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Frank Matthias Kammel leitet seit Juli das Bayerische Nationalmuseum - Im Interview spricht er über seine Pläne

Der neue Burgherr

München
erstellt am 09.08.2018 um 18:10 Uhr
aktualisiert am 09.08.2018 um 19:00 Uhr | x gelesen
München (DK) Wenn der neue Generaldirektor durchs Haus geht, dann mit einem leichten Federn. Frank Matthias Kammel hat ja auch gut zu tun, denn das Bayerische Nationalmuseum ist trotz prächtiger Sanierung des Westflügels doch in die Jahre gekommen. Und viele wissen noch nicht einmal, was sich alles hinter den historistischen Mauern verbirgt. Es gibt also auch beträchtlichen Vermittlungsbedarf.
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Das Bayerische Nationalmuseum zeigt in seinen Sammlungen europäische Kunst und Kultur aus der Zeit der Spätantike bis zum Jugendstil. Seine Bestände reichen von Gemälden und Skulpturen über Möbel bis hin zum Kunsthandwerk.
Das Bayerische Nationalmuseum zeigt in seinen Sammlungen europäische Kunst und Kultur aus der Zeit der Spätantike bis zum Jugendstil. Seine Bestände reichen von Gemälden und Skulpturen über Möbel bis hin zum Kunsthandwerk.
Fotos: Krack/Bayerisches Nationalmuseum
München


Herr Kammel, Sie würden das Bayerische Nationalmuseum am liebsten so drehen, dass man drüber stolpert. Das ist doch mal eine bauliche Ansage.

Frank Matthias Kammel: Ich will damit ja nur sagen, dass das Museum ins Blickfeld der Menschen rücken muss. Die Münchner Prinzregentenstraße ist keine Fußgängerzone, Zufallsbesucher gibt es eher nicht. Also müssen wir uns fantasievoll ins Spiel bringen.



Weshalb sollte man dieses Museum besuchen?

Kammel: Weil Kultur einfach zum Leben gehört! Es muss nicht jeder diese Art von Kultur lieben, Fußball kann genauso Kultur sein. Aber wenn ich an geschichtlichen Dingen interessiert bin und wissen will, wer und wie ich bin - als Individuum oder als Gesellschaft -, dann komme ich nicht umhin, mich mit der Vergangenheit zu beschäftigen.


Da gäb's viele Möglichkeiten.

Kammel: Natürlich kann ich ein Buch lesen oder Fernsehschauen, aber nur das Museum bietet Originale. Die haben eine Aura, wenn Sie so wollen. In einem gut gemachten Museum erfahre ich, weshalb etwas heute so oder so ist: Weil es sich entwickelt hat.


Nun könnte die Lage besser sein, Sie haben aber auch noch die Hürde eines Namens, hinter dem man Kanonen, Trachten, vielleicht noch Tafelsilber von den Wittelsbachern vermutet. Denken Sie an eine Umbenennung?

Kammel: Nein. Wenn jemand an Kanonen und Trachten denkt, ist das noch nicht einmal verkehrt. Kanonen gab es hier früher sogar, die sind jetzt im Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt. Trachten haben wir immer noch, nur sind die nicht ausgestellt. Der große Name Bayerisches Nationalmuseum kann abschrecken, der bessere Weg wäre, ihn mit neuem Leben zu füllen. Ich werde zum Beispiel seit Monaten gefragt, ob Bayern denn eine Nation sei.


Und was sagen Sie?

Kammel: Bayern hat sein Gesicht nach der Säkularisation im 19. Jahrhundert plötzlich völlig verändert. Es sind Gebiete dazu- gekommen, die nichts mit dem zu tun haben, was wir historisch als Bayern bezeichnen, wie die fränkischen Hochstifte, Schwaben? Und dann kommt ein König auf die Idee, ein Museum für diese ganz unterschiedlichen Mentalitäten zu bauen, um sie immerhin kulturell zu einer Nation zusammenzuschweißen und zu beleuchten.


Jetzt weiß ich immer noch nicht, was mich im Museum erwartet.

Kammel: Namensänderungen bringen nicht den Effekt, den man gerne hätte. Das Victoria & Albert Museum in London sagt mir nicht im Entferntesten, dass es sich um das größte Kunstgewerbemuseum der Welt handelt. Wichtig ist vielmehr, dass der Name mit einem Image verbunden ist.


Apropos Image: Die Mittelalterabteilungen haben teilweise etwas recht Muffiges. Wie wollen Sie da ein modernes Publikum ansprechen, das mittlerweile recht hohe Erwartungen hat?

Kammel: Wir sind zum Teil in den 50er-Jahren verharrt, das hat natürlich etwas mit Geld und Kapazitäten und nicht zuletzt mit dem Denkmalschutz zu tun. Am Haus wurde in den letzten Jahren aber schon viel gemacht, das hat meine Vorgängerin Renate Eikelmann sehr forciert. Und jetzt führen wir die Sanierung des Osttrakts mit dem Mittelalter weiter. Doch unabhängig vom Bau ist der Brückenschlag zur Gegenwart ein ganz wichtiger Punkt.


Dann nehmen wir doch die Keramikhaferl und Teller. Da steigt man schnell aus, sofern man überhaupt in so einen Raum geht.

