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Literaturtage Ingolstadt: Die Zukunft der Menschheit

Ingolstadt
erstellt am 13.03.2018 um 18:23 Uhr
aktualisiert am 13.03.2018 um 23:09 Uhr | x gelesen
Die Ingolstädter Literaturtage von 12. April bis 6. Mai feiern heuer gleich zwei Jubiläen: das 25-jährige Bestehen des Festivals und 200 Jahre Frankenstein. Die Thematik des ungezügelten Forscherdrangs aus Mary Shelleys Roman von 1818 spiegelt sich auch im Programm wider.
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Die: Die Zukunft der Menschheit
Der Mythos Frankenstein ist ein Aspekt der Literaturtage. Thomas Kraft hält einen Vortrag über den Stoff. Und der Roman wird in einer Lesenacht vorgestellt. - Foto: Imago
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Im Jahr 1818 erschien Mary Shelleys Schauerroman "Frankenstein oder Der moderne Prometheus" über den jungen Schweizer Viktor Frankenstein, der einen künstlichen Menschen erschafft und damit Fragen von zeitloser Gültigkeit aufwirft: Wo liegen die Grenzen der Wissenschaft? Wovon träumen wir? Was macht uns zu Monstern? Da Ingolstadt zentraler Schauplatz in Mary Shelleys Roman ist, spiegeln sich das Buch wie die Thematik des ungezügelten Forscherdrangs auch im Programm der diesjährigen Literaturtage wider. So gibt es etwa am 5. Mai eine lange "Frankenstein"-Lesenacht im Arzneipflanzengarten des Medizinhistorischen Museums. Gabriele Rebholz, Dramaturgin am Stadttheater Ingolstadt, hat eine Strichfassung erarbeitet, die von Ingolstädter Persönlichkeiten (u. a. Kulturreferent Gabriel Engert) vorgelesen werden soll.

Eröffnet wird das Festival mit Thomas von Steinaeckers Roman "Die Verteidigung des Paradieses", in dem er ein postapokalyptisches Deutschland entwirft: Die Gewässer sind verseucht, am Himmel kreisen außer Kontrolle geratene Drohnen, mordende Mutantenbanden ziehen auf der Jagd nach Wasser und Lebensmitteln durch das verwüstete Land. Chronist der Geschichte ist der 15-jährige Heinz, der bei einer kleinen Gruppe Überlebender in den Bergen aufwächst. Wie sieht die Zukunft des Humanen und seiner Hybridformen aus und welche Rolle spielt die Moral im Kampf ums Überleben? Diese Fragen beleuchtet Thomas von Steinaecker in seinem Roman auf originelle Weise. In Michael Wildenhains Roman "Das Singen der Sirenen" spielt ein deutscher Frankenstein-Experte die Hauptrolle: Der Berliner Literaturwissenschaftler Jörg Krippen soll für einige Monate ein Seminar in London übernehmen. Die Reproduktionswissenschaftlerin Mae, eine vermeintliche Zufallsbekanntschaft, erweist sich als geheimnisvolle Verführerin, die auffällig viel von Krippen zu wissen scheint. Es entwickelt sich eine Beziehung, die viele Fragen nach dem Verhältnis von Geistes- und Naturwissenschaften aufwirft.

Daneben gibt es auch eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Frankenstein-Stoff. Thomas Kraft, seit 2014 verantwortlich für die künstlerische Programmplanung der Ingolstädter Literaturtage, hat seinen Vortrag "Im Meer aus Eis" betitelt. Anhand ausgewählter Beispiele sollen die Inszenierungen des Stoffes durch die Jahrhunderte vorgestellt werden.

Weil man die Literaturtage auch für ein jüngeres Publikum öffnen möchte, wie Organisator Tobias Klein von der Veranstaltungs GmbH betonte, gibt es mehrere Angebote für Kinder und Familien. So präsentiert etwa der bekannte Kinderbuchautor und Sams-Erfinder Paul Maar "Schiefe Märchen und schräge Geschichten". Er erzählt von einem Zwerg, der aus der Bio-Tonne in Herrn Mockinpots gemütliche Wohnung zieht. Oder von einer Königin, die ihre Lesebrille auf dem royalen Klo vergisst. Mit dabei ist auch das Schiefe-Märchen-Trio, das die sprachlichen Kuriositäten musikalisch begleitet.

"Spätschicht" nennt sich eine neue Veranstaltung des Festivals. Am 27. April öffnet die Stadtbücherei im Herzogskasten ihre Tore bis 22 Uhr. Dann können hier nicht nur Bücher ausgeliehen werden, es gibt auch ein spezielles Programm für die ganze Familie - vom Bilderbuchkino "Ein Löwe in der Bibliothek" (ab 4 Jahren) über eine Lesung der Bestsellerautorin Margit Auer aus der "Schule der magischen Tiere" (ab 8 Jahren) bis zur Krimizeit mit Richard Auer, Carmen Mayer und Thomas Peter. Dazu spielt das Jazzquintett Jazz of Course.

Erst im vergangenen November war der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr zu Gast in Ingolstadt gewesen - um den Marieluise-Fleißer-Preis in Empfang zu nehmen. Im April kommt er erneut und liest aus seinem Buch "Cox oder Der Lauf der Zeit" über einen englischen Uhrmacher, der für den Kaiser von China einen ewigen Chronometer bauen soll. Alister Cox, der Meister aus London, soll in der Verbotenen Stadt Uhren erschaffen, an denen die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Zeiten des Glücks, der Kindheit, der Liebe, auch von Krankheit und Sterben abzulesen sind. Schließlich verlangt Kaiser Qiánlóng, der gemäß einem seiner zahllosen Titel auch alleiniger Herr über die Zeit ist, eine Uhr zur Messung der Ewigkeit. Cox weiß, dass er diesen Auftrag nicht erfüllen kann. Verweigert er sich aber dem Willen des Gottkaisers, droht ihm der Tod. Also macht er sich an die Arbeit.

Zoe Beck wirft in ihrem Kriminalroman "Die Lieferantin" einen Blick in eine düstere Zukunft. Denn nach dem Brexit verhärten sich die gesellschaftlichen Fronten in Großbritannien. Die Mieten steigen, es gibt Straßenschlachten und die Nationalisten versuchen, eine knallharte Drogenpolitik durchzusetzen. Ellie Johnson weiß, dass sie in Gefahr ist - sie leitet das heißeste Start-up Londons und zugleich das illegalste: Über ihre App bestellt man Drogen in höchster Qualität, und sie werden von Drohnen geliefert. Die Londoner Unterwelt fühlt sich von ihrem Geschäftsmodell bedroht und will "Die Lieferantin" tot sehen. Ein packend erzählter Großstadtthriller.

"Statusmeldungen" hat Stefanie Sargnagel ihren Sammelband betitelt, in dem sie ihre Facebook-Posts der vergangenen Jahre veröffentlicht: eine Mischung von satirischen, persönlichen und politischen Kurztexten. Ihr Buch funktioniert wie eine Art öffentliches Tage- und Notizbuch, in dem Alltagsbeobachtungen neben Gedichten, Berichten über Kneipenbesuche oder Seelenbeschreibungen stehen. Und: Anekdoten aus dem Callcenter der Rufnummernauskunft, in dem sie vier Jahre gearbeitet hat.

Auch Ronja von Rönne hat sich als eine der schärfsten Beobachterinnen unserer Zeit einen Namen gemacht. In Ingolstadt liest die Popliteratin und Bloggerin aus ihrem Buch "Heute ist leider schlecht", das eine Auswahl ihrer besten Kolumnen vereint und den Spagat schafft zwischen Banalitäten und treffender Zeitdiagnose.

Wie immer liegt ein Schwerpunkt der Ingolstädter Literaturtage auf der Region. Und so stellt der Ingolstädter Autorenkreis in der 25. Literarischen Nacht im Kap94 eine Auswahl seiner Texte vor. Das Ingolstädter Multitalent Klaus W. Sporer liest aus seinem jüngst erschienenen Lyrikband "Der Lichtspalt blieb". Und der Poetry Slam in der Neuen Welt präsentiert die besten Nachwuchs-Slammer aus der Region: Diejenigen, die sich in den Workshops an Ingolstädter Gymnasien allerlei Tipps in der Kunst des gesprochenen Worts von den Stars der Szene Pauline Füg und Tobias Heyel geholt haben, zeigen zum Abschluss im Wettstreit der Dichter ihr Können.

 

Der Kartenverkauf startet am morgigen Donnerstag. Tickets gibt es in allen DK-Geschäftsstellen und in den Buchhandlungen Hugendubel und Stiebert in Ingolstadt.

Von Anja Witzke
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