Sonntag, 20. Januar 2019
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Mit "Europe Central" nach dem Roman von William T. Vollmann eröffnet das Theater Augsburg die Brechtbühne im Gaswerk

Epos in Übergröße

Augsburg
erstellt am 13.01.2019 um 19:06 Uhr
aktualisiert am 13.01.2019 um 19:12 Uhr | x gelesen
Augsburg (DK) Im Theater Augsburg hat man mittlerweile viel Erfahrung mit Interimsspielstätten, eine Eröffnung ist fast schon Routine.
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Geister der Erzählung: William T. Vollmanns Roman ist ein zur Symphonie gewordenes Stimmengewirr, das multiperspektivisch ein Panorama des 20. Jahrhunderts öffnet. Regisseurin Nicole Schneiderbauer hat den Tausend-Seiter auf die Bühne gebracht. Das Foto zeigt Ellen Mayer.
Geister der Erzählung: William T. Vollmanns Roman ist ein zur Symphonie gewordenes Stimmengewirr, das multiperspektivisch ein Panorama des 20. Jahrhunderts öffnet. Regisseurin Nicole Schneiderbauer hat den Tausend-Seiter auf die Bühne gebracht. Das Foto zeigt Ellen Mayer.
Fuhr
Augsburg
Für die erste Premiere auf der neuen Brechtbühne im dafür klar und stilsicher umgebauten Gaswerk haben die Verantwortlichen aber ein besonders ehrgeiziges Projekt ausgewählt, eine Uraufführung, sozusagen eines Staatstheaters würdig: William T. Vollmanns "Europe Central", die Bühnenfassung stammt von Hausregisseurin Nicole Schneiderbauer und Kathrin Mergel. Auch in Augsburg hievt man also Großromane auf die Bühne, und wie könnte angesichts der Vorlage zunächst Skepsis nicht angebracht sein?

Vollmanns Weltkriegsepos ist ein Mammutroman, der weit ausgreift, den Zeitraum von 1914 und 1975 (und eigentlich darüber hinaus) umspannt und das gesamte "Zeitalter der Extreme" vermisst. Es gibt viele Handlungsstränge, auf eine chronologische und kontinuierlich-konventionelle Erzählung verzichtet der amerikanische Autor, er spielt mit den unterschiedlichsten Stilen, Sprachebenen und Genres, wechselt ständig die Perspektiven. Das reale und erfundene Personal ist fast nicht überschaubar, reicht beispielsweise von der russischen Dichterin Anna Achmatowa und Käthe Kollwitz über Friedrich Paulus, dem Befehlshaber in Stalingrad, und dem Symbolisten Alexander Blok bis hin zu Stalin und dem "Schlafwandler" Hitler - um nur wenige zu nennen. In den Erzählsträngen, Vollmann versteht sie als "Gleichnisse", untersucht er, wie sich Menschen in Zeiten der Diktatur, des Krieges, der Grausamkeit und der Entmenschlichung gegenüber der Macht und der Gewalt verhalten. Tatsächlich also ein nicht nur erzählerisches, sondern auch ein ethisch-moralisches Großprojekt, als Vergleichsmaßstäbe fallen einem Roberto Bolaños "2666" oder Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten" ein.

Wie aber bringt man das auf die Bühne? Das geht nicht ohne Reduktionen und Verdichtungen. Das Augsburger Team stellt deshalb Dimitri Schostakowitsch noch mehr als im Roman in den Mittelpunkt, ohne die anderen Dimensionen deshalb zu unterschlagen. Die - teilweise von Vollmann erfundene - Dreiecksgeschichte zwischend dem Komponisten, seiner Geliebten Elena Konstantinowskaja und dem Dokumentarfilmer Roman Karmen ist so etwas wie das geheime Zentrum dieses Romans ohne Zentrum. Und das stets prekäre und zum Teil lebensbedrohliche Lavieren Schostakowitschs zwischen Anpassung, innerer Emigration und dem Erhalt seiner künstlerischen Freiheit ist ein Paradebeispiel für die schwierige moralische Frage, wie, wann und ob der Künstler in einem totalitären Staat schuldig wird.

Fast die einzigen Requisiten in dem großen, leeren, bunkerartigen Bühnenraum sind denn auch Musikinstrumente. Allerdings, wenn man so will, verstümmelte: der Rahmen eines Flügels und ein Flügel, mit dem auf alle mögliche Art und Weise Klänge erzeugt werden, gespielt wird er eigentlich nicht. Ansonsten herrscht maximale Reduktion: Mehr als einen großen weißen Vorhang gibt nicht, der auch mal dazu dient, die Belagerung von Stalingrad darzustellen. Die sechs Schauspieler in ihren grauen Anzügen, über die sie manchmal Harnische stülpen, agieren als Kollektiv, die einzelnen Personen und Rollen sind nicht fest zugeschrieben, die Schauspieler sind vielmehr Verkörperungen des "Geists der Erzählung"; oder in diesem Fall wohl besser: der Geister der Erzählung. Teilweise sprechen sie in Mikrofone, die Zuschauer hören das über Headsets, so dass sich die Sprach- und Textebenen oft überlagern, dazu werden Sounds eingespielt, im Hintergrund läuft eine Videosequenz.

Nicole Schneiderbauer und ihr Team (Miram Busch: Bühne und Kostüme; Stefanie Sixt: Video; Ellen Mayer: Musik) schaffen so ein komplexes, intensives und dichtes Bühnengeschehen und Bühnenerlebnis, in dem Sprache fast greifbar, körperlich wird. Der Roman wird so durchaus adäquat umgesetzt, und gleichzeitig stößt die Inszenierung doch an ihre Grenzen, die man systembedingt nennen möchte.

Im zweiten Teil des Stücks werden zum Beispiel drei Handlungsstränge zeitweise parallel erzählt. Im Mittelpunkt: Friedrich Paulus, der nach der Kapitulation in Stalingrad im Nationalkomitee Freies Deutschland Propaganda gegen den Nationalsozialismus machte, der russische General Andrei Wlassow, der um die Befreiung des belagerten Leningrads kämpfte und später, von den Deutschen gefangengenommen, die antibolschewistische Russische Befreiungsarmee aufbaute, und schießlich der SS-Mann Kurt Gerstein, der Material über den Holocaust sammelte und - erfolglos - versuchte, das Ausland über die Massenmorde zu informieren. Wie diese drei exemplarischen, in der Tat gleichnishaften Geschichten auf der Bühne übereinandergelagert und gegengeschnitten werden, ist faszinierend und eine Meisterleistung von Regie und Schauspielern - nur für den Zuschauer, der vorher nicht 1000 Seiten Vollmann gelesen hat, kaum zu verstehen. Nicht das einzige Beispiel.

So bleibt nach vier Stunden Erzähltheater ein zwiespältiger Eindruck übrig. "Europe Central" lotet einerseits die Möglichkeiten von Theater auf beeindruckende Weise aus und kann selbst den Skeptiker, der fragt, warum dicke Romane unbedingt auf die Bühne müssen, über weite Strecken seine Zweifel vergessen lassen; andererseits bleiben Defizite, Leerstellen und die zwangsläufigen Verluste, die entstehen, wenn die eine Gattung, der Roman, in eine andere, das Theaterstück, übertragen wird.

Über die großen Romane der Weltliteratur hat der italienische Germanist und Schriftsteller Claudio Magris einmal gesagt, fast alle Meisterwerke seien gescheiterte Meisterwerke, was ein weniger ambivalentes Lob ist, als es scheinen mag. In diesem Sinne wäre dann auch das ambitionierte Augsburger Projekt die angemessene Umsetzung eines großen Romans.

ZUM STÜCK

Theater: Brechtbühne im Augsburger Gaswerk
Regie: Nicole Schneiderbauer
Bühne und Kostüme: Miriam Busch
Video: Stefanie Sixt
Musik: Ellen Mayer
Läuft bis: 12. Juni
Kartentelefon: (0821) 3244900
Berndt Herrmann
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