Donnerstag, 15. November 2018
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Das Quatuor Danel und der Bratscher Roland Glassl beim Konzertverein

Auf höchstem Niveau

Ingolstadt
erstellt am 21.10.2018 um 18:23 Uhr
aktualisiert am 21.10.2018 um 18:34 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Die kleinen Streicher-Ensembles sind vermutlich die letzten Refugien, in denen die Erkenntnisse der Originalklangbewegung noch nicht wirklich angekommen sind.
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Das Publikum jubelte beim Konzert des Quintetts im Ingolstädter Festsaal.
Das Publikum jubelte beim Konzert des Quintetts im Ingolstädter Festsaal.
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Ingolstadt
Es existieren so gut wie keine Streichquartette, Streichtrios oder Streichquintette, die sich ernsthaft bemüht haben, die großen klassischen Werke in historisch korrekter Weise aufzuführen. Keine kratzigen Darmsaiten, keine veränderte Dynamik, kein vibratoloser Vortrag: Bei den großen Quartetten hat sich - was die grundlegende Stilistik betrifft - über Jahrzehnte nicht allzu viel verändert. Nach wie vor bestimmt sämiger Schönklang die Ästhetik, allenfalls der Zugang zu bestimmten Werken ist etwas energischer, ruppiger und energiegeladener, als das vor einigen Jahrzehnten noch üblich war. Eigentlich merkwürdig diese genreübergreifende Resistenz gegenüber durchaus vernünftigen neuen Denkansätzen.

Das alles betrifft natürlich auch das namhafte Quatuor Danel aus Brüssel, das zusammen mit dem Ingolstädter Bratscher Roland Glassl den jüngsten Kammermusikabend des Konzertvereins Ingolstadt im Theaterfestsaal gestaltete. Auf dem Programm standen zwei bedeutende und lange Quintette, von Wolfgang Amadeus Mozart KV 515 und von Antonín Dvo? ák das 1893 in den USA komponierte op. 97.

Stilistische Überraschungen waren also beim Mozart nicht zu erwarten. Aber: Es wurde auf höchstem Niveau musiziert, technisch und musikalisch. Die fünf Musiker nahmen den Mozart betont luftig und leicht. Die C-Dur-Dreiklänge, die das Cello und die erste Violine sich zuspielten kamen ungemein elegant. Niemals musizierten die Musiker besonders forciert, übertrieben kraftvoll, alles kam mit großer Nonchalance. Worauf sich die Musiker allerdings konzentrierten, waren die Nuancen, die Klanglichkeit des Werkes. Wenn Primarius Marc Danel eine Melodie formt, dann spürt man, wie er um jeden Ton ringt, wie er jeder Wendung einen ganz idiomatischen Charakter verleihen möchte. Und die anderen vier Musiker gingen mit, gut gelaunt der Cellist Yovan Markovitch, mit großer Ernsthaftigkeit und Genauigkeit der zweite Geiger Gilles Millet und mit viel Wärme die beiden Bratscher Roland Glassl und Vlad Bogdanas.

So milde und zurückhaltend, so voller hochdifferenzierter Gestaltungsmomente der Mozart musiziert wurde, so wild und volkstümlich verhielt sich das Quintett bei Dvo? áks amerikanischer Musik. Natürlich: Mit afrikanischer oder indianischer Musik hat Dvo? áks Quintett kaum etwas zu tun, so sehr sich der Komponist auch voller Neugierde mit der Musik dieser Völker auseinandergesetzt hat. Dafür schimmert um so mehr irische und vor allem böhmische Melodik durch. Und die fünf Musiker gestalten das hinreißend, wieder am intensivsten Marc Danel. Im langsamen Satz, Larghetto spielt sich der Primarius geradezu die Seele aus dem Leib, mit angezogenen Beinen, auf dem Stuhl gleichsam schwebend entwickelt er atemberaubende, mal fahl klingende, dann süffig warm fließende Bögen. Hinreißend. Und: In ihrer Klanglichkeit sind die Musiker nun viel radikaler als noch beim Mozart, lassen etwa den Kopfsatz völlig ohne Vibrato ausklingen und lassen im Schlusssatz die volkstümlichen Tanzthemen immer wieder fast quäkend, bläserartig schimmern. Das war so farbig und fetzig, so mitreißend folkloristisch auf die Bühne gebracht, dass das Publikum am Ende jubelte.
Jesko Schulze-Reimpell