werkzeuge für den Facharbeiter. Der Hammer von morgen, wenn man so möchte. Die 80 Prozent etwa im Automobilbau, die bisher nicht für Robotik zugänglich waren, können nun mehr und mehr durch die sogenannten Mensch-Roboter Kollaboration erschlossen werden. Was vor allem neu ist: Der Einsatz von Robotern in kleinen und mittelständischen Unternehmen, in denen die Automatisierungstechnik bisher aufgrund von Kostenfaktoren und Komplexität fast noch gar nicht angekommen war. Außerdem wird es auch besonders in der Medizin, etwa bei der Rehabilitation, große Fortschritte durch Robotik geben. Ebenso könnten Assistenzroboter eine Schlüsselrolle für das selbstbestimmte Wohnen im Alter einnehmen.

Industrieroboter gibt es schon lange. Sie arbeiteten allerdings in der Regel quasi in Käfigen getrennt von Menschen. Nun soll es verstärkt Interaktion zwischen Menschen und Robotern geben. Was macht das eigentlich so schwierig?
Haddadin: Das gründet sich bereits im Prinzip des ersten Roboter-Gesetzes von Isaac Asimov, das im Grunde besagt, dass Roboter Menschen niemals Schaden zufügen dürfen.

Aber was muss ein Roboter können, um keinen Schaden zuzufügen?
Haddadin: Wenn wir uns die klassischen Roboter ansehen, dann sind das sehr grobe Maschinen: groß, schwer. Und ihnen fehlt vor allem der wichtigste Sinn überhaupt: der Tastsinn. Das macht sie gefährlich, da sie nur schlichte Positioniermaschinen sind. Jetzt gibt es erstmals eine Generation von Robotern, die nicht nur schutzzaunlos sicher neben dem Menschen arbeiten. Sie haben nun einen komplexen Tastsinn mit dem sie Fertigkeiten erlangen, wie beispielsweise etwa einen Schlüssel feinfühlig in ein Schloss einzustecken, was ja kleinen Kindern durchaus schwerfällt. Der nächste und vielleicht sogar wichtigste Schritt für den Alltag ist dann Nutzbarkeit durch Jedermann mittels intelligenter Software zu ermöglichen.

Seit wann gibt es diese Technologie?

Haddadin: Seit etwa zwei Jahren ist sie auf dem Markt, ich habe ja auch selber intensiv auf dem Gebiet geforscht und mich sehr dafür eingesetzt, die Themen in Deutschland auch nachhaltig umzusetzen. Wir sehen da eine ähnliche Entwicklung wie die vom Großrechner zum Smartphone, das jeder kinderleicht bedienen kann. Mit dieser Technologie ist nun auch ein Werkzeug geschaffen worden, mit dem Industriezweige, die wir in den vergangenen Jahrzehnten verloren haben, etwa die Elektronik-Fertigung, nach Deutschland zurückkehren kann.

Welche Stellung nimmt Deutschland hier ein? Die gesamte digitale Technologie konzentriert sich derzeit ja auf Asien und vor allem Kalifornien.
Haddadin: Wir können mit den großen Software-basierten Tech-Firmen in den USA nicht kommerziell konkurrieren und können auch nicht so leicht aufholen. Aber das ist vermutlich auch gar nicht der richtige Weg. Führend sind wir bei der Entwicklung von intelligenten und vernetzten Maschinen, also der Verbindung von komplexer Ingenieurarbeit mit hoher technologischer Tiefe und der engen Verzahnung mit intelligenter Software, die in Summe eine Maschinenintelligenz bilden.

Also auch beim Roboterbau?
Haddadin: Genau. Wenn wir die Maschinen entwickeln, dann können wir dazu auch die Softwaresysteme entwickeln. Da haben wir tatsächlich einen Vorsprung, und das eröffnet uns große Chancen.

Neue Computersysteme und Roboter entwickeln allmählich Fähigkeiten, die wir selbst kaum noch nachvollziehen können. Durch Deep Learning sind sie in der Lage, Muster zu erkenne, Dinge zu tun, die wir Maschinen niemals zugetraut haben. Und wir wissen auch gar nicht so genau, wie sie das eigentlich machen, da sie sich selber programmiert haben. Werden Roboter eines Tages klüger als wir selber sein?
Haddadin: Da herrschen bei vielen Menschen falsche Vorstellungen. Deep Learning ist bisher noch nicht in der Robotik angekommen. Wichtig ist auch, dass die Intelligenz verständlich ist. Selbst wenn Roboter wie kleine Kinder lernen, etwas das wir nun erstmals geschafft haben, sollte das letztlich erklärbar sein. Das ist für uns ein großes und wichtiges Forschungsthema. Denn nur so kann auch ein hohes Maß an Sicherheit garantiert werden.

Auf die Gefahr von künstlicher Intelligenz und Robotern haben in einem Manifest immerhin so bedeutende Leute hingewiesen wie Tesla-Chef Elon Musk oder der kürzlich verstorbene Physiker Stephen Hawking. Werden Roboter eines Tages die Macht übernehmen? Muss man vor Robotern Angst haben?
Haddadin: Ich bin fest davon überzeugt, dass eine Angstdebatte noch nie geholfen hat. Wir Menschen sind es doch, die für unsere eigene Ethik verantwortlich sind, die entscheiden und die Weichen für die Einsatz intelligenter Technologie stellen. In Europa setzen wir uns hohe ethische Standards, und als Wissenschaft-Community wollen wir Technologien entwickeln, die uns Menschen helfen. Wir diskutieren die Bedeutung und Auswirkungen von Robotik und Künstlicher Intelligenz mit Kollegen der Philosophie, der Soziologie und der Technikfolgenabschätzung. Die beiden Herren, die Sie nennen, sind bzw. waren führende Köpfe unserer Zeit. Aber sie sind auch keine Fachleute für Robotik und Künstliche Intelligenz. Hier kann ich nur unseren Bundespräsidenten zitieren, der zur "Lust auf Zukunft" aufgerufen hat.

Überschätzen wir die Möglichkeiten dieser Technik?
Haddadin: Ich denke, dass Angst vor allem entstehet wenn die Menschen nicht richtig informiert werden. Die Möglichkeiten, wie sie in Science-fiction-Filmen gezeigt werden, existieren in Wahrheit nicht.

Roboter sind angeblich auch eine Gefahr für unsere Arbeitsplätze. Wissenschaftler schätzen, dass in den nächsten Jahren weit über 40 Prozent aller Arbeitsplätze wegrationalisiert werden.
Haddadin: Es handelt sich bei den derzeitigen Entwicklungen nicht um Substitutionstechnologien, also Technologien, die ganze Industriezweige überflüssig machen. Wir reden von Roboterwerkzeugen als Helfer des Menschen, des Werkers. Der Mensch hat unzählige Werkzeuge geschaffen, die uns immer auch in ein neues Zeitalter mit neuen Wissenschafts-, Technologie- und Wirtschaftszweigen gebracht haben.

Aber nicht nur das. Durch den PC sind auch ganze Abteilungen der Industriefertigung vollständig automatisiert worden, sodass es dort überhaupt keine arbeitenden Menschen mehr gibt. Was Sie schildern, ist möglicherweise eher Wunschdenken.
Haddadin: Nein, das glaube ich nicht. Wenn wir über die tatsächlich existierenden Roboter sprechen, müssen wir doch auch Fakten sprechen lassen: Durch diese neue Technologie sind bereits viele neue Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen worden. Es wurden auch Produktionslinien wieder nach Deutschland geholt. Wenn diese Roboterwerkzeuge flächendeckend existieren, dann werden sich ganz neue Chancen für uns ergeben. Das gilt auch nicht nur für die Industrie, sondern auch für die Medizin: Man hört mittlerweile immer wieder, dass Patienten durch Roboter operiert werden. Das ist so eigentlich nicht richtig. Die Roboter sind "nur" das verlängerte Werkzeug des Chirurgen. Der Mensch wird also befähigt, bestimmte Dinge besser zu tun.

Wann wird es eigentlich einen Haushaltsroboter geben, der meine Küche aufräumt?
Haddadin: Wir sind vermutlich in etwa fünf Jahren soweit, Feldstudien zu beginnen. Dann müssten allerdings die Küchen noch so konzipiert werden, dass sie den Robotern und ihren Beschränkungen angepasst sind. Das ist übrigens nicht anders wie beim autonomen Fahren. Auch da wird es nicht so sein, dass man die Autos einfach in die Innenstadt stellt, und diese finden sich direkt zurecht. Vielmehr wird eine Infrastruktur für autonome Fahrzeuge nötig sein.

Mich wundert fast, dass man da schon so nah dran ist.
Haddadin: Die Frage ist natürlich, was Ihre Ansprüche an einen Service-Roboter sind. Einfache Hol-und-Bring-Dienste, das Zubereiten einfacher Mahlzeiten in der Mikrowelle - das wird es wohl schon in fünf Jahren zumindest im Feldversuch geben.

Wie wird die Welt in 50 Jahren aussehen? Werden wir dann mit Robotern und Computersystemen so ähnlich interagieren wie heute mit Menschen? Wird man Ihnen Gefühle zubilligen, obwohl sie vielleicht keine haben?
Haddadin: Das beginnt ja heute schon. Es liegt in der Natur des Menschen, Robotern menschliche Eigenschaften zu unterstellen, obwohl sie diese zweifelsfrei nicht haben. Wir werden in Zukunft definitiv noch viel stärker von intelligenter Technologie umgeben sein. Die Art, wie wir arbeiten und leben, wird sich ebenso komplett ändern. Gleichzeitig bezweifele ich aber auch, dass es Robotersysteme geben wird, denen wir auch nach mehr als zwei Minuten noch zubilligen, dass sie sehr intelligente Wesen sind. Ich sehe uns da immer noch im Werkzeug-Zeitalter. Eine komplexe künstliche Intelligenz, der wir Rechte ähnlich den Menschenrechten zubilligen sollten, ist jedoch Science Fiction. Da bin ich vielleicht zu sehr deutscher Ingenieur, und der Informatiker in mir hält sich zurück. Mein Standpunkt ist ein positiv realistischer. Wir werden im Zeitalter von Mensch und Maschine leben und nicht im Zeitalter von Mensch oder Maschine.

Irritiert Sie die deutsche Technologiefeindlichkeit, die "German Angst"?
Haddadin: Natürlich habe ich grundsätzlich Verständnis dafür, dass die Menschen Angst oder Skepsis vor etwas haben, das sie noch nicht kennen. Genau hier gilt es auch anzusetzen und die Menschen proaktiv und ausreichend zu informieren. Das darf gerade in einem Land wie Deutschland jedoch nicht dazu führen, dass wir vor lauter Skepsis vergessen Spitzenforschung und Technologieentwicklung zu betreiben, um unsere Zukunft aktiv gestalten zu können.

Sami Haddadin hält morgen, 18 Uhr, in der Technischen Hochschule Ingolstadt, im Raum E003, einen Vortrag unter dem Titel "Roboterassistenten für eine leichtere Zukunft".
 
Jesko Schulze-Reimpell
Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!