Sonntag, 19. August 2018
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Wie gehen Unternehmen, Politiker und Institutionen mit Facebook um?

Vom Fluch und Segen eines sozialen Netzwerks

Ingolstadt
erstellt am 19.04.2018 um 10:27 Uhr
aktualisiert am 08.08.2018 um 09:42 Uhr | x gelesen
Der Datenschutzskandal hat Facebook schwer erschüttert. Wir haben uns bei Unternehmen, Politikern und Institutionen umgehört, wie sie mit dem sozialen Netzwerk umgehen. Außerdem haben wir einen Social-Media-Experten gefragt, ob Facebook künftig überhaupt noch von Bedeutung ist.
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Herr Beilharz, ist Facebook eigentlich wirklich immer noch so wichtig oder befindet es sich längst im Niedergang?
Felix Beilharz: Den Abgesang auf Facebook gibt es ja eigentlich schon von Anfang an. Man hört jedes Jahr: „Facebook ist tot“. Aber Facebook ist bisher nicht gestorben – und es wird auch am Datenschutz-Skandal nicht sterben.Es istimmernochdas größte soziale Netzwerk – mit über zwei Milliarden aktiven Nutzern. Da kommt bisher keinanderesNetzwerk auch nur annähernd ran.

Aber die ganz jungenMenschen erreicht man damit doch nicht mehr.
Beilharz: Nicht generell – ich muss da ein wenig widersprechen. Es heißt zwar immer, Facebook sei bei denJugendlichen überhaupt nicht mehr gefragt – aber die Zahlen sagen etwas anderes. Allerdings ist die Nutzung bei dieser Zielgruppe geringer als früher, es ist bei ihnen auf jeden Fall nicht mehr das primäre soziale Netzwerk. Da sind eher Instagram und Snapchat spannend. Um Menschen jünger als 18 Jahre zu erreichen ist Facebook wohl nicht mehr der beste Weg.
 

Zur Person

Der Kölner Felix Beilharz hat schon mehrere Bücher über soziale Medien verfasst. Er berät auch Firmen zu dem Thema und hält Vorträge an Universitäten und Hochschulen.


Würden Sie einem Prominenten oder einem Unternehmen raten, die eigene Facebook-Seite zu löschen? Beilharz: Das macht eigentlich keinen Sinn. Dr. Oetker hat ja im Zuge des Skandals seine PizzaSeite gelöscht – nach einem Tag wurde sie wieder reaktiviert. Das war also nur ein PR-Gag. Zum Löschen würde ich nicht raten, weil Facebook immer noch einer der zentralen Auftritte im Netz ist. Gerade was Werbeanzeigen angeht, ist es eine sehr gute Möglichkeit, bestimmte Gruppen anzusprechen.

Welche Schwierigkeiten sehen Sie denn bei Facebook in Sachen Datenschutz?
Beilharz: Zahlreiche FacebookTools, die auf Websiten eingebunden werden können, entsprechen nicht dem deutschem Datenschutzrecht. Viele Sachen, die Facebook hier anbietet, sind eher auf den USMarkt ausgerichtet und in Deutschland schwer einsetzbar. Da wäre eine Nachbesserung notwendig.

Wo hakt es sonst noch?
Beilharz: Die Durchsetzung der Regeln bei Facebook erfolgt zum Teil relativ seltsam– immernoch.Dