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"Das Museum wird ein Identitätsort sein"

erstellt am 01.06.2016 um 20:07 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 14:46 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Im Interview mit dem DONAUKURIER spricht Direktorin Simone Schimpf über das MKKD und die Vielfalt der Konkreten Kunst von der Computergrafik bis zum Phänomen Maschine.
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Frau: "Das Museum wird ein Identitätsort sein"
Simone Schimpf: "Ich habe eine Zeit lang damit gehadert. Wäre es nicht besser, das Projekt umzubenennen in ,Kunstmuseum Ingolstadt'" - Foto: Olma

Frau Schimpf, der offizielle Baubeginn des neuen Museums ist am kommenden Dienstag. Was empfinden Sie dabei?

Simone Schimpf: Ich bin sehr erleichtert, dass wir bald loslegen können.

 

Mit dem neuen Museum ändert sich einiges. Am wichtigsten ist wahrscheinlich, dass das Museum sein Angebot um eine Design-Sammlung erweitern wird. Wie wollen Sie diese neue Abteilung präsentieren?

Schimpf: Konkrete Kunst und Design hängen eng zusammen. Viele konkrete Künstler haben auch als Designer gearbeitet. Uns schwebt vor, in dem Neubau diesen Zusammenhang deutlich herauszustellen. Es wird also nicht so sein, dass man in ein Museum geht und dort eine Abteilung Kunst und dann eine andere Abteilung Design vorfindet. Wir werden die Dinge verknüpfen.

 

Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Schimpf: Ein Beispiel werden wir bereits in unseren derzeitigen Räumlichkeiten verwirklichen, im Oktober mit der Ausstellung über Logos. Da geht es genau um diese Nahtstelle, um bedeutende Persönlichkeiten wie Max Bill oder Anton Stankowski, die Logos entwickelt haben, aber zugleich große Künstler waren. So wird es auch in Zukunft im neuen Museum sein, dass die Themen sehr verdichtet zusammengeführt werden.

 

Welchen Charakter werden die neuen Räumlichkeiten haben?

Schimpf: Der größte Teil des Museums wird im Untergeschoss sein. Man geht also durch die Eingangshalle nach unten zu den 2000 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Der Architekt Peter Sapp vom Wiener Architekturbüro Querkraft hat da eine sehr großzügige und flexible Situation konzipiert, das heißt, wir können mit Stellwänden arbeiten und immer wieder die Räume verändern. Es wird nicht immer eine genaue Grenze zwischen Ausstellung und ständiger Sammlung geben. So ist es möglich, dass man die Halle als Ganzes mal nur für Skulpturen verwendet, dann wieder kleinteilig vorgeht, Räume schafft, in denen etwa Filme gezeigt werden.

 

Das Erdgeschoss des Museums ist zum großen Teil ein nicht festgelegter Raum. Nicht festgelegte Räume sind meist ein besonderer Glücksfall im Kulturbetrieb.

Schimpf: Da haben Sie völlig recht. Aber inzwischen hat sich das Konzept für das Erdgeschoss bereits gefestigt. Bestimmte Funktionen sind ja fixiert: Es wird einen Kassenraum geben, einen Empfangsbereich, eine Treppe nach unten, eine großzügige Gastronomie mit Bar und Lounge. Und dann gibt es die große Nordhalle, ein lang gestreckter, lichtdurchfluteter Raum. Dort finden auch Ausstellungen statt, und das sogar kostenfrei. Einerseits soll es auch dort bereits Design zu sehen geben. Andererseits wollen wir auch mit Künstlern zusammenarbeiten, die für den Raum extra etwas entwickeln. Auch regional verankerte Positionen sollen hier ihren Platz finden. Vorstellbar sind auch Mitmachausstellungen. Es wird ein schönes Atelier geben. Kinderkunst-Ausstellungen könnten dort einmal im Jahr stattfinden.

 

Sie erwähnen regionale Künstler. Wollen Sie Künstlern, aus Ingolstadt in Ihre Projekte einbeziehen?

Schimpf: Das ist natürlich mit unserem thematischen Schwerpunkt gar nicht so einfach. Voraussetzung ist bei hiesigen Künstlern also, dass sie in der ungegenständlichen Kunst beheimatet sind. Unsere Museumsidentität will ich nicht aufweichen. Was ich mir allerdings vorstellen kann, ist, dass man mit Designern der Region Projekte entwickelt.

 

Konkrete Kunst erfreut sich in Ingolstadt nicht unbedingt besonders großer Popularität. Welche Pläne haben Sie, in dem neuen Haus ein größeres Publikum zu erreichen?

Schimpf: Das liegt zum Teil auch an diesem sperrigen Begriff "Konkrete Kunst". Aber eigentlich ist es ja gar nichts Schwieriges. Es geht vor allem um Themen, die viel mit der modernen Welt zu tun haben. Es geht um System, um Logik, um Berechnung, um Algorithmen, aber auch um Licht, Farbe, Raum. Auch Computerkunst entstand aus der Konkreten Kunst, ihr möchte ich einmal eine Ausstellung widmen. Ich glaube, dass wir bereits im jetzigen Museum zeigen, dass wir ein offenes Haus mit einem Programm für alle Altersklassen sind. Vor allem für Menschen, die selbst kreativ werden wollen, bieten wir viel an.

 

Aber grenzt der Begriff Konkrete Kunst nicht auch ein, nimmt einem Möglichkeiten?

Schimpf: Ich habe eine Zeit lang damit gehadert. Wäre es nicht besser, das Projekt umzubenennen in "Kunstmuseum Ingolstadt"? Aber ich glaube inzwischen, dass es gut ist, dass es das MKKD hier in Ingolstadt gibt, weil es ein Alleinstellungsmerkmal ist. Dieser Begriff eröffnet ein viel größeres Feld, als man gemeinhin denkt. Wenn ich über die Kölner Kunstmesse gehe, dann wird mir deutlich, dass die Hälfte von dem, was dort gezeigt wird, in unser Museum passen würde. Ein Thema, das ich zum Beispiel auch gerne angehen würde, ist das Spiel - mit interaktiven Kunstwerken, Werken, die den Zusammenhang von Regel und Zufall aufgreifen. Unser Schwerpunkt wird auf jeden Fall auf Themenausstellung liegen.

 

Werden die derzeitigen personellen und finanziellen Möglichkeiten ausreichen für das neue Museum am Gießereigelände?

Schimpf: Wir entwickeln gerade ein Betriebskonzept. Dieses neue Haus ist ein Quantensprung, wir verdoppeln die Ausstellungsfläche, wir bekommen zusätzliche Räumlichkeiten, da werden auf einmal ganz andere Veranstaltungen möglich. Im Moment haben wir ein sehr kleines, hoch motiviertes Team. Aber in Zukunft werden wir mehr Unterstützung benötigen. Ich denke aber auch, dass ein solches Haus hohe Attraktivität ausstrahlt und weitere Sponsoren anziehen wird.

 

Was sagen Sie zum Umfeld des neuen Museums. Es steht zwischen der Technischen Hochschule, einer technischen Versuchsanlage, möglicherweise dem digitalen Gründerzentrum und dem Donaumuseum. Inspiriert Sie dieses Umfeld?

Schimpf: Ich finde, es hat eine sehr gute Lage. Angefangen von dem historischen Zusammenhang, den wir natürlich thematisieren wollen. Wir erarbeiten gerade mit dem Künstler Thomas Neumaier einen Multimedia-Guide. Wir wollen die Geschichte des Standorts aufarbeiten, das fängt mit der Festungsanlage an und endet mit der Schließung von Schubert und Salzer. Im Moment gibt es noch keinen Erinnerungsort für diese Wiege der Industrialisierung, aber auch für die Geburtsstunde der militärischen Geschichte der Stadt. Das kann man an dieser Stelle erzählen. Und ich finde: Das können nur wir. Das MKKD wird also auch ein Identitätsort.


Und wie sieht es mit der Hochschule aus?

Schimpf: Ja, die baut gerade ihr Design-Angebot aus. Und dann stehen wir ja mitten in einem Museumsviertel. Da ist das Armeemuseum, das Lechner-Museum. Das ist wirklich ein Knotenpunkt.

 

Was kann man mit dem neuen Museum am Gießereigelände erreichen, welche Zielvorstellung haben Sie?

Schimpf: Museen haben sich sehr verändert. Sie sind heute nicht mehr Gebäude, in denen man andachtsvoll Bilder anschaut und dann wieder bedächtig nach Hause geht und sinniert. Das ist nicht meine Vorstellung von Museum. Es muss ein lebendiger Ort werden, an dem viel passiert, an dem diskutiert wird. Ich möchte eine Plattform, an der aktuelle gesellschaftliche Themen verhandelt werden.

 

Das Interview führte

Jesko Schulze-Reimpell.

 

In der vierten Folge unserer Serie über das MKKD werden wir ausgewählte Exponate der neuen Design-Sammlung des Museums vorstellen.

 

Zur Person

Dr. Simone Schimpf leitet seit 2013 das MKK. Vorher hat die gebürtige Darmstädterin (Jahrgang 1973) beim Stuttgarter Kunstmuseum als stellvertretende Direktorin gearbeitet.



Podiumsdiskussion

Am 7. Juni ist Baubeginn des Museums für Konkrete Kunst und Design (MKKD) auf dem Gießereigelände. Wir nehmen das zum Anlass, in einer Serie die Bedeutung des Museums zu beleuchten. Am Tag des Baubeginns werden der DONAUKURIER und das MKK außerdem im Café Reimanns eine Podiumsdiskussion veranstalten zum Thema: "Ein neuer Museumsbau für Ingolstadt - Eine Chance für die Region?" Diskussionsbeginn ist um 19.30 Uhr (Einlass 19 Uhr). Um 18.30 Uhr gibt es eine Führung über die Museumsbaustelle (Anmeldung: maya.wheldon@donaukurier.de). Teilnehmer der Diskussion sind Simone Schimpf (Direktorin des MKK), Gabriel Engert (Kulturreferent), Harald Pechlaner (Uni Eichstätt), Andreas Hofmeir (Tubist und Kabarettist) sowie Joachim Hägel (Architekt und Stadtplaner).
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