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Ein Glücksgriff: Brechts "Dickicht" als Gastspiel des Maxim Gorki Theaters beim Augsburger Brechtfestival

Durchkomponierter Wahnsinn

Augsburg
erstellt am 05.03.2018 um 20:24 Uhr
aktualisiert am 05.03.2018 um 20:56 Uhr | x gelesen
Augsburg (DK) Wenn das Wort "die Leiche des Dinges" ist, wie Bertolt Brecht sagt, dann ist die Seele die Leiche des urbanen Lebens - zumindest in seinem frühen Werk "Im Dickicht der Städte". Mit einer Version dieses Stücks, kurz "Dickicht" genannt, kam das Maxim Gorki Theater zum Brechtfestival nach Augsburg.
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Augsburg: Durchkomponierter Wahnsinn
Doppelt verfremdet: Thomas Wodianka (links) und Till Wonka in "Dickicht". Regie führte Sebastian Baumgarten. - Foto: Langkafel
Augsburg

Ein Glücksgriff, denn trotz der vielen lebenden Leichen, die die Bühne dieser Großstadtszenerie bevölkern, zeigten die Berliner Theatermacher, wie lebendig und aufregend Brecht heute noch sein kann.

Aus der zufälligen Begegnung von George Garga, einem Bücherei-Angestellten, und dem Holzhändler Shlink entwickelt sich ein durch nichts hergeleiteter Kampf auf Gedeih und Verderb. Shlink will Garga seine Meinung über ein Buch abkaufen, am Ende schlägt er ihn, und Garga verliert seinen Job. Zur selbst auferlegten Buße überlässt er ihm sein florierendes Geschäft, und Garga richtet es zu Grunde. Schlag um Schlag, Runde um Runde demütigen und quälen sich die Männer, die nicht die einzigen Opfer bleiben: Ihre Kumpane reißt es ebenso mit in den Abgrund wie Gargas Schwester und seine Verlobte Marie.

Die Handlung, insofern sie überhaupt vorhanden ist, ist so sprunghaft wie die Protagonisten. Brecht selbst riet dazu, sich über die Motive des Kampfs keine Gedanken zu machen. Er wollte keine Geschichte erzählen, die Geschichte ist schon passiert: Das Leben in der Großstadt, seine graue Tristesse, seine Anonymität, sein wirtschaftlicher Zwang haben aus den Menschen Kreaturen gemacht, die nicht einmal mehr geschundene Seelen sind, die keine Charaktere mehr haben und schon gar keine Wünsche mehr. Sie sind jeder menschlichen Regung unfähig geworden und völlig verroht. Erst wurde ihre Haut dick und dicker. Am Ende ist unter diesem Leder nichts Menschliches mehr.

Regisseur Sebastian Baumgarten macht diese abstrakte Weltsicht verstehbar, obwohl er ganz im Dienste Brechts bleibt. Und das Erstaunliche gelingt: Durch noch mehr Verfremdung als das Stück ohnehin schon mit sich bringt, wird sichtbar, was Brecht sichtbar machen wollte: Dass in menschlichen Hüllen noch weniger als das Animalische überbleibt. Dazu hat er einen Film mit allen Szenen des Stücks gedreht, die am ehesten an eine Gangsterfilmpersiflage erinnern. Dieser Film läuft auf einer Leinwand, die den kompletten Bühnenhintergrund ausfüllt. Die Schauspieler sitzen unter dieser Leinwand auf zwei Bänken, alle schwarz gekleidet, und synchronisieren, mal empathisch, mal ironisch distanziert, mal deutlich neben der Tonspur. Wieder und wieder halten die Schauspieler den Film an, treten nach vorn und spielen weiter, sehen ganz anders aus als ihre Alter Egos und verschwinden dann wieder. Der Film läuft weiter. Viele kleine Soundeffekte, flankierende Spruchbänder, ins Mikro gesprochene Teile aus Brechts theoretischen Schriften wirken wie elektrisierende Stimulanzien in diesem durchkomponierten Wahnsinn. Als Requisiten dienen allein beleuchtete Boxen, die die anonymen Fassaden riesiger Wohnkomplex zeigen, die Robert Lippok aber so gestaltet hat, dass man auch ihr Innenleben nutzen kann. Obwohl die großartigen Schauspieler ohne Rollenzuordnung im Programm stehen, muss Thomas Wodiankas wandelbare Darstellung vom irrsinnigen Despoten Shlink zum liebenden Sterbenden eigens hervorgehoben werden.

Durch die Dichte aus Text, Schauspiel, Film, Schnitten und Effekten entwickelt sich eine innere Spannung, die das schwierige Stück über weite Stellen dahinfliegen lässt. Zumal mit dezentem Humor auch immer wieder kluge Pointen gesetzt werden.

Das Maxim Gorki Theater beweist, dass Brecht sich geirrt hat: Das von so vielen gebrauchte Wort muss keine Leiche sein. Brechts Beschreibung des seiner Wurzeln beraubten Menschen ist über 100 Jahre alt. Vielleicht nicht dramaturgisch, aber sprachlich könnte sie lebendiger und aktueller nicht sein.

Von Carina Lautenbacher
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