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Der Autor und Kulturmanager Berthold Seliger fordert ein radikales Umdenken bei der Vermittlung klassischer Musik

"Wir erziehen Kinder zu musischen Analphabeten"

Berlin
erstellt am 11.01.2018 um 19:17 Uhr
aktualisiert am 14.05.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Berlin (DK) Der Musikagent und Sachbuchautor Berthold Seliger hat ein flammendes Plädoyer für einen möglichst einfachen und breiten Zugang zu klassischer Musik geschrieben. Sein Buch "Klassikkampf" ist kürzlich im Verlag Matthes & Seitz erschienen. Im Interview erläutert er seine Thesen.
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Herr Seliger, lassen Sie uns streiten! Die Besucherzahlen in Orchesterkonzerten in Deutschland sind laut Deutschem Musikrat von 2000 bis 2016 von 3,7 auf 5,4 Millionen gestiegen, weltweit werden Konzerthäuser gebaut. Sie sagen, die Klassik sei in einer tiefen Krise. Wieso?

Berthold Seliger: Man soll ja nur den Statistiken Glauben schenken, die man selbst gefälscht hat. Die Besucherzahlen bei klassischen Konzerten sind seit Jahren annähernd gleich bei vier Millionen. Die vermeintliche große Steigerung kommt nur dadurch zustande, dass man 2005 entschieden hat, die Konzerte der Rundfunkklangkörper dazuzurechnen, und ab 2008 auch die Besucher auswärtiger Veranstaltungen - zieht man die ab, kommt man weiter auf knapp vier Millionen Besucher - übrigens bei einer wesentlich höheren Zahl von Konzerten als seinerzeit. Und die Opern haben seit 1990 fast die Hälfte ihres Publikums verloren. Vor allem junge Menschen hören keine klassische Musik mehr, wir erziehen sie zu musischen Analphabeten. Doch, wir haben es hier wirklich mit einer Krise zu tun.

Sie schreiben an einer Stelle: Kulturelle Teilhabe muss erlernt werden - und schlagen einen Musikscheck für Schüler vor, den diese in ihrer Schulzeit für Konzerte verschiedenster Art nutzen können und müssen. Gibt es Dergleichen irgendwo?

Seliger: Macron hat in Frankreich Ähnliches vorgeschlagen, in Holland gibt es entsprechende Versuche. Das ist eine Idee, die verwirklicht werden muss. Wir können ja nicht zusehen, wie ein Fünftel unserer Gesellschaft - die ich als Outerclass bezeichne, weil sie nicht mehr an der Gesellschaft, an kulturellen Angeboten, aber auch an Wahlen teilnimmt - überhaupt nicht mehr erreicht wird.

Sie sagen, Klassik sei zum Ritual erstarrt. Was spricht dagegen, sich zu Ostern aus Tradition eine Bach-Passion anzuhören?

Seliger: Da spricht gar nichts dagegen, ich höre zu Weihnachten auch das Weihnachtsoratorium. Ich meine eher die äußeren Rituale des Konzertbetriebs: Man trägt sein bestes Gewand, vorne steht ein Dirigent, man darf sich nicht bewegen, das Licht geht aus - das sind Rituale einer Gottesdienstähnlichkeit der Klassik, die aus dem 19. Jahrhundert kommt. Da geht es um Ehrfurcht und um Zähmung der Musik durch bürgerliche Rituale. In Berlin gibt es gute Erfahrung mit Casual Classics, mit Wandelkonzerten, bei denen das Orchester in der Mitte sitzt und das Publikum drum herum gehen oder sich mal neben die Kontrabässe und mal neben die Trompeten stellen darf. Wir brauchen dringend Versuche, Konzerte wieder zu beleben, die Klassik zu entgipsen und zu einer lebendigen Musik zu machen.

Sie nennen Ihr Buch "Klassikkampf", da steckt der Klassenkampf schon drin. Wer kämpft hier für oder gegen was?

Seliger: Der "Klassikkampf" hat zwei Bedeutungen: Zum einen ist es der Kampf zwischen Erneuerern und Besitzstandswahrern in der Klassik selbst: Zeitgenössische Musik wurde schon zu Bachs Zeiten als Zumutung erlebt - er hat eine Abmahnung bekommen, weil er zu viele "fremde Töne" in seine Kantaten gemischt habe. Beethovens neue Werke sind von der zeitgenössischen Kritik häufig zerrissen worden. Heute verehren wir sie, weil sie etwas Neues gewagt haben. Der andere Teil des "Klassikkampfes" besteht darin, dass wir heute tatsächlich diese Musik nur in der Ober- und Mittelschicht finden und viele keine Teilhabe an der Klassik haben. Die Bildungsangebote der Orchester und Festivals richten sich ja hauptsächlich an Mia, Ben, Sophie und Paul - und nicht an Ayse, Yücel, Mandy und Mirko. Die kulturelle Bildung muss aber im Kindergartenalter und in der Grundschule beginnen, wo sie allen Kindern zugute kommt. Kinder sagen nicht: Mozart ist großartig und Hindemith verstehen wir nicht - Kinder sind neugierig und offen für alles. Das ist doch eine riesige Chance!

