Dienstag, 11. Dezember 2018
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Voyeure surfen mit

erstellt am 30.10.2009 um 21:30 Uhr
aktualisiert am 06.12.2018 um 13:01 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (sic) Was für ein Anblick. Welch ein weltweiter Brüller. Der alte Herr aus Glasgow mit dem wenig vorteilhaften Bauchumfang hatte Pech, als er mit spärlichem Gewand angetan im Gartenstuhl vor seinem Haus einnickte. Das Google-Kameraauto erwischte ihn in aller Pracht. Seither geistert der arme Mann durch das Internet – als Sehenswürdigkeit auf Dutzenden von Seiten, die ein immenses Panoptikum aus Kuriositäten, Unfällen und Peinlichkeiten aus der ganzen Welt präsentieren, die alle zwei Dinge gemeinsam haben: Die Personen wurden ungefragt abgelichtet, und die Fotos sind über Street View im Netz gelandet.
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Immer im Bild: Eine englische Familie vor ihrem Haus, präsentiert von Google Street View. Fotos aus Deutschland sind noch nicht online. Juristen befürchten die Verletzung von Persönlichkeitsrechten. Spanner und potenzielle Einbrecher schätzen das Angebot indes sehr. - Foto: Fahn
www.streetviewfun.com und ähnliche Seiten bieten manch Amüsantes und viel Gemeines. Unter der Rubrik "Sexy" gibt es Dekolletés en masse, in Szene gesetzt von Frauen, die ahnungslos den Google-Kameras durchs Bild gelaufen sind. Ein Fest für Voyeure. Ebenso für Mitbürger, die sich gerne am Unglück der anderen ergötzen. Streetviewfun besitzt auch dafür eine eigene Rubrik: Accident – Unfall. Kaum zu glauben, wie viel zerbeultes Autoblech es zufällig vor die Google-Kameras geschafft hat.

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Das wissen jetzt vermutlich auch die zwei Frauen aus Minneapolis, die in einem Wohngebiet ihr Auto an einen Baum setzten. Oder der Motorradfahrer, der auf der Viale Enrico Fermi in Mailand stürzte und seither von Polizei umringt via Street View um die Welt geht.
 
Der größte Teil der Fotografien zeigt mehr oder weniger Lustiges: In Massen kann man da aushäusig urinierendes Volk, liegende Betrunkene oder putzende Hausfrauen in unvorteilhaften Gewändern betrachten.
 
Der Spaß hat ein Ende, wenn Leute ins Bild geraten, die vor einer Justizvollzugsanstalt warten, oder wenn der Lieferwagen einer bekannten Firma vor einem Sex-Kino parkt, was heitere Spekulationen über die Pausengestaltung der Mitarbeiter provoziert. Derlei mag völlig harmlos sein, aber der Ruf des Unternehmens leidet.
 
Die DK-Gutachter betonen: Die Verschleierung der Gesichter genügt nicht, weil die Identifizierung der Personen auch über Merkmale wie Statur oder Frisur gelingt. Weitere Hinweise liefert das Wohnumfeld. Mag also der Senior in Glasgow für die globale Internet-Gemeinde auch nur ein anonymer Dicker sein – seine Nachbarn werden ihn schon erkannt haben.

Von Christian Silvester
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