Montag, 10. Dezember 2018
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Das Münchner Lenbachhaus beleuchtet Alfred Kubin und seine Verbindungen zum "Blauen Reiter"

Endlose Nacht

München
erstellt am 09.10.2018 um 19:16 Uhr
aktualisiert am 09.10.2018 um 19:20 Uhr | x gelesen
München (DK) In Scharen strömen die Menschen einer Stadt zu, als liefen sie einem Rattenfänger nach - ihre Spur verliert sich, wenn sie "das dunkle Tor" erreichen, das in seiner Schwärze alle Leiber verschluckt.
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Das Werk ?Eindringlinge? (um 1902/03) von Alfred Kubin ist Teil der Ausstellung im Lenbachhaus in München.
Das Werk "Eindringlinge" (um 1902/03) von Alfred Kubin ist Teil der Ausstellung im Lenbachhaus in München.
Spangenberg/Lenbachhaus
München
In einer anderen Szene tummeln sich riesige Schlangen in der Stadt, vor denen kein Entkommen ist. Ein drittes Blatt zeigt die personifizierte "Melancholie", die gemeinsam mit einem Skelett auf einem Klepper durch eine apokalyptische Landschaft reitet. Alfred Kubin hat Alpträume dargestellt, schwarze Bilder, die nicht nur mit dieser Nicht-Farbe in allen Nuancen spielen, sondern auch die Menschheit am Abgrund zeigen. Gedruckt wurde der Zyklus "Sansara" als Grafik-Mappe 1911 - im Gründungsjahr des "Blauen Reiter". Welche Bezüge es zwischen Kubin und den Künstlern dieser Münchner Künstlervereinigung gibt, verdeutlicht jetzt eine Ausstellung im Münchner Lenbachhaus unter dem Titel "Phantastisch! Alfred Kubin und der Blaue Reiter".

Alfred Kubin, 1877 in Böhmen geboren, studierte dank einer kleinen Erbschaft ab 1899 an der Münchner Akademie, lebte dann aber von 1906 bis zu seinem Tod 1959 im österreichischen Schloss Zwickledt am Inn, welches seine Frau Hedwig erworben hatte. Trotz der räumlichen Distanz war Kubin eng verbunden mit den Münchner Künstlern: Kandinsky hatte 1904 eine Ausstellung seines Frühwerkes arrangiert, 1912 beteiligte sich Kubin an der zweiten Ausstellung des "Blauen Reiter", er förderte Kontakte zwischen Paul Klee und der Gruppe. Zudem entwickelte sich eine rege Korrespondenz unter den Künstlern - das Kubin-Archiv am Münchner Lenbachhaus bewahrt 60000 Briefe, dazu Grafiken, Tagebücher, illustrierte Bücher, Fotos und Vieles mehr. Zusammengetragen hat diese Sammlung der Hamburger Apotheker Kurt Otto, der sie 1971 nach München verkaufte.

Wenn nun in vier Räumen 50 ausgewählte Werke des "Blauen Reiter" mit 90 Papierarbeiten Kubins konfrontiert werden, so könnte der Gegensatz nicht größer sein. Ausgehend von Kandinskys Aufsatz "Über das Geistige in der Kunst" eint alle die Erkenntnis einer gesellschaftlichen Krise, in der ein gefräßiger Materialismus alle Werte zu verschlingen droht. Kandinsky sucht deshalb den Weg in die Abstraktion, was Kubin in einem ausgestellten Brief kommentiert: "Ich fühle in Ihren Arbeiten die urhaften längst vergangenen Dinge vermählt mit geheimnisvollen Vibrationen künftiger seelischer Möglichkeiten. " Franz Marcs Vision einer Verbindung von Mensch und Natur wird in vielen seiner Tierbilder sichtbar. Und auch Gabriele Münter flieht von der Stadt aufs Land, sucht ihre Motive in der oberbayerischen Landschaft und verknüpft sie mit der Technik traditioneller Hinterglasmalerei. Allen gemeinsam sind leuchtende Farbklänge, die stilistisch je unterschiedlich eingesetzt werden.

Ganz anders Kubin: Nach frühen Versuchen in einer farbigen Kleistertechnik bleibt der Künstler bei Schwarz und Weiß, bei Tusche und Feder. Mit der Tinte wird gezeichnet, sie wird gespritzt und laviert, und dafür braucht er saugfähiges Katasterpapier, auf dem vor hundert Jahren Karten gedruckt wurden. Das war Arbeitsmaterial von Kubins Vater, der Landvermesser war. Dieser soll nach dem frühen Tod der Mutter den Sohn diszipliniert und gezüchtigt haben, und dieses schwierige Verhältnis zum Vater mag eine Brücke sein zwischen Alfred Kubin und Franz Kafka, den er in Prag besuchte. Visuelle Brücken gibt es vor allem zu Bildern und Grafiken des Spaniers Francisco Goya, der ab 1820 seine "Pinturas Negras", seine schwarzen Gemälde, malte. Denn auch Kubins Themen sind Wahnsinn und Tod, Angst und Schrecken, Untiere und Riesen.

Und so reitet eine stolze Dame mit Zylinder im Damensitz auf einem Schimmel, unter dessen Hufen ein doppeltes Wiegemesser hin und her schaukelnd die Körper von Menschen zerhackt. Unter dem Titel "Macht" thront ein Seelöwe massig auf einem Berg von Knochen. Und der personifizierte Krieg als nackter Mann zerstampft mit seinen Pferdehufen die Menschen wie Ameisen. Das Leben des Menschen ist Kampf am Tag, und in der Nacht erschrecken ihn Geister und Dämonen. Die Ausstellung schließt mit einem Blatt aus dem Jahr 1920, betitelt "Das Ende des Krieges". Es zeigt die endlose Nacht, ein schlafendes Skelett unter einer roten Sonne am schwarzen Himmel.

Bis zum 17. Februar im Münchner Lenbachhaus am Königsplatz, geöffnet täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, dienstags bis 20 Uhr.
 

RAHMENPROGRAMM ZUR AUSSTELLUNG

Führungen durch die Schau werden am 21. Oktober, 25. November und  9. Dezember jeweils um 14 Uhr, außerdem am 27. November und 18. Dezember jeweils um  18 Uhr angeboten. Daneben gibt es eine Reihe, in der Mitarbeiter des Hauses die Ausstellung aus ihrer persönlichen Perspektive und mit eigenen Akzenten beleuchten: Direktor Matthias Mühling wird am 23. Oktober  seine Sicht auf Alfred Kubin darstellen, Kunstvermittlerin Martina Oberprantacher am 23. November. Anna Straetmans, wissenschaftliche Volontärin, führt am 7. Dezember. Karin Althaus, Sammlungsleiterin 19. Jahrhundert, und Stephanie Weber, Kuratorin für Gegenwartskunst, sind am 15. Januar dran, Sebastian Schneider, wissenschaftlicher Volontär, und Charlotte Coosemans, Kunstvermittlerin, am 8. Februar. Tickets sind an der Museumskasse erhältlich.
Annette Krauß
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