Sonntag, 18. November 2018
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Ein Abend mit Filmemacher Gernstl

„Ich baue mir die Welt, wie ich sie gerne hätte“

Ingolstadt
erstellt am 07.11.2018 um 22:34 Uhr
aktualisiert am 09.11.2018 um 15:30 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) So etwas macht er nicht oft: Der Filmemacher Franz Xaver Gernstl kam am Mittwochabend für einen Auftritt ins Donaukurier-Verlagsgebäude in Ingolstadt, wo er den rund 250 Besuchern einen amüsanten und abwechslungsreichen Abend bescherte.
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Mit seinem Kameramann Hans Peter Fischer und seinem Tonmann Stefan Ravasz fährt Gernstl bereits seit über 35 Jahren im VW-Bus durch die Lande, wo er Leute interviewt, die etwas Außergewöhnliches tun − und zudem noch lustige oder berührende Geschichten zu erzählen haben. Wie in seinem neuen Film „Bratwurst, Bier und Religion“, den der 67-Jährige im Verlagshaus in einer Vorabpremiere zeigt. In dem im Frühjahr abgedrehten 45-minütigen Doku-Streifen besucht er unter anderem die letzte brauende Nonne im Kloster Mallersdorf (Landkreis Straubing-Bogen). Er trifft einen Organisten in Eichstätt, der jeden Tag ein Konzert gibt, auch wenn die Kirchenbänke leer bleiben.

Fotostrecke: Franz Xaver Gernstl beim DK
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Und einen Metzger in Pfaffenhofen an der Roth, der chilenischen Praktikanten das Wurstmachen beibringt. Und dann ist da noch der oberpfälzische Maler, der über seine jahrelange Krebserkrankung spricht. Der Bayerische Rundfunk strahlt den Film, der erste einer Dreierreihe, am 25. Dezember aus.
 

 

Gernstls Hauptjob ist mittlerweile seine Produktionsfirma, die früher unter anderem „Dingsda“ oder „Willi wills wissen“ produzierte und heute die „Landfrauenküche“ verantwortet. Auch seine beiden Söhne gehören zu den 40 Mitarbeitern. Doch mit dem Herumfahren will Gernstl dennoch nicht aufhören, wie er Moderator und Online-Redakteur Uwe Ziegler im Gespräch erklärt. „Wir machen so lange weiter, bis nicht nur der Erste, sondern auch der Zweite von uns im Rollstuhl sitzt. Dann machen wir eine Bar auf Elba auf.“ Das Unterwegssein auf der Suche nach Menschen und ihren Geschichten gehöre einfach zu seinem Leben. „Die Leute, mit denen ich mich unterhalte, sind meine Stars! Ich verliebe mich in die“, sagt der Wahl-Münchner, der ursprünglich aus der Rosenheimer Gegend stammt. „Erst später am Schneidetisch stellt sich oft heraus, dass ich denjenigen vielleicht doch nicht so mag.“ Lachen im Publikum.
 

 

"Drehen macht nicht wirklich Spaß"

 
Gernstl ist eben ehrlich – und zerstört am Mittwochabend vielleicht auch die Illusionen der Fans. Denn: „Das Drehen ist nicht so, wie’s ausschaut. Das macht nicht wirklich Spaß, sondern ist echte Arbeit.“ Da kann ein Tag, gerade im Sommer, schon mal von 7 Uhr morgens bis 3 Uhr nachts dauern. Und nur die Hälfte der Menschen, die er interviewt, „schaffen es tatsächlich in den Film“, antwortet er auf die entsprechende Frage einer Zuhörerin. Den anderen sagt er ab, meist per E-Mail. Beim Schneiden des Films picke er sich nur die Perlen raus. „Ich baue mir die Welt, wie ich sie gerne hätte“, gibt Gernstl zu. „Es kann sein, dass wir drei Stunden reden, und es ist langweilig.“ Aber dann kämen plötzlich fünf Sätze, aus denen er doch noch eine gute Geschichte machen könne.

Den meisten Leuten begegne er heute im Gegensatz zu seinen früheren Sendungen nicht mehr zufällig auf dem Weg. „Ich schicke jemanden herum, der sich in der Gegend umhört; der sich in Kneipen oder Supermärkten nach interessanten Typen erkundigt.“ Erst dann fahre er hin. So habe er zum Beispiel den Metzger aus dem Kreis Roth gefunden. Dennoch wüssten viele Protagonisten nicht, dass Gernstls Mini-TV-Mannschaft anrückt. „Wir überfallen sie gerne. Denn wenn man sich ankündigt, werden die nervös, streichen die Wohnung neu und ziehen sich ein Dirndl an.“ Und das ist das Gegenteil von dem, was der 67-Jährige will. „Die Leute sollen nicht anfangen, sich darzustellen, sondern so sein, wie sie sind.“
 
Ob er einen Interviewpartner auch streiche, um ihn vor einer eventuellen Blamage zu bewahren, will jemand aus dem Publikum wissen. „Wenn man den Eindruck hat, dass es jemanden verletzt, dann lässt man es lieber“, sagt Gernstl. Generell seien die Menschen aber mit ihrer Darstellung in seinen Filmen zufrieden. „In über 35 Jahren hat sich noch nie jemand beschwert.“ Nur einmal habe er eine Anzeige bekommen, als er in einem Spielcasino in Tschechien einen jungen Mann gezeigt habe, der gerade sein Geld verspielte. Davon wusste seine Mutter nichts. Und das gab richtig Ärger.
 

Grandioser Erzähler

 
Auch wenn Gernstl in seinen Filmen in den Hintergrund tritt und die Menschen lieber erzählen lässt: Er ist selbst ein grandioser Erzähler. Das zeigt sich immer wieder an diesem kurzweiligen, dreistündigen Abend, an dem das Publikum an seinen Lippen hängt – besonders, als er aus seiner Biografie liest, an der er schon zwölf Jahre lang arbeitet, die aber immer noch nicht fertig ist. Das Schreiben sei ihm eben nicht so wichtig, wie andere Dinge im Leben. „Ich schreibe, wenn mir langweilig ist. Gerne auch nach einem Bar-Besuch um 3 Uhr nachts. Da schreibe ich dann schnell fünf Seiten runter, aus denen ich am nächsten Tag eineinhalb vernünftige Seiten mache.“
 
So erfährt das Publikum etwa, wie er seinen Kameramann und besten Kumpel Fischer kennengelernt hat. Das war nämlich der Ehemann seiner ersten Freundin und großen Liebe Georgia. Georgia verließ irgendwann beide Männer für einen Lebkuchenfabrikanten aus Nürnberg, Fischer und Gernstl verbündeten sich – und eine wunderbare Freundschaft nahm ihren Anfang. Moderator Ziegler hatte „Fish“ vorab gebeten, in einer E-Mail ein paar Zeilen über Gernstl zu verfassen, welche er bei der Veranstaltung vorlesen könne. „Alles in allem ein feiner Kerl“, schreibt dieser. „Trotzdem manchmal Arschloch, und mein bester Freund!“ Der nächsten Tour der „fahrenden Psychotherapie“, wie Gernstl sich und seine Kompagnons ob der verschiedenen Marotten nennt, steht also auch weiterhin nichts im Wege.

Silvia Obster
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