Dienstag, 18. Dezember 2018
Lade Login-Box.

"Die Musik ist für mich wie atmen"

Berlin
erstellt am 12.09.2017 um 19:35 Uhr
aktualisiert am 15.01.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Berlin (DK) David Garrett ist mit einem neuen Album zurück. Im Interview spricht der wie ein Popstar gefeierte Violinist über die Balance zwischen Klassik und Rock, den Skandal um seine Ex-Freundin, seine sportliche Fitness und über Freizeit und Muße.
Textgröße
Drucken

2016 war nicht das Jahr des David Garrett (37). Deutschlands populärster Geiger musste sich mit sehr unschönen und gänzlich unmusikalischen Schlagzeilen herumschlagen. Seine Ex-Freundin Ashley Youdan, die auch als Pornodarstellerin tätig war, verklagte Garrett wegen Körperverletzung und abnormer sexueller Praktiken, Garrett reagierte mit einer Gegenklage, der Fall ist inzwischen vor Gericht eingestellt worden. Zeit für Garrett, um nach vorne zu schauen und sich endlich wieder auf die Musik zu konzentrieren. Rock Revolution heißt das neue Werk des gebürtigen Aacheners, David Garrett spielt darauf Stücke wie "Fix You" von Coldplay, "Born In The USA" von Bruce Springsteen und "Purple Rain" von Prince. Wir unterhielten uns mit David Garrett in Berlin.


Herr Garrett, ist das Sixpack auf dem Cover von "Rock Revolution" echt? Oder haben Sie mit Fotoshop nachgeholfen?

David Garrett: Alles echt! Im Sommer habe ich die Zeit genutzt, ein bisschen mehr Sport als sonst zu machen und das habe ich getan. Ich hatte sechs Wochen kein Konzert, die Reiserei fiel weg, entsprechend war ich fast jeden Tag im Fitnessstudio.

 

Sind Sie diszipliniert genug, vielleicht mal einen Marathon zu laufen?

Garrett: Nein, nein. Dafür fehlt mir die Vorbereitungszeit. Sport ist allerdings wichtig für meinen Job. Ich absolviere jedes Jahr um die 200 Flüge, wenn man da gesund durch den beruflichen Alltag gehen möchte, dann sollte man gucken, dass man körperlich nicht nachlässt. Je älter du wirst, desto wichtiger wird dein körperlicher Zustand. Und wenn du dich körperlich nicht mehr wohlfühlst, dann leidet auch die Psyche.

 

Sie spielen auf Ihrem neuen Album auch "Born In The USA". Bruce Springsteen geht auf die 70 zu und ist fit wie ein Turnschuh. Ist der Mann ein Vorbild?

Garrett: Ja. Springsteen ist großartig, in jeder Hinsicht. Er kennt sich selbst, seinen Körper und auch seine Leistungsgrenzen sehr gut, sonst kannst du das in dem Alter so nicht machen.

 

37 ist irgendwie noch jung, andererseits sind Sie praktisch schon Ihr ganzes Leben lang als Profigeiger im Geschäft. Wie frisch fühlen Sie sich selbst?

Garrett: Ich fühle mich noch sehr fit, mir macht das alles sehr viel Spaß. Ich habe zum Glück auch überhaupt keine Zeit, über das Älterwerden nachzudenken. Sicher wird irgendwann eine Phase kommen, in der man kürzertritt, was die Arbeit angeht, wo man vielleicht auch die Prioritäten etwas verschiebt. Das ist bei mir im Moment noch nicht der Fall. Wenn es aber so weit ist, dann freue ich mich auch auf diese Zeit.

 

In welche Richtung möchten Sie die Prioritäten verschieben?

Garrett: Dass man vielleicht irgendwann mal eine Familie gründet und ein bisschen sesshafter wird. Dass man auch das Pensum an Konzerten etwas runterfährt und sich vielleicht auch mal die Städte anguckt, in denen man schon oft gewesen ist, aber die man eigentlich nie gesehen hat. Dass man sagt: weniger Arbeit und mehr Genuss.

 

Wann werden Sie damit anfangen, das Leben mehr zu genießen?

Garrett: Ich merke das jetzt schon in Ansätzen. Aber sicherlich in 10 oder 20 Jahren.

 

Ich kann es mir gerade noch nicht vorstellen.

Garrett: So eine gewisse, kleine Sehnsucht nach mehr Freizeit und mehr Freiheit ist schon da. Die Lust darauf wird immer größer. Im Moment noch nicht, aber ich bereite mich schon mal auf mehr Muße vor.