Sie verweisen in Ihrem Buch auf die Arbeitersinfoniekonzerte Anfang des 20. Jahrhunderts in Wien, wo sich herausgestellt hat, dass musikalisch weniger Vorgebildete viel offener waren für die damalige Avantgarde.

Seliger: Ja, das ist faszinierend! Adorno sagte einmal, es sei ein Irrtum zu glauben, dass Beethoven leichter verständlich sei als Schönberg. Musik spiegelt die Zeit, und unsere Zeit ist eben nicht harmonisch. Heute nur harmonische Musik zu hören, käme einer Besänftigung oder Sedierung gleich. Das haben die Arbeiter in den 1910er und 1920er Jahren in Wien ebenso erlebt: Mahler, das sagt mir was! Schönberg, das hat mit uns zu tun! Aber eine Brahms-Sinfonie - Höhepunkt der bürgerlichen Kultur des 19. Jahrhunderts - die muss ich mir erarbeiten, die ist schwer zu verstehen. Eigentlich ist das logisch.

Wie bringen wir die zeitgenössische Klassik zu den Hörern? Sie führen das Lucerne Festival als positives Beispiel an - mit 40-Minuten-Kurzkonzerten vor und Foyerkonzerten nach dem Hauptkonzert, beides kostenlos. Ist das der Weg?

Seliger: Das ist sicher ein möglicher Weg. Ein toller Weg. Die Leute sind begeistert, wenn Patricia Kopatchinskaja nach dem Bartók-Violinkonzert mit ihrer Familie noch in "Loungeatmosphäre" Volksmusik vom Balkan spielt. Ganz wichtig ist auch, über Programme zu sprechen, sie einzuführen, mit den Musikern über die Interpretation zu diskutieren. Es geht nicht darum, die Leute irgendwo "abzuholen", weil sie selber zu dumm sind. Wer neue Wege geht, stellt fest, dass das Publikum meistens neugierig mitgeht. Die Leute lieben es doch, überrascht oder herausgefordert zu werden und ihren Horizont zu erweitern.

Stichwort neue Wege: Wie gefällt Ihnen die Idee des Intendanten der Europäischen Wochen Passau, Thomas Bauer, nächstes Jahr 100 Konzerte an einem Wochenende in der Altstadt zu veranstalten?

Seliger: Großartig! Eine wunderbare Idee! Solange es nicht das Kontinuierliche ersetzt. Wir müssen mit der "ernsten Musik" in die öffentlichen Räume gehen - auf Plätze, in Cafés und Kneipen - und dafür sorgen, dass sie ganz selbstverständlich gespielt wird; und nicht wie am Hamburger Bahnhof, um die Drogendealer zu vertreiben. Wir müssen tolerant sein und diese Musik auch Menschen zugänglich machen, die sonst nicht ins Klassikkonzert gehen. Wenn die dann klatschen zwischen den Sätzen, dann sollten wir nicht dünkelhaft die Nase rümpfen, sondern uns freuen und sie freundlich anlächeln: Sie sind neu im klassischen Konzert, und es gefällt ihnen! Das ist doch doppelt wunderbar. Und war zu Beethovens Zeiten übrigens auch absolut üblich.

Was sagen Sie Leuten, die der Ansicht sind: Die Minderheit, die Klassik hören will, soll ihre Orchester und Konzerte gefälligst selbst finanzieren, streichen wir öffentliche Gelder!

Seliger: Ein grauenvolles Argument. Unsere Gesellschaft hat doch einen Konsens: Wir finanzieren Helene Fischer und das ständige Überangebot an volkstümlicher Musik im Fernsehen, was ja wahrlich nicht allen zusagt - aber der Gesellschaft ist es auch wichtig, ihre Traditionen zu fördern mit Konzerthäusern, Sinfonieorchestern und Opernhäusern. Ich habe Verständnis, wenn jemand das kritisch sieht, aber gewisse Traditionen kann man eben nur in aufwendigen Institutionen pflegen. Ich kann mir auch Kunstwerke nicht nach Hause holen, ich brauche also Museen. Und ein Sinfoniekonzert kann ich nur mit einem gut ausgebildeten Orchester spielen. Leute wie Shakespeare, Beethoven oder Bach haben uns ja etwas zu sagen, das auch nach Jahrhunderten noch Allgemeingültigkeit hat, uns beschäftigt und uns bewegt. Nur aus der Auseinandersetzung mit kulturellen Traditionen kann das Neue gedeihen. Darauf darf eine Gesellschaft niemals verzichten, das ist vollkommen klar.

Das Gespräch führte

Raimund Meisenberger.

"Klassikkampf", Verlag Matthes & Seitz, 496 Seiten, 24 Euro.

ZUR PERSON

Berthold Seliger, Jahrgang 1960, war Musikpädagoge, Musiklehrer und Politiker. 1998 gründete er eine Konzertagentur und organisierte Tourneen bekannter Künstler. Seit 1986 veröffentlicht Seliger Romane und Sachbücher, u. a. "Das Geschäft mit der Musik" (Eidition Tiamat). Zuletzt publizierte er das Buch "Klassikkampf".

Donaukurier
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