Kammel: Solche Dauerausstellungen würde ich in kulturgeschichtliche umwandeln. Diese Objekte können ja deutlich mehr erzählen als die Entwicklung der Keramik in Bayern zwischen 1550 und 1850. Das reizt uns heute nicht mehr. Aber nehmen Sie ein Objekt heraus, etwa eine Gabel, dann können Sie etwas viel Interessanteres schildern. Etwa, dass irgendjemand das Essen nicht mehr angreifen wollte, um keine fettigen Finger zu bekommen. Oder weil sich das für eine bestimmte soziale Schicht nicht gehörte. Dann hat das plötzlich etwas mit sozialer Distinktion zu tun, und Sie landen schnell in der Gegenwart, wo man ein bestimmtes Auto kauft, um sich zu unterscheiden. Ich möchte Geschichten erzählen, die uns heute etwas sagen. Das können in 30 Jahren wieder ganz andere sein. Das Museum hat nicht nur die Aufgabe zu sammeln und zu bewahren, sondern unsere Gegenwart mit der Vergangenheit zusammenzubringen.


Vor zwei Jahren hat der Videokünstler Christoph Brech das Mittelalter aufgemischt.

Kammel: Auch das meine ich damit. Eine Konfrontation muss aber immer etwas mit unseren Beständen zu tun haben, ich hege nicht die Absicht, einem Haus, das sich mit dem 20. und 21. Jahrhundert beschäftigt, Konkurrenz zu machen. Genauso sind Sonderausstellungen eine schöne Möglichkeit, ein Museum aktuell zu halten.


Weil man Themen, die in der Luft liegen, schnell aufgreifen kann?

Kammel: Und weil man etwas ganz knapp erzählt bekommt. Das ist angenehm, weil wir von früh bis spät mit Eindrücken und Reizen konfrontiert sind und ständig auswählen müssen. Sonderausstellungen müssen das zweite Standbein eines Museums sein, die Zeiten der alleinigen Schausammlungen sind vorbei. Und das ist ja gut so. Schon weil wir so viel im Depot haben und auf diese Weise besser die Gegenwart mit der Vergangenheit verbinden können.


Bleibt trotzdem das Problem der unbeweglichen Schausammlungen.

Kammel: Wir richten sie für 20, 25 Jahre ein, weil sie sich erst dann amortisiert haben - oft genug stehen sie 40 Jahre. Dabei sind Schausammlungen nach spätestens zehn Jahren veraltet. Aus diesem Teufelskreis kommen wir aber nicht heraus. Unsere Konkurrenten sind auch nicht die anderen Museen, sondern die Kaufhäuser, in denen Modeschmuck zum Teil viel attraktiver ausgestellt ist, als ein wertvolles Kronjuwel in irgendeiner alten Vitrine.


Sie können eigentlich nur die Zusammenstellung ändern.

Kammel: Das wird bei den Haferln ein bisschen schwieriger, aber es ist zu lösen. Man kann auch mal etwas ins Depot stellen, das ist in anderen Zeiten auch gemacht worden. Kaspar König, der große Spezialist für die zeitgenössische Kunst, sagt, das Museum ist ein großes Depot mit einer Schaufläche. Dass ein Depot totes Kapital sei und Objekte verkauft werden müssten, wie man immer noch hört, ist deshalb völliger Unsinn. Das Depot ist die Quelle des Museums, aus der sich die Kuratoren über sämtliche Zeiten speisen können. Wenn ich das aufgebe, kann ich auch keine neuen Fragen beantworten. Und jede Generation stellt andere Fragen.


Wäre es aber nicht sinnvoll, in den Dauerausstellungen ein paar Werke herauszugreifen und besonders zu inszenieren?

Kammel: Wenn man eine Mona Lisa hat oder einen Mann mit dem Goldhelm, ist das einfach.


Aber Sie haben den wunderbaren Mohrenkopf-Pokal, die kleine Judith von Conrat Meit oder Porzellanfiguren von Bustelli.

Kammel: Eine Ikone zu finden, ist sicher eine Überlegung wert. Aber man sollte vor allem in der Dauerausstellung sofort erkennen, dass es sich um ein Hauptwerk handelt. Das gehört alles zu einem Leitsystem, das wir im Team gemeinsam entwickeln wollen. Und lassen Sie mich gleich noch vors Museum treten: Ich bin auch dafür, dass hier in München mehr gemeinschaftlich gelöst wird. Ich kann nur darüber staunen, dass die staatlichen Museen ganz unterschiedliche Öffnungszeiten haben. Das ist nicht großstädtisch, das versteht auch kein Tourist.


Sagt mir Ihr etwas längeres Haar am Hinterkopf, dass Sie ein Punker sind?

Kammel: Na ja, war ich vielleicht mal - aber eher in modischer Hinsicht.

Wenn Sie das Bayerische Nationalmuseum wirklich umkrempeln, ist das schon auch Punk.
Kammel: Kommt drauf an. Die ursprüngliche Bedeutung des englischen Begriffs ist ja faulendes Holz. Da ziele ich eher aufs Gegenteil. Wenn es um das Provokative geht, bin ich absolut dabei!


Die Fragen stellte Christa Sigg.

Bayerisches Nationalmuseum, Prinzregentenstraße 3, München, Di bis So 10 bis 17, Do bis 20 Uhr.


ZUR PERSON

Frank Matthias Kammel (56) studierte Kunstwissenschaft, Archäologie und Kulturtheorie/Ästhetik an der Humboldt-Universität in Berlin. In den Staatlichen Museen zu Berlin und am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg sammelte er Erfahrung mit Sanierungen und neuen Ausstellungskonzepten. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Bildhauerkunst des Spätmittelalters sowie die Skulptur des späten 18. Jahrhunderts. Ein breites Publikum kennt ihn aus der BR-Reihe "Kunst & Krempel".