 

Ist "Rock Revolution" die unmittelbare Fortsetzung von "Rock Symphonies", Ihrem erfolgreichsten Album aus dem Jahr 2010?

Garrett: Kann man sagen, ja. Für mich war es ein Luxus, im vergangenen Jahr mal kein Album rauszubringen, davor habe ich ja neun Jahre lang jedes Jahr eine CD veröffentlicht. Ich habe mir selber sehr, sehr viel Druck gemacht, immer wieder etwas Neues auf die Beine zu stellen. Aber irgendwann braucht der Kopf auch ein bisschen mehr Raum und Ruhe, um neue Ideen zu sammeln. Und so haben wir uns für "Rock Revolution" bewusst mehr Zeit genommen. Wir haben viel experimentiert, und da ich 2016 besonders viel im Ausland gespielt habe, konnte ich mit der Band unterwegs viel ausprobieren. Das hat richtig Spaß gemacht.

 

Sind das alles Lieblingslieder ?

Garrett: Ja. Ich möchte mich mit den Stücken identifizieren können. Deshalb sind alle Stücke auf "Rock Revolution" wirkliche Herzensangelegenheiten von mir.

 

Das erste Stück, das Sie für die Platte aufgenommen hatten, war "Purple Rain". Haben Sie Prince persönlich gekannt?

Garrett: Ich hatte leider nicht das Glück, ihn kennenzulernen. Aber ich kenne fast alle seine Songs. "Purple Rain" hat mich inspiriert mit der E-Geige zu arbeiten und dieses Instrument für mich zu entdecken. Ich will nicht sagen, dass ich an der akustischen Geige schon alle Möglichkeiten ausgereizt habe, aber die E-Geige hat mir für diese CD das gewisse Extra an Energie und Motivation gegeben.

 

Was unterscheidet das Spiel an der E-Geige von dem an der klassischen Geige?

Garrett: Man spielt sie ganz anders. Und vom Klang ist es ein Riesenunterschied, ob ich ein Stück auf der E-Geige oder auf der Stradivari spiele. Das sind also zwei verschiedene Paar Schuhe. Für mich war es im vergangenen Jahr sehr spannend, mich ausgiebig mit diesem Instrument zu beschäftigen und es kennenzulernen.

 

Auf "Rock Revolution" gibt es eine große Bandbreite, einerseits sanfte Stücke wie "Fix You" von Coldplay, andererseits echt harte und wütende Nummer wie "Killing In The Name Of" von Rage Against The Machine.

Garrett: Oh ja, gerade dieser Song hat wahnsinnig viel Druck und Energie. Ein Album, das "Rock" im Titel trägt, soll auch Rock beinhalten. Mir war wichtig, die Balance zu finden zwischen Stücken, die zu Herzen gehen und Stücken, die richtig laut sind.

 

Sind Ihnen die Texte der Originalstücke eigentlich besonders wichtig?

Garrett: Ja. Sehr wichtig. Ich versuche anhand der Songtexte die Stimmung auf meinem Instrument zu kreieren. Jedes Wort hat für mich eine Bedeutung. "Bohemian Rhapsody" etwa hat einen leicht verrückten, aber auch sehr schönen Text. Mit wahnsinnig viel Drama drin, das ich am Instrument entsprechend zum Ausdruck bringe.

 

Sie sagen immer "Leben ist lernen". Was haben Sie aus den Geschehnissen, mit denen Sie sich 2016 abseits der Musik beschäftigen mussten, gelernt, was nehmen Sie mit für Ihr Leben?

Garrett: Tja, was habe ich daraus gelernt? Mit Sicherheit ein Stück weit das Privatleben noch mehr zu schützen. Ich habe sicherlich einiges, auch in den Medien, sehr offen gelebt, und da hätte wohl eher der Punkt kommen müssen, an dem man sagt: Das ist privat.

 

Wie sehr wirkt mit einem Jahr Abstand das Ganze eigentlich noch nach? Hat Sie die Musik, die Geige aus diesem Loch geholt? Kann man ganz pathetisch sagen: Die Musik hat David Garrett gerettet?

Garrett: Die Musik ist etwas ganz Selbstverständliches für mich, wie atmen. Aus der Musik ziehe ich Energie, und egal, ob man im Leben eine schöne oder auch mal eine schwierige Situation hat - Musik ist immer für mich da. Sie ist sehr wichtig für mich, und natürlich hat sie geholfen. Egal, was sonst auch passiert - die Musik kann mir keiner wegnehmen.

 

Das Interview führte Steffen Rüth.

Donaukurier
Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!