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Mit der Lesung aus seinem Roman "Die Verteidigung des Paradieses" eröffnet Thomas von Steinaecker die 25. Ingolstädter Literaturtage

Ein Sisyphos der Sprache

Ingolstadt
erstellt am 13.04.2018 um 20:24 Uhr
aktualisiert am 13.04.2018 um 22:51 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) "Ich habe das Gefühl, ständig zu scheitern: Die Sprache ist das Eis für mich, auf dem ich dahinrutsche, dahinschlittere, dahin schreddere ?" Schreddere.
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Fast mochte man meinen, Thomas von Steinaecker habe dieses falsche Verb absichtlich in seine Metapher gemogelt, um seiner Aussage Glaubwürdigkeit zu verleihen. Denn in den drei Lese-Passagen, die er am Donnerstag aus seinem Roman "Die Verteidigung des Paradieses" vortrug, legte er ganz im Gegenteil eine wortmächtige Stilsicherheit und eine höchst suggestive Sprache an den Tag, welche die Zuhörer in ihren Sog zog. Die Lesung eröffnete die 25. Ingolstädter Literaturtage. Schade, dass sich dazu nur knapp zwei Dutzend Zuhörer im Altstadttheater eingefunden hatten. Moderiert wurde sie durch den Münchner Schriftsteller Fridolin Schley, der bei seiner Vorstellung nicht mit Vorschusslorbeeren sparte: Steinaeckers Roman sei schlichtweg "ein Meisterwerk".

Schley vermochte seinem Autoren-Kollegen Steinaecker in den Dialogpartien des Abends, deren Dauer der Länge der Lese-Passagen kaum nachstanden, zwar erhellende Antworten zu Schaffensweise, Poetologie und Literaturverständnis zu entlocken, trat als Moderator aber eine Spur zu selbstgefällig auf und verstrickte sich dabei in Redundanzen, die Steinaecker dazu zwangen darauf hinzuweisen, dass er sich jetzt bloß noch wiederholen könne. Auch geriet der Abend dadurch etwas lang, so dass der Autor schließlich selbst eine eigene Sentenz mit dem Zusatz versehen musste, dass "dies doch nun eigentlich ein schönes Schlusswort" gewesen sei.

Drei Passagen stellte Steinaecker aus seiner Dystopie vor, deren Ort und Handlungszeit sich etwa mit Deutschland im Jahr 2045 bestimmen lässt: Nach der "großen Katastrophe" ist das Land verseucht und zerstört, es gibt nur wenige Überlebende, darunter der 15-jährige Heinz, der sich mit einer Gruppe Überlebender zu einem Flüchtlingslager durchschlagen will und als ein Sisyphos der Sprache wirkt: Während den letzten Menschen die Worte verloren gegangen sind, Holz nur noch als "Knackdings" und Steine als "Hartdings" benannt werden können, weil die Sprache demoliert und destruiert ist, wird er zum Erzähler. Er sammelt Wörter aus der Zeit vor der Katastrophe wie "Alzheimer" oder "Tumor" für seine "Altwortliste".

In der Gegenwart des Protagonisten gehören Worte wie "Shields über den Speicherseen", Leader und Survivors, Stimmen der Personal-Manager aus den "Transmitter-Plugs" im Ohr, "Screens" oder die "TV-Wall" zum Wortschatz. Doch müsse man die Balance halten, mahnt der Autor: Die imaginierte von Anglizismen dominierte Sprache der Zukunft dürfe nicht zu dominant werden. Deshalb setzt er ihr eine betörend schöne "Geschichte in der Geschichte" entgegen, in der die älteste Schildkröte der Welt aus ihrem Leben erzählt.

Er gehöre nicht zu den biografisch schreibenden Autoren, bekennt Steinaecker, ihm mache es Spaß, sich in vollkommen andere Welten, Personen, Lebensweisen, einzufühlen. Um dann doch eigene Erlebnisse preiszugeben: "Ich will nicht im Roman davon sprechen, dass ich hier in Ingolstadt Klavierstunden hatte und dabei regelmäßig abgeloost habe. " Science Fiction biete ihm viel mehr Möglichkeiten zum philosophischen Erzählen. Sein größtes Vorbild als Schriftsteller sei freilich ein ganz traditionell-realistischer Erzähler: So wie Tolstoi schreiben zu können, das wäre sein unerfüllbarer Traum.
Walter Buckl
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