Dienstag, 21. August 2018
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Googles neue Lieblinge im Allgäu

erstellt am 02.11.2010 um 19:35 Uhr
aktualisiert am 08.08.2018 um 09:20 Uhr | x gelesen
Oberstaufen (DK) Angefangen hat alles mit einer Torte. "Street View – Willkommen in Oberstaufen" stand auf dem Gebäck, das die Allgäuer Gemeinde im August im Internet präsentierte. Damit gelang den Befürwortern des umstrittenen Angebots ein großer Wurf: Gestern feierte Google in dem 7200 Einwohner zählenden Ort unter großem Medieninteresse den Einstand des Street-View-Dienstes in Deutschland.
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Keine Rolle spielen bei der Oberstaufener Street-View-Euphorie offenbar Datenschutz-Überlegungen, die bundesweit für große Skepsis sorgen. So kann etwa die Google-Kamera, in 2,50 Metern Höhe auf einem Auto installiert, über Zäune und Hecken in Vorgärten filmen. Auch könnte der Konzern die Street-View-Bilder künftig mit anderen persönlichen Informationen verknüpfen, die Google im Internet sammelt. 16 Oberstaufener Hausbesitzer oder Mieter ist Street View allerdings nicht ganz geheuer. Sie hatten gegen die Veröffentlichung von Bildern ihrer Anwesen Widerspruch eingelegt.
 
Einige Straßenzüge des Kurortes sind nun in aller Welt zu sehen. Die sonst vielfach vorherrschende Skepsis gegen diesen Dienst scheint es in Oberstaufen nicht zu geben. Viele Bürger kamen, um in einem Festzelt mit Alphornbläsern und den Verantwortlichen von Google den Start der Online-Ansichten ihres Ortes zu feiern.
 
"Unser Dorf ist so schön, wir haben nichts zu verstecken", sagte Oberstaufens Bürgermeister Walter Grath (Freie Wähler) zum Auftakt des Internet-Schaufensters. Er sei stolz darauf, dass eine so kleine Gemeinde als erstes von Google Street View präsentiert wird – noch vor den 20 wichtigsten Städten Deutschlands.
 
"Dabei komme ich mir vor wie in dem kleinen gallischen Dorf, das sich gegen den Mainstream stellt", sagte Grath. Oberstaufen habe in Street View eine Chance gesehen. "Aus touristischer Sicht ist es nur zu begrüßen, wenn man überall in der Welt einen virtuellen Spaziergang durch Oberstaufen machen kann. Das ist authentischer als jeder Prospekt."
 
Google hatte in der Nacht zum Dienstag als eine Art Vorpremiere neben Ansichten aus Oberstaufen auch erste Sehenswürdigkeiten aus deutschen Großstädten sowie einige Bundesliga-Stadien freigeschaltet. Street View ergänzt den Kartendienst Google Maps. Dort konnten Nutzer bislang klassische Kartenansichten und Satellitenaufnahmen abrufen. Die Panorama-Aufnahmen für Street View sind noch detailreicher. Trotz vieler Datenschutz-Zusagen haben die Nahaufnahmen in Deutschland zu Protesten geführt. Nach heftigen Debatten von Politikern und Datenschützern stellten in Deutschland bislang 244 000 Haushalte den Antrag, ihr Haus unkenntlich zu machen. Das sind knapp drei Prozent der Betroffenen.
 
Während Oberstaufen gestern in dichtem Nebel lag, bekommen Street-View-Nutzer den Ort bei Sonnenschein präsentiert. Neben saftigen grünen Wiesen und einer hügeligen Landschaft sind Bilder ausgewählter Straßenzüge und des Ortszentrums zu sehen. Immer wieder tauchen auch Menschen auf. Bei der virtuellen Fahrt über Oberstaufens Hauptstraße kann man nach wenigen Klicks auch sehen, wie ein unkenntlich gemachtes Haus aussieht: Ein verwischtes Viereck, als hätte jemand eine riesige Milchglas-Fensterscheibe vor das Gebäude gestellt. Für die Street-View-Fotos ließ Google Autos mit Spezialkameras die Straßen abfahren.
 
Negative Reaktionen oder gar Proteste gegen Google Street View habe es im Ort nicht gegeben, sagte der Bürgermeister. "Die Bürger, die Widerspruch eingelegt haben, waren aber nicht generell gegen Street View", sagte Tourismus-Chefin Bianca Keybach, die mit ihrem Team die Idee mit der Torte auf den Weg gebracht hatte. "Das Foto und die damit verbundene Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Ich hätte nie zu träumen gewagt, was wir damit bewirken", sagte sie. Sichtlich stolz drehte Keybach gestern auf einem Dreirad, das mit einer Street-View-Kamera versehen war, ein paar Runden durch den Kurpark.
 
Stolz über die kurzfristig erlangte Berühmtheit ihrer Gemeinde zeigten sich auch die Einheimischen. "Oberstaufen präsentiert sich weltoffen. Die Menschen sind bei Neuerungen oft zu skeptisch. Aber einer muss den Anfang machen – und wir haben nichts zu verheimlichen", sagte der 77-jährige Peter Paul Schneider. Die Bürger von Oberstaufen könnten davon nur profitieren. "Wir leben schließlich von den Gästen, die zur Kur, zum Wandern oder zum Skifahren zu uns kommen." Auch Emmi Holdschuer (67) befürwortet die veröffentlichten Aufnahmen aus ihrer Gemeinde. "Jeder schaut heute ins Internet, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Wenn ich an der Nordsee Urlaub machen will, sehe ich mir auch vorher an, wie es dort aussieht."

Von Florian Schiegl und Birgit Klimke
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