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"Faust" an der Kletterwand

erstellt am 05.10.2009 um 20:31 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 14:39 Uhr | x gelesen
Erlangen (DK) Mit dem "Faust" eine neue Theater-Ära zu beginnen, ist zwar mutig, aber nicht gerade originell. Stellt man sich mit diesem genialen Theaterbrocken, mit dem Goethe das deutsche Theater für alle Zeiten belastete, doch einem Anspruch, den einzulösen nicht immer gelang.
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Zwischen Klassik und Klamauk: Faust (oben: Hermann Große-Berg) und Mephisto (Matthias Bernhold) vor der Kletterwand. Szene aus Goethes "Faust" im Markgrafentheater Erlangen. - Foto: Theater Erlangen
Katja Ott, die neue Theater-Generalin in Erlangen, ließ sich auf das Wagnis ein, das Goethe in seinem "Vorspiel auf dem Theater" schon fragen ließ: "Wie machen wirs, dass alles frisch und neu / Und mit Bedeutung auch gefällig sei" Und er hatte die Antwort schon parat: "Wer vieles bringt, wird manchen etwas bringen / Und jeder geht zufrieden aus dem Haus."

Und danach ist denn auch diese Erlanger Eröffnungsinszenierung, die Mario Portmann als Regisseur besorgte: gefällig bis geschmäcklerisch, angestrengt modern und halbherzig, aber nur selten zupackend oder gar waghalsig: Dieser Erlanger "Faust" bietet zuweilen effektvoll, meist aber nur effekthascherisch von allem etwas, hat aber letztlich doch nichts zu sagen.

Dabei verspricht der Anfang viel: Über eine bleigraue Kletterwand, die sich nach unten zu einer Art Halfpipe für Skater verbiegt (Bühnenbild: Ulrich Leitner), rutschen Goethes "schwankende Gestalten" auf die Bühne, fallen Faust und Mephisto gleichsam vom Himmel auf die Erde und schlagen einen Ton an, der das Pathos der klassischen Verse bricht und eine kluge Sprachregie verspricht, die auch die allenthalben missbrauchten "Ohrwürmer" dieses klassischen deutschen Bildungsguts wieder hörbar und neu verstehbar hätte machen können.

Mit dem Auftritt Mephistos als spiegelbildlicher Doppelgänger Fausts, als dessen Alter Ego und somit gleichsam als Fausts Kopfgeburt, deutet sich eine interessante Regiekonzeption an, die dann freilich in sich häufenden oberflächlichen Gags versandet: Beliebigkeiten aus der Mottenkiste eines missverstandenen Regietheaters, das auf Teufel-komm-raus modern sein will, statt mit seinen kargen Mitteln (und mit nur fünf Schauspielern) den gewaltigen Text im wunderbar passenden Ambiente des barocken Erlanger Markgrafentheaters neu zu "entdecken". So aber muss immer wieder das Licht im Zuschauerraum angehen, muss die Sopranistin Sigrid Plundrich vom Münchner Gärtnerplatztheater bedeutungsschwanger und pathosgeladen von der Bühne, wahlweise auch aus der Proszeniumsloge oder aus der Markgrafenloge ariose Texte, von Catalanis "La Wally" bis zum klassischen Goethe-Liedgut, singen, muss eine Kletter- und Rutschpartie an der Steilwand des Bühnenbilds der anderen folgen, wo doch die Zuschauer längst begriffen haben, dass das "Leben eine Rutschbahn" ist, (wie es Frank Wedekind seinem "Marquis von Keith" trefflich in den Mund legt).

Über Arien und Orgien an der Kletterwand rutscht dieser "Faust" aber immer öfter ab und findet trotz achtbarer, ja manchmal auch grandioser darstellerischer Leistungen, vor allem von Hermann Große-Berg als Faust und Matthias Bernhold als Mephisto, keine Mitte. Das Gretchen (etwas blass: Gitte Reppin) muss als Mixtur aus Girlie und Göre, kostümiert wie ein Papagei, auftreten und kann ihrem unscheinbar grau gewandeten Heinrich-mir-graut-vor-Dir- Faust kaum Paroli bieten. Die Restbesetzung dieses Fünf-Personen-"Faust" (Christian Wincierz und Robert Naumann) müht sich – vor allem in der lichtdurchzuckten und geräuschvoll getrommelten Walpurgisnacht – als Geister und Irrlichter, als Frosch und Bauer, als Hexe und Dichter redlich ab, um den Deklamationen und Rezitationen an der Rampe ein paar abwechslungsreiche Lichter aufzusetzen oder um der Tragödie ersten Teil mit Rap und Hip-Hop, mit Hall-Effekten und Gitarrenspiel zu musikalischer Kurzweil zu verhelfen.

Leere Bilder einer überstrapazierten Inszenierung, die sich zwischen Klassik und Klamauk nicht entscheiden kann. Das heftig applaudierende Publikum ging gleich wohl "zufrieden aus dem Haus".

Weitere Aufführungen: 8., 9. und 31. Oktober; 11. und 12. November; 2. und 3. Dezember. Karten unter Telefon (0 91 31) 86 25 11.

Von Friedrich Bröder
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