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IT-Experte Gerling zu den Folgen der NSA-Überwachung im Alltag

"Absurde Verhaltensweisen"

München
erstellt am 05.02.2014 um 20:45 Uhr
aktualisiert am 25.03.2014 um 16:57 Uhr | x gelesen
München (DK) Was ist unsere Privatsphäre noch wert? Im Sommer 2013 enthüllte der Whistleblower Edward Snowden, dass der US-Geheimdienst NSA unsere Mails liest, unsere Telefonate abhört und unser Internetverhalten analysiert. Wie ändert sich dadurch unser Verhalten, wollten wir von Rainer Gerling wissen. Er ist IT-Sicherheitsbeauftragter der Max-Planck-Gesellschaft und Honorarprofessor an der Münchner Hochschule.
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München: "Absurde Verhaltensweisen"
Rainer Gerling, IT-Sicherheitsbeauftragter aus München - Foto: oh
München

Herr Gerling, was weiß die NSA über uns?

Rainer Gerling: Die NSA wird eine ganze Menge über unser Kommunikationsverhalten wissen, das heißt, welche Webseiten wir aufrufen, wem wir E-Mails schicken, mit wem wir telefonieren, wem wir Geld überweisen. Also alle Dinge, die heute per EDV abgewickelt werden und die Spuren hinterlassen. Diese Verkehrsdaten werden sicherlich gespeichert und eine Zeit lang aufbewahrt. Ob jetzt eine konkrete Person betroffen ist, ist schwer nachzuweisen, weil sich die NSA nicht in die Karten schauen lässt. Aber man muss davon ausgehen, dass davon relativ viel aufgezeichnet wird.

 

Müssen wir uns bald alle so fühlen wie zu DDR-Zeiten, als die Stasi millionenfach Bürger überwachte?

Gerling: Sie merken nichts davon, wenn Sie überwacht werden. Die Vorstellung, man höre komische Geräusche im Telefon, das kann man vergessen. Aber die große Gefahr, und deshalb sehe ich Attentate wie die vom 11. September als erfolgreich an, ist, dass die Gesellschaften verändert werden. Wir schlittern von Demokratien in Überwachungsstaaten, das sind dramatische Veränderungen und die sind dem Terrorismus geschuldet. Die Menschen fangen an, ihr Verhalten zu verändern. Wenn ich nicht will, dass ich irgendwo auffalle, dann verhalte ich mich anders.

 

Haben Sie ein Beispiel für uns, wie so ein Verhalten aussieht?

Gerling: Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Mensch, der kauft bei Amazon zu kritischen Themen Bücher. Da ist leicht abgreifbar, welche Bücher sie kaufen. Sie kaufen ein Buch über Kriegsstrategien und ein paar Bücher über den Islam. Und schon sind Sie in einem Raster der Überwachungsbehörden. Wenn Sie dann anfangen, damit das nicht passiert, ihr Verhalten zu verändern, also die Bücher, die Sie eigentlich lesen möchten, nicht mehr zu kaufen, dann passieren gesellschaftliche Veränderungen. Das ist die Katastrophe und das eigentlich Schlimme daran.

 

Was bedeutet das für die Demokratie?

Gerling: Ich glaube, dass die Arbeit eines Journalisten sehr viel schwieriger wird, weil plötzlich eine Recherche für Behörden transparent wird. Wenn der Journalist einen Informanten in einer kritischen Situation schützen will, darf er mit ihm nicht elektronisch kommunizieren, sondern er muss sich klassisch irgendwo im Wald mit ihm treffen.

 

Das klingt ziemlich absurd.

Gerling: Ja, das führt zu einer absurden Veränderung. Viele Normalbürger sagen vielleicht, das ist mir völlig egal. Aber die Leute, die es betrifft, müssen sich bewusst sein, dass in dem Moment, wo sie etwas Kritisches veröffentlichen und sich die Kritik ihrer nationalen Regierung zuziehen, die nationalen Behörden anfangen, da nachzuschauen.

 

Nicht nur staatliche Behörden profitieren von der Überwachung, sondern auch private Unternehmen.

Gerling: Das fängt damit an, dass Google analysiert, was ich suche. Dann gibt es die biometrische Selbstüberwachung, ich meine diese Armbänder, die Pulsschlag und Blutzuckergehalt aufzeichnen, um zu analysieren, wie gesund jemand heute war. Die Menschen fliegen darauf. Das Auto telefoniert zum Herstellerwerk, wenn im Motormanagement ein Problem besteht. Deshalb sind große Autos aus Pannenstatistiken herausgefallen, weil nicht mehr der ADAC die Pannenhilfe leistet, sondern der Hersteller. Oder die EU will mit eCall durchsetzen, dass nach Unfällen automatische Notrufe vom Auto abgesetzt werden. Wir haben Herzschrittmacher, die einmal in der Woche nach Hause telefonieren und dem Hersteller die Vitalparameter des Patienten mitteilen.

 

Das klingt doch alles ganz sinnvoll, oder nicht?

Gerling: Ja, aber irgendwann kommt dann das Wohlverhalten. Haben Sie wirklich jegliche Geschwindigkeitsbegrenzung pingelig eingehalten, haben Sie eventuell den Motor nicht zu hoch gedreht, haben Sie den Ölwechsel pünktlich gemacht? Ich kann mich an Fälle erinnern, wo ich mit meinem Auto in der Werkstatt war, das Problem geschildert habe, dann konnten mir die genau sagen, wann das passiert war. Damit wird man sehr viel transparenter. Die Firmen werden das benutzen, um zum Beispiel bei Garantieansprüchen die Schuld auf den Fahrer abzuwälzen.

 

Kfz-Versicherungen überlegen neuerdings, eine Blackbox in den Fahrzeugen zu installieren, um damit die Autofahrer zu überwachen.

Gerling: Die Versicherungen wollen, dass man entsprechend anständig fährt. Denn wer anständig fährt, baut weniger Unfälle, und der darf dann einen niedrigen Tarif zahlen.

 

Wollen Sie damit sagen, dass die digitale Kontrolle zu einem normierten, stromlinienförmigen Verhalten führt, das keine Abweichung zulässt?

Gerling: Genau. Ich werde mich dann so verhalten, dass ich möglichst nicht auffalle, sonst kriege ich Probleme. Ich stelle mir vor, dass das so weit führen kann, dass sich das in unseren persönlichen Beziehungen bemerkbar machen kann: Wenn der Partner plötzlich anfängt zu maulen, man würde zu schnell fahren und man müsse deswegen mehr Versicherung bezahlen. Da sind ja viele Szenarien vorstellbar.

 

Wie wirkt sich die Überwachung auf Ihr Verhalten aus, legen Sie Ihr Handy in den Kühlschrank, um abhörsicher zu sein?

Gerling: Nein. Ich habe das Problem, dass ich ein dienstliches iPhone habe, da tue ich mich schwer, den Akku herauszunehmen. Wenn ich in einem Raum wäre und würde ein Gespräch führen wollen, bei dem niemand mithören kann, dann würde ich den Akku aus dem Handy herausnehmen, damit das tot ist und niemand es heimlich einschalten kann. Wenn das nicht geht, müsste ich entweder das Handy aus dem Raum bringen. Oder aber ich muss es in einen Metallkäfig tun, zum Beispiel in eine Geldkassette, denn Metall schirmt ab. Alufolie oder Chipstüten sind definitiv zu dünn.

 

Gibt es irgendwas Positives an der NSA-Affäre?

Gerling: Klingt vielleicht ein bisschen schräg, aber vor fünf Jahren habe ich mich als IT-Sicherheitsbeauftragter schwer getan, Leute für die Sicherheit zu begeistern. Ich habe immer gehört: ,Ich habe nichts zu verbergen, mich spioniert keiner aus.’ Im Grunde ist die Affäre eine gigantische Bewusstseinskampagne. Die hätte ich mit eigenen Mitteln im Unternehmen nicht hingekriegt.

 

Das Gespräch führte Gabriele Ingenthron.

Donaukurier
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