Freitag, 19. Oktober 2018
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Ingolstädter Familie wehrte sich 2010 gegen Google Street View

Internet-Giganten ausgebremst

Ingolstadt
erstellt am 12.10.2018 um 19:27 Uhr
aktualisiert am 14.10.2018 um 08:27 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Mit einem großen Transparent gegen Google Street View hat eine Ingolstädter Familie 2010 für mediales Aufsehen gesorgt. Nun ist das Plakat als Zeitdokument in einer Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn zu sehen.
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Berühmtes Banner: Vor dem Haus der Familie Bavelos Haid in Ingolstadt sendete das Bayerische Fernsehen am 10. Februar 2010 live. Silvio Bavelos, der damalige DK-Verleger Georg Schäff (von rechts) und Günther Dorn (links), Leiter des Bayerischen Landesamtes für Datenschutz, diskutierten mit der Moderatorin Anja Marks-Schilffahrt.
Berühmtes Banner: Vor dem Haus der Familie Bavelos Haid in Ingolstadt sendete das Bayerische Fernsehen am 10. Februar 2010 live. Silvio Bavelos, der damalige DK-Verleger Georg Schäff (von rechts) und Günther Dorn (links), Leiter des Bayerischen Landesamtes für Datenschutz, diskutierten mit der Moderatorin Anja Marks-Schilffahrt.
Herbert
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Nein, das hätten sie nicht gedacht. Dass ihr Protestplakat vom Gartenzaun, auf dem in großen Buchstaben "Google Street View? Nein!" steht, einmal ins Museum kommt, ein Stück Zeitgeschichte in einer Ausstellung im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn wird. Aber Elfi Bavelos und Alois Haid aus Ingolstadt hatten auch im Winter 2009/10 nicht damit gerechnet, dass ihre Familienaktion gegen den Internet-Giganten eine derartige mediale Aufmerksamkeit bekommen könnte. Radiostationen führten Interviews, das Bayerische Fernsehen stellte seine Kameras für eine Live-Sendung an einem bitterkalten Februarabend vor das Haus der Familie auf, Redakteure des DONAUKURIER und der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" saßen zu Gesprächen am heimischen Esstisch.

Auslöser für die Plakataktion mit ungeahnten Folgen war die Ankündigung von Google, im Juli 2009 mit Kamerafahrzeugen durch Ingolstadt zu fahren und Fassaden und über Gartenzäune zu fotografieren. Informationen darüber gab es kaum. Der DONAUKURIER, der bereits 2007 wegen der bis heute umstrittenen Vorratsdatenspeicherung mit der "Schwarzen Titelseite" bis in den Bundestag für Furore gesorgt hatte, griff das Thema Datenschutz erneut auf und titelte im Oktober 2009: "Organisierter Angriff auf die Privatsphäre". Der damalige Verleger, Georg Schäff, hatte bei renommierten Juristen Gutachten zur rechtlichen Situation in Auftrag geben. Das Ergebnis: Google Street View breche deutsches Recht. Schäff warnte davor, dass "die Menschen zu Nutzerprofilen von Datenkraken degradiert" würden und forderte von der Politik und von Datenschützern, zu reagieren.
Mit Aufklebern des DONAUKURIER protestierten Hausbesitzer gegen den Internet-Giganten.
Mit Aufklebern des DONAUKURIER protestierten Hausbesitzer gegen den Internet-Giganten.
Hauser, Breloer/dpa
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Doch nicht nur die Familie Bavelos Haid wehrte sich in der Region. Im März 2010 fuhr eine Delegation des DONAUKURIER zur Google-Zentrale Deutschland nach Hamburg und übergab zwei dicke Ordner voller Widerspruchsschreiben, beklebt mit einem Schild: "Keine Bilder für Google Street View." Mehr als 700 Leser hatten schriftlich protestiert. Ihre Häuser wurden, wie Hunderttausende andere in Deutschland unkenntlich gemacht.

Achteinhalb Jahre später - nach dem rasanten Siegeszug der Sozialen Medien in einer globalisierten und längst umfassend vernetzten Welt, nach Datenschutzskandalen, nach Hackerangriffen und Whistleblowern, aber auch nach Inkrafttreten der Europäischen Datenschutz-Grundverordnung im Mai dieses Jahres - sitzen Elfi Bavelos und Alois Haid wieder an ihrem großen Esstisch und reden über Daten und Datenschutz, Überwachung und Privatsphäre und über den "gläsernen Bürger". "Wir haben damals aus dem DONAUKURIER von Google Street View erfahren und waren sofort alarmiert", erinnert sich der heute 60-jährige Alois Haid. "Dass ein US-amerikanischer Konzern einfach über unseren Gartenzaun schaut, ging uns zu weit", erzählt er und die Entrüstung über die Dreistigkeit des Unternehmens ist auch Jahre später noch einmal spürbar. Mit zwei ihrer Söhne haben sie lange diskutiert, bis der Entschluss feststand: Jeder malt ein Wort mit roter Farbe auf das Transparent. "Es ging uns auch darum, unseren Kindern zu zeigen, dass man sich zur Wehr setzen kann, dass man etwas bewegen, dass man Farbe bekennen kann."
m März 2010 übergab Markus Schwarz (rechts), damals Chef vom Dienst, mehr als 700 Widersprüche von Lesern aus der ganzen Region an Kay Overbeck, Pressesprecher von Google Deutschland.
m März 2010 übergab Markus Schwarz (rechts), damals Chef vom Dienst, mehr als 700 Widersprüche von Lesern aus der ganzen Region an Kay Overbeck, Pressesprecher von Google Deutschland.
Hauser, Breloer/dpa
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Nach dem Banner am Zaun folgte das Schreiben an Google mit dem Widerspruch. "Wir kamen uns ein bisschen vor wie David gegen Goliath", erinnert sich Elfi Bavelos. Aber: Auch ihr Haus wurde gepixelt. Die Antwort-Mail aus Mountain View in Kalifornien landete später in einem Karton, gemeinsam mit den vielen Zeitungsausschnitten, DVDs, Fotos und Aufklebern.

Diese "Google-Kiste", wie Elfi Bavelos sie nennt, hat bei Judith Kruse vom Haus der Geschichte ebenso wie das gut erhaltene Banner - das als Leihgabe nach Bonn geschickt wurde - für Begeisterung gesorgt. "Das war ein absoluter Glücksfall", schwärmt die Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Ausstellung zum Thema "Angst". Bei ihren Recherchen zum Thema Überwachung und Datenschutz, das bis heute Hunderttausende bewegt - etwa an diesem Samstag auf der Demonstration in Berlin "Freiheit statt Angst" - stieß sie schnell auf den DONAUKURIER und auf die Plakataktion. Sie nahm wegen diverser Artikel, Seiten und Fotos Kontakt mit Sebastian Kügel, Archivleiter dieser Zeitung, auf - und später mit der Familie.
Gegen Google Street View: Die mit einer Kamera ausgestatteten Autos fuhren 2009 durch ganz Deutschland. I
Gegen Google Street View: Die mit einer Kamera ausgestatteten Autos fuhren 2009 durch ganz Deutschland. I
Hauser, Breloer/dpa
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Technik- oder Internetvereweigerer sind das Ehepaar und ihre Familien nicht. Aber Elfi Bavelos und Alois Haid sehen die Digitalisierung ambivalent. Sie sind vorsichtig und wachsam. Wie damals. Wer sammelt wo unsere Daten? Was passiert damit? Verdienen die Sozialen Medien tatsächlich das Attribut "sozial"? Der Digitalisierung um jeden Preis können sie nichts abgewinnen. Vor allem nicht, wenn große Summen investiert werden, in anderen Bereichen, etwa der Pflege oder der Kinderbetreuung, aber dann Geld fehlt. Und sie fordern, dass Kinder möglichst früh auch in den Schulen über die Risiken und über den Datenschutz aufgeklärt werden. Über das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Ihren Enkelkindern werden sie die Geschichte des Plakats auf jeden Fall erzählen.
 

Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn

Das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland spürt in seiner neuen Ausstellung „Angst. Eine deutsche Gefühlslage?“ diesen Stimmungen nach. Die Ausstellung fragt mit mehr als 300 Exponaten nach kollektiven Ängsten „der“ Deutschen, sie beleuchtet ihre Entstehung sowie Verbreitung im jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Kontext. Auch die Rolle der Medien wird diskutiert. Die vier Themen sind: Zuwanderung, Atomkrieg, Umweltzerstörung und Überwachung. Die Ausstellung verdeutlicht, wie sich in der Folge der Volkszählung das Recht auf informationelle Selbstbestimmung etablierte und wie die Angst vor Datensammlungen im Rahmen von Google-Street View 2010 emotional befeuert wurde. Haus der Geschichte, Bonn: Angst. Eine deutsche Gefühlslage?. Bis 19. Mai 2019, Di bis Fr von 9 bis 19 Uhr, Sa/So/Feiertage von 10 bis 18 Uhr. Eintritt frei.

Ein Interview mit dem Datenschutzbeauftragten Johannes Caspar lesen Sie hier.

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