Dienstag, 21. August 2018
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Comic-Rallye durch den Schlossgarten

Frankfurt
erstellt am 10.08.2018 um 19:26 Uhr
aktualisiert am 10.08.2018 um 22:33 Uhr | x gelesen
Frankfurt (DK) Im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse bietet das Erlanger Poetenfest von 23. bis 26. August wieder jede Menge druckfrischen Stoff zum Schmökern. Besonders beliebt bei Jung und Alt sind die Lesenachmittage im Schlossgarten.
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Fotos: Burgi, Erichsen, Dedert, Woitas/dpa
Frankfurt
Erlangen (DK) Natürlich ist der Termin im Kalender schon längst markiert: Am letzten Wochenende im August reist das literarisch interessierte Publikum nach Erlangen, wo man Schriftsteller ganz nah erleben kann. Seit 38 Jahren schon markiert das Erlanger Poetenfest den Auftakt des Bücherherbsts - und gilt als eines der schönsten und entspanntesten Literaturfestivals überhaupt.

Was natürlich vor allem an den langen Lesenachmittagen im Schlossgarten liegt. Denn hier kann man auf Picknickdecken unter Bäumen liegen und träumen oder den Autoren lauschen, die im halbstündigen Rhythmus aus ihren Neuerscheinungen vortragen. Und man kann mit den Autoren ins Gespräch kommen - entweder bei der anschließenden Interview-Runde auf einem Nebenpodium oder weil man vielleicht im gleichen Hotel eingecheckt hat. Für die kleinen Leseratten gibt es das Junge Podium und eine ganze Bilderbuchwiese, auf der man sich entweder neue Bücher von den Tischen pflücken oder auf die Vorleser vertrauen kann, die dort zu speziellen Zeiten Wunschbücher präsentieren. Es gibt Musik und Diskussionen, Ausstellungen und eine ganze Reihe von Sonderveranstaltungen rund ums Buch. Mehr als 12 000 Besucher kamen im vergangenen Jahr.

Aber wichtiger als die Zahlen ist immer noch die Qualität. Überraschenderweise schaffen es die Veranstalter immer wieder, die Crème de la Crème der Schriftsteller einzuladen - darunter auch die aktuelle Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Tanja Maljartschuk und die diesjährige Georg-Büchner-Preisträgerin Terézia Mora, die in ihrem aktuellen Band "Die Liebe unter Aliens" von Menschen erzählt, die sich verlieren, aber nicht aufgeben, die verloren sind, aber weiter hoffen: Frauen und Männern, Einzelgänger und Glückssucher.

Die Autorenporträts sind heuer Marcel Beyer, Daniel Kehlmann, Christoph Ransmayr und Natascha Wodin gewidmet. Bekannt wurde Marcel Beyer 1995 mit seinem Roman "Flughunde". Darin erzählt er vom Zweiten Weltkrieg, von der Instrumentalisierung der Sprache durch die Propaganda und von Experimenten mit menschlichen Stimmen. "Seine Texte widmen sich der Vergegenwärtigung deutscher Vergangenheit mit derselben präzisen Hingabe, mit der sie dem Sound der Jetztzeit nachspüren", hieß es 2016, als Marcel Beyer mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde. 2017 erschien der Essayband "Das blindgeweinte Jahrhundert". Was dem Autor zum Thema "Tränen" alles eingefallen ist - vom Philosophen Adorno, der im Hörsaal sein Weinen hinter seiner Aktentasche verbirgt, bis zu den Tränen der Wiedervereinigung -, wird er mit Verena Auffermann besprechen, die das erste Autorenporträt am Freitag, 24. August, im Markgrafentheater moderieren wird.


Autorenporträts sind Marcel Beyer (oben links), Christoph Ransmayr (oben rechts), Daniel Kehlmann und Natascha Wodin gewidmet.
Autorenporträts sind Marcel Beyer (oben links), Christoph Ransmayr (oben rechts), Daniel Kehlmann und Natascha Wodin gewidmet.
Fotos: Burgi, Erichsen, Dedert, Woitas/dpa
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Das zweite Porträt ist einen Tag später Natascha Wodin gewidmet, die 1945 als Tochter russisch-ukrainischer Zwangsarbeiter, die 1943 aus der Sowjetunion nach Deutschland verschleppt wurden, in Fürth geboren wurde. Ihre Biografie dient der Autorin immer wieder als Erzählstoff: So ist das Aufwachsen in einer Flüchtlingssiedlung im fränkischen Wirtschaftswunderland der 50er-Jahre Thema in ihrem Roman "Einmal lebte ich". Und in "Nachtgeschwister" schreibt sie - ohne Namen zu nennen - über ihre Ehe mit dem Schriftsteller Wolfgang Hilbig. Druckfrisch zum Poetenfest erscheint der neue Roman "Irgendwo in diesem Dunkel".

Daniel Kehlmann ist am Sonntag im Gespräch mit Maike Albath im Markgrafentheater zu erleben. Der Schriftsteller, der 1975 in München geboren wurde und mittlerweile in New York lebt, bringt seinen Roman "Tyll" mit, in dem er die Figur des Eulenspiegel in den Dreißigjährigen Krieg versetzt und von den seelischen Verwüstungen durch Gewalt erzählt.

Das vierte Autorenporträt am 26. August gilt Christoph Ransmayr, der vergangenes Jahr auch mit dem Ingolstädter Fleißer-Preis ausgezeichnet wurde.

Einen Buchtitel wählen die Organisatoren stets als Motto des Festivals. Heuer haben sie es mit "Schattenfroh" überschrieben - nach dem neuen Roman von Michael Lentz über das Sterben des Vaters: Tausend verzweifelte Seiten kreisen um die Frage, ob das Leben reparabel ist und das Erzählen heilen kann. Der Autor wird am Sonntag im Schlossgarten seinen Roman vorstellen.


 
Fotos: Burgi, Erichsen, Dedert, Woitas/dpa
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Überhaupt - die neuen Bücher: "Die aktuelle Literatur ist vor dem Hintergrund der Bedrohungen unserer Gegenwart und in den Ruinen der Geschichte bevölkert von rätselhaften, merkwürdigen, aufrüttelnden, aufbegehrenden, abenteuerlichen, verstörenden, absurden, grotesken und komischen Gestalten", schreibt Moderator Hajo Steinert in der Ankündigung zum Festivalprogramm. "Ihr Unterwegssein ist kein Zeitvertreib, sondern Folge innerer und äußerer Zwänge. Sie mussten aus persönlichen oder aus politischen Gründen das Weite suchen, fliehen, ihre Heimat verlassen, zurück lassen ihr Hab und Gut, ihre Freunde, ihre Lieben. Indem die Autorinnen und Autoren über sie schreiben, errichten sie ihnen ein Denkmal." Erwartet werden u.a. Nora Bossong, Alex Capus, Michael Kleeberg und Hans Pleschinski.

Gesprächsrunden beschäftigen sich unter anderem mit Migration und Demokratie, Weltmachtverschiebungen, Freiheit und Überwachung, Frauen- und Männerbildern und mit der Digitalisierung. Zum Festival gehört außerdem die Übersetzerwerkstatt und ein umfangreiches Programm für Kinder und Familien.

Rolf-Bernhard Essig schlägt im Schlossgarten seine Sprichwörter-Detektei auf: "Nachts hat die Mango keine Würmer!" hat er sein Erzählprogramm genannt, bei dem er am Samstag und Sonntag jeweils um 13 und um 15 Uhr Legenden, Märchen und Anekdoten aus aller Welt und die daraus entstandenen Sprichwörter präsentiert.

Es gibt eine Comic-Rallye für Kinder (ab sechs Jahren) und Erwachsene, die durch den Park und die Gewächshäuser des Botanischen Garten führt - vorbei an fleischfressenden Pflanzen, dunklen Höhlen und echten Frösche.


 
Fotos: Burgi, Erichsen, Dedert, Woitas/dpa
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Und wer sich die Literatur lieber im Kino anschaut, kann einen Blick ins begleitende Filmprogramm werfen, das wahlweise open air oder in den Lamm-Lichtspielen läuft: "Grüner wird's nicht, sagte der Gärtner und flog davon" - nach einem Roman von Jockel Tschiersch mit Dagmar Manzel und Elmar Wepper oder "Der Buchladen der Florence Green" - nach einem Roman von Penelope Fitzgerald, mit Bill Nighy und Emily Mortimer.


Informationen zum Programm und Ticketkauf gibt es unter www.poetenfest-erlangen.de.


 
Anja Witzke
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