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Widersprüche an Google übergeben

"Bitte hier nicht filmen"

erstellt am 26.03.2010 um 22:00 Uhr
aktualisiert am 06.12.2018 um 13:01 Uhr | x gelesen
Ingolstadt/Hamburg (DK) Das wichtigste Stück auf dieser Reise soll in Hamburg bleiben. In knallroten Stofftaschen warten zwei dicke Ordner voller Widerspruchsschreiben, mit einem Schild beklebt: "Keine Bilder für Google Street View".
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Über 700 Leser des DONAUKURIER protestieren schriftlich dagegen, dass ihre Häuser von dem umstrittenen Onlinedienst fotografiert werden. Die Bürger nutzen das Angebot der Zeitung, die Dokumente zu sammeln und an Google weiterzuleiten. 

Endlich am Ziel: Markus Schwarz, Chef vom Dienst des DONAUKURIER, übergibt in Hamburg die mehr als 700 Widersprüche der Leser aus der ganzen Region gegen "Street View" an Kay Oberbeck (links) von Google Deutschland. - Foto: Hauser

Ein Team des DONAUKURIER bricht früh an diesem Freitag gen Hamburg auf, wo die Deutschland-Zentrale des kalifornischen Internetgiganten residiert, um die Mission zu vollenden. Anders geht es nicht. Die Redakteure müssen den Urhebern von "Street View"die Einsprüche selber auf den Tisch legen, da sich die Repräsentanten des Unternehmens weigern, sie persönlich entgegenzunehmen. Kay Oberbeck, Kommunikationschef von Google Deutschland, hatte zuvor schriftlich auf die entsprechende Bitte von DK-Herausgeber Georg Schäff geantwortet: "Gerne nehmen wir die Widersprüche vermittelnd für die Google Inc. in Hamburg auf dem postalischen Weg oder per E-Mail entgegen, sehen aber von einem persönlichen Treffen in dem von Ihnen nachgefragten Rahmen einer solchen Übergabe ab."

Zur Begründung schreibt der Sprecher: Er wolle die kritische "Street View"-Berichterstattung der Ingolstädter Zeitung "nicht auch noch durch die von Ihnen angefragte Instrumentalisierung der Übergabe von Dokumenten unterstützen".

DONAUKURIER-CvD Markus Schwarz mit den Widersprüchen in der deutschen Google Konzernzentrale
DONAUKURIER-CvD Markus Schwarz mit den Widersprüchen in der deutschen Google Konzernzentrale
Hauser

Das ist deutlich. Wider Erwarten lehnte es auch die Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner ab, die Einsprüche an Google weiterzugeben; kurz zuvor hatte sich die CSU-Politikerin noch als Kritikerin des Konzerns profiliert. Also suchen Markus Schwarz, der Chef vom Dienst des DK, und der Redakteur Christian Silvester, die direkte Auseinandersetzung. Begleitet werden sie von DK-online-Redakteur Johannes Hauser und Kameramann Florian Sochatzy. Er hat den Auftrag, für donaukurier.de einen Kurzfilm über die Aktion zu drehen.

Ulrich Hagmann sitzt im selben Flieger wie die Redakteure. Er will auch zu Google, weil er an einem Beitrag für die ARD-Sendung "Report München" arbeitet. Das Thema des Journalisten lautet: "Google Street View".

Lesen sie mehr auf donaukurier.de/google

Die Situation fühlt sich an wie eine Mischung aus "James Bond" und "Emil und die Detektive": ARD und DONAUKURIER helfen zusammen, wollen aber nicht gemeinsam gesehen werden. Im Flugzeug wird ein Plan geschmiedet. Der geht so: Hagmann und sein Fernsehteam absolvieren einen Interviewtermin bei Google-Sprecherin Lena Wagner, die DK-Redakteure warten derweil vor der Tür. Ihnen ermöglicht das vielleicht eine Begegnung mit den Google-Leuten, Hagmann könnte das Treffen dann mitfilmen. So hätten beide was davon.

Kay Oberbeck nimmt die Widersprüche der DK-Leser in Augenschein
Kay Oberbeck nimmt die Widersprüche der DK-Leser in Augenschein
Hauser
Auf dem Hamburger Flughafen spricht Markus Schwarz die ersten Sätze in die Kamera von DK online. Er erklärt, worum es bei diesem Unternehmen geht, und was den DK dazu bewogen hat, über die von Juristen vorgetragenen Bedenken gegenüber "Street View" aufzuklären.

Der Taxifahrer setzt die Redakteure vor einem großen Hotel ab, ein paar Meter neben dem Hochhaus mit den Google-Büros. Hohe Gebäude an engen Straßen und edle Geschäfte überall. Schwarz stellt sich wieder vor die Kamera: "Jetzt versuchen wir, die Ordner loszuwerden. Mal schauen, was passiert – wir sind gespannt." Die Hotelportiers eilen herbei, um zu sehen, ob hier alles mit rechten Dingen zugeht.
 

Auf donaukurier.de gibt es das Widerspruchsformular und Protestplakate.

Langsam wächst die Anspannung. Das muntere Gespräch verstummt. Noch einmal blättern die Redakteure in den beiden Ordnern mit den Einsprüchen ihrer Leser. Sie wollen die Dokumente auf keinen Fall wieder mit nach Hause nehmen müssen. Darin sind fein säuberlich Beschwerden aus der gesamten Region eingeheftet: aus Dollnstein und Neuburg, Eichstätt, Vohburg und Schrobenhausen, Allersberg, Aichach und Manching. In letzter Minute hat auch die Stadtverwaltung Ingolstadt eine Liste übermittelt. Sie will bei 111 ihrer 285 Gebäude Widerspruch dagegen einlegen, dass sie von Google für "Street View" fotografiert und die Bilder veröffentlicht werden.

Endlich kommt der Anruf: ARD-Kollege Hagmann hat die DK-Redakteure bei Google angekündigt, jetzt kann es losgehen. Schnell packen sie alles zusammen – Kamera, Tontechnik, die roten Stofftaschen – und ab ins Hochhaus. Die Ingolstädter quetschen sich in einen Aufzug.

Google Deutschland legt in der dritten Etage des Hochhauses einen eher bescheidenen Auftritt hin. Das Logo im Treppenhaus, eine von innen verriegelte Tür, zwei Gänge links und rechts und ein etwa 25 Quadratmeter kleiner Empfang, gut ausgestattet – willkommen bei Google – mitsamt drei Überwachungskameras. Irgendwo klackern Tischtennisbälle. Ein kleiner Terrier wälzt sich über die bunten Google-Punkte auf dem Teppich. Es ist nicht ganz klar, ob er zur Empfangsdame oder zum Firmenkonzept gehört.

Die Frau am Google-Empfang ist sehr freundlich, aber das Erste, was sie sagt, ist: "Bitte hier jetzt noch nicht filmen!" Und dann flüstert sie zu ihrer Kollegin etwas von "nicht angemeldet".

Die Redakteure sitzen nun da wie bestellt und nicht abgeholt – mit dem Unterschied, dass sie weder bestellt sind noch abgeholt werden. Junge Mitarbeiter in lässigen Klamotten schlendern vorbei; auf den Schildern, die hier alle tragen, ist der Vorname größer gedruckt als der Nachname wie in den USA üblich.

Dann kommt Bewegung in die Sache: Einer der schicken Mitarbeiter bleibt stehen. Es ist Kay Oberbeck, der Kommunikations-Chef. Jetzt dürfen die DK-Redakteure filmen und? fotografieren. Sie dokumentieren eine rege Diskussion. Schwarz argumentiert mit der "Verletzung des Persönlichkeitsrechts" und "unzulässiger Datenerhebung". Oberbeck entgegnet mit "Informationen für die Nutzer", "Abstimmung mit der Datenschutzbehörde" und Sätzen wie "Wir filmen nicht, sondern machen nur Fotos". Die Argumente gehen hin und her. Bald wird klar: Da begegnen sich zwei Welten, die hier und jetzt wohl nicht zusammenfinden.

Aber Schwarz entlockt Oberbeck den entscheidenden Satz: "Ich kann Ihren Lesern und Zuschauern versichern, dass wir die Widersprüche definitiv ernst nehmen." Dann bestätigt der Sprecher mit seiner Unterschrift, dass er die zwei Ordner mit den Protestnoten aus Bayern entgegengenommen hat.

Als sie nachher draußen vor dem Bürohochhaus stehen, sind die DONAUKURIER-Redakteure zufrieden. Sie haben ihren Auftrag erfüllt. Die roten Stofftaschen bringen sie wieder zurück – aber leer.

Von Susanne Zott
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