Dienstag, 16. Oktober 2018
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Der Futurologische Kongress des Stadttheaters Ingolstadt ist ein Infotainment-Spektakel aus Wissenschaft, Forschung, Technik und Kunst. Intendant Knut Weber spricht über Chancen und Risiken der Digitalisierung und erklärt, warum ihm das Projekt so wichtig ist.

"Das Ende ist offen"

erstellt am 15.05.2018 um 22:06 Uhr
aktualisiert am 17.09.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Der Futurologische Kongress des Stadttheaters Ingolstadt ist ein Infotainment-Spektakel aus Wissenschaft, Forschung, Technik und Kunst. Intendant Knut Weber spricht über Chancen und Risiken der Digitalisierung und erklärt, warum ihm das Projekt so wichtig ist.
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Intendant Knut Weber: ?Die veränderte Beziehung von Mensch und Maschine: Das ist etwas, was uns alle in unserem Alltag betrifft.?
Intendant Knut Weber: "Die veränderte Beziehung von Mensch und Maschine: Das ist etwas, was uns alle in unserem Alltag betrifft."
Foto: Hauser
Das Projekt ist außergewöhnlich, einmalig, spektakulär: Ein Wochenende lang will sich das Stadttheater Ingolstadt mit dem heranbrechenden Zeitalter der Digitalisierung auseinandersetzen - und zwar mit allen Möglichkeiten, die einer Bühne zur Verfügung stehen, vom Infotainment bis zu Ausflügen ins Gebiet der Technik und Wissenschaft. Das Projekt hat einen hochtrabenden Titel: Futurologischer Kongress, beteiligt sind auch weitere wichtige Institutionen der Region, die Technische Hochschule, Audi ArtExperience, Brigk und die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt. Intendant Knut Weber erläutert, warum ihm die Initiative so am Herzen liegt.


Herr Weber, kein Zukunftsthema wird so stark diskutiert wie die Digitalisierung. Aber was veranlasst gerade ein Theater, sich mit so unkünstlerischen Gegenständen zu beschäftigen wie Revolution der Mobilität und künstliche Intelligenz?

Knut Weber: Die veränderte Beziehung von Mensch und Maschine: Das ist etwas, was uns alle in unserem Alltag betrifft, in unseren Visionen, in der Art und Weise, wie wir zusammenleben wollen oder müssen. Das Theater ist ein Medium, das immer auch das gesellschaftliche Zusammenleben reflektiert. Natürlich sind so fundamentale Veränderungen wie die Digitalisierung dann Thema auf der Bühne, aber auch hinter der Bühne. Wir sind von diesen Veränderungen ganz unmittelbar betroffen.


Erstaunlich ist, dass sogar bis ins Theater hinein die digitale Revolution ihre Auswirkungen hat. Dabei gilt doch gerade die Theaterkultur als ausgesprochen analog.

Weber: Theater ist ein analoges Handwerk. Die Arbeit des Schauspielers auf der Bühne wird sich zunächst auch nicht verändern. Aber auch da ist nichts sicher. In Dortmund ist eine digitale Theaterakademie gegründet worden, wo man mit Hilfe der digitalen Medien die Bühnen verändern will. Wie soll man mit Avataren auf der Bühne umgehen - solche Fragen sind ja keine Zukunftsmusik mehr.


Ist Ingolstadt ein besonders passender Ort für einen Futurologischen Kongress?

Weber: Ja, finde ich schon. Eine Stadt, in der die Autoindustrie so stark ist, ist natürlich ideal für einen Kongress, in dem es ja auch um die Zukunft der Mobilität geht. Ich spüre auch, dass dieses Themenfeld überall auf höchstes Interesse hier stößt - in Politik, Wissenschaft oder Unternehmerschaft genauso wie in Kunst und Kultur. Wir haben hier eine interessante Infrastruktur, ob das jetzt das Armeemuseum ist oder das Museum für Konkrete Kunst. Der Kongress ist vielleicht in Ingolstadt sogar etwas leichter auf den Weg zu bringen als in einer so großen Stadt wie München, wo so eine Initiative auch leichter mal verschwindet im allgemein großen Kulturangebot. Hier hat das einen anderen Fokus.


Sie kooperieren mit vielen wichtigen Einrichtungen. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Weber: Unser Interesse war von Anfang an, das Projekt nicht allein zu stemmen, sondern uns die entsprechenden Kompetenzen ins Haus zu holen. Natürlich hat bei den wissenschaftlichen Fragen die Technische Hochschule die Kompetenz. Insofern lag es nah, die Hochschule auch als Ort miteinzubeziehen. Städtische Orte als Spielorte zu verwenden, das ist ja etwas, was wir seit vielen Jahren tun. Und für viele Bürger ist die THI auch noch ein unbeschriebenes Blatt, ebenso die Carissma-Halle. Die Zusammenarbeit mit Audi, die ja seit vielen Jahr besteht, hier weiter auszubauen, ist ohnehin selbstverständlich. Ebenso nahe lag es, die kulturellen Spieler der Stadt zu bitten, sich zu beteiligen, das Museum für Konkrete Kunst oder das Armeemuseum. Wenn so ein Projekt dann mal im Raum steht, kommen unweigerlich weitere Institutionen hinzu, so etwa auch die Katholische Universität. Darüber freuen wir uns außerordentlich. Das hat jetzt eine Breite bekommen, die dem Thema angemessen ist. Im Grunde beteiligt sich hier eine ganze Stadt.


Dementspechend ist auch das Angebot des Futurologischen Kongresses sehr breit gefächert und geht weit über das hinaus, was ein Theater sonst so bietet. Könnten Sie einige Programmpunkte nennen, die Ihnen besonders wichtig sind?

Weber: Ich bin wirklich glücklich über diese Vielfalt. Dieses Konzept der Überforderung ist tatsächlich aufgegangen: Niemand wird alles ansehen können. Die künstlerischen Darbietungen sind allerdings fast alle Loops, sie wiederholen sich immer wieder. Ungewöhnlich sind besonders die Eröffnungsveranstaltung mit dem Festvortrag von Yvonne Hofstetter und dem Beitrag unseres Ensembles im Stil des Spielzeit-Cocktails. Wichtig ist auch der Gastbeitrag von Prof. Peter Weibel, der für mich natürlich eine große Rolle spielt. Zum einen, weil wir uns einige Exponate aus seiner wunderbaren Ausstellung im ZKM ausleihen dürfen, zum anderen, weil er als der Vertreter der digitalen Kunstszene, als Leiter des ZKM in Karlsruhe, als ehemaliger Leiter der Ars Electronica in Linz, weltweit der renommierteste Fachmann für das Thema Digitalisierung und Kunst ist. Natürlich ist Julian Nida-Rümelin als Philosoph von großer Bedeutung. Ich bin sehr froh, dass Sami Haddadin herkommt, den ich auch als großartigen Menschen kennengelernt habe: völlig uneitel, einer der weltweit führenden Roboter-Forscher. Gleichzeitig ist der Einsatz aller Lehrenden der THI sehr erfreulich, die ausgesprochen produktiv mitgearbeitet haben, die zulassen, dass in ihren Labors Künstler mit ihren Robotern kommunizieren.


Sie sprachen gerade von einem Konzept der Überforderung: Gibt es bei diesem umfangreichen Programm Hilfestellung und Unterstützung für die Besucher des Futurologischen Kongresses?

Weber: Wir lassen gerade eine App entwickeln, die durch den Tag führt. Unsere Gäste können sich, orientiert an ihren persönlichen Interessen und mit Hilfe unserer Flugschrift und des Programmflyers ihre individuellen Routen zusammenstellen.


Der Umgang mit der neuen Technik hat bei Ihnen etwas Sinnliches, Unterhaltsames - bis hin zu einem Roboterkonzert. Ist das der richtige Weg, sich diesem schwierigen Thema anzunähern? Oder wird die Entwicklung so eher verharmlost?

Weber: Nein, ganz im Gegenteil. Wir stellen die gesellschaftlichen Chancen dieser Revolution dar, wir reflektieren aber auch darüber. Der Vortrag von Frau Hof-stetter etwa wird deshalb so interessant sein, weil sie auch die Risiken ausloten wird. Das ist eine Debatte, die wir unbedingt führen müssen. Hinter dem Ganzen steht ja die Frage: Wie wollen wir leben? Das ist das Thema, das unsere Spielzeiten schon seit Längerem durchdringt. Wir selber müssen uns entscheiden, was wir von den neuen technischen Möglichkeiten einsetzen wollen und was nicht. Die Technik selber ist neutral. Es geht darum: Wollen wir die Entwicklung steuern?


Von der Perspektive des Auslands aus gesehen, wird Deutschland immer wieder vorgeworfen, eher technologiefeindlich und übermäßig ängstlich zu sein. Was ist hier Ihre ganz persönliche Meinung, was erwartet uns: Utopie oder Dystopie, eine grandiose Zukunft oder Niedergang?

Weber: Das Ende ist tatsächlich offen. Auf der einen Seite könnten künstliche Intelligenz, Robotik und die Digitalisierung einen paradiesischen Zustand ermöglichen. Die Sklaverei ist abgeschafft, alle Menschen haben ein bedingungsloses Grundeinkommen und genügend Zeit für soziale Kontakte, gemeinschaftliches Engagement und Kreativität. Dafür würde es sich lohnen zu kämpfen. Die andere Variante ist allerdings sehr dunkel: Herrschaft einer Elite, totale Kontrolle und Transparenz zugunsten weltumspannender Konzerne und totaler Machtverlust der Politik. Es liegt an uns, jetzt die Weichen zu stellen.

Das Interview führte
Jesko Schulze-Reimpell.
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