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Die unkomplizierte Frau Geffroy

Burg
erstellt am 26.06.2013 um 20:07 Uhr
aktualisiert am 21.07.2015 um 12:02 Uhr | x gelesen
Burg Abenberg (DK) Bevor Madame Zaz auf die Bühne darf, gibt es auf Burg Abenberg erst einmal Anschauungsunterricht in Sachen Geschichte. Warum haben die damals ihre Gemäuer so weit oben gebaut? Richtig, damit sie möglichst weit sehen konnten. Dieser Ausblick hilft am Dienstagabend vielen Konzertbesuchern, die um 20 Uhr wegen unzähliger Umleitungen in endlosen Staus stehen.
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Burg: Ganz unkompliziert
Das neue Gesicht des französischen Chanson: Zaz. Auf Burg Abenberg unterhielt sie ihr Publikum mit einem wilden Mix aus Jazz, Rock, Swing oder Soul. - Foto: Tschapka
Burg
Da man dies von der Burg wunderbar beobachten kann, wird der Konzertbeginn eine gute halbe Stunde verschoben, was allerdings die, die bereits auf dem Turnierplatz frieren, nur bedingt freut. Politisch korrekt ist es, die Regelung des Wartens zu akzeptieren, aber tief drinnen wünscht man sich nur, dass es endlich losgeht.

Doch Isabelle Geffroy alias Zaz wischt sowohl den leichten Ärger als auch die Kälte und die Angst vor einem drohenden Regen in Bruchteilen von Sekunden weg. Die Präsenz der 33-jährigen Französin ist phänomenal. Unkompliziert, authentisch, fröhlich und locker, gepaart mit den Starqualitäten, die man eben hat und die man nur schwer erlernen kann.

Eigentlich entspricht sie so gar nicht dem Bild, dass man landläufig von einer Französin hat. Die kühle Eleganz einer Catherine Deneuve, das Verzogene einer Vanessa Paradis oder das Existenzialistische einer Juliette Gréco, all das ist Zaz nicht. Wenn sie unablässig springt, tanzt und hüpft, scheint sie ständig zu sagen: „Hey, ich bin keine prätentiöse Madame, sondern ein Kumpel, der mit dir durch dick und dünn geht.“

Musikalisch kommt Zaz von der Straße. Über Jahre hinweg hat sie mit einem Bassisten dort gestanden und ihre Songs ohne Mikro, ohne Bühnenshow, ohne Band gesungen. Das hat ihre Stimme geprägt, die gleichermaßen verraucht-rau wie mädchenhaft-zart klingt, so als hätte man France Gall eine gewaltige Ladung Johnny Halliday injiziert. Und es hat ihr Souveränität und Gespür verliehen, die Fähigkeiten, die es braucht, ein Publikum immer im Griff zu haben. Ein erstaunlich heterogenes Publikum im Übrigen. Vom 16-jährigen Mädchen über den halbintellektuellen Frankreichversteher bis hin zum reinen Musikliebhaber oder betagten Festivalfan ist alles vertreten – so verschiedenartig wie das Publikum ist auch Zaz’ Musik. Sicher, irgendwo findet sich alles in dem Topf „Nouvelle Chanson“ wieder. Aber genau betrachtet ist Zaz’ Musik ein wilder Mix aus Jazz, Swing, Rock, Chanson, Folklore, Zirkusmusik, Soul, New Wave, bis hin zu Singer/Songwriter. Dass es trotzdem nicht willkürlich klingt, ist zum einen der hinreißenden Stimme, aber auch den Arrangements zu verdanken. So kann sie bei Charles Aznavours „Oublie Loulou“ wunderbar herumalbern, zart-fragile „Si je perds“ eingestehen, mit „Gamine“ einen Ausflug in New-Wave-Zeiten wagen, den Zirkuswalzer „J'ai tant escamoté“ zelebrieren oder mit „On ira“ einfach gute Laune versprühen – und es trägt immer eine eindeutige Handschrift – ihre.

Bekannt geworden ist Zaz in Deutschland vor allem mit dem euphorischen „Je veux“. „Je veux de l’amour, de la joie, de la bonne humeur, ce n’est pas votre argent qui fera mon bonheur“ – Leichtigkeit, Freude, der Hauch von Freiheit, aber auch Kritik, dieses eine Lied singen alle auf Burg Abenberg mit und verstehen es – was sonst eher nicht der Fall ist. Denn bis auf ein paar abgelesene deutsche Sätze, kommuniziert Zaz nur – sehr, sehr schnell – französisch. Als sie beispielsweise einen Zuschauer auffordert, aus einem Hut einen Zettel zu ziehen, dauert das lange, bis er es begreift. Auf den Zettel stehen die Namen von Jazzstandards, der jeweils gezogene wird gespielt.

Für die Jazznummern wechselt die so hervorragende wie zurückhaltende Band auf ein kleines akustisches Set, das der Intimität des „Club Zazz“ Rechnung trägt. Ein wunderbares Gegenstück zur letzten Nummer vor den Zugaben: „Deterre“ – ein Rockopus mit zentnerschweren Keyboardlinien und Jammergitarren. Mit etlichen Zugaben klingt dann ein Konzert aus, von dem jeder ein wenig fröhlicher nach Hause geht, als er gekommen ist.

Von Rainer Messingschlager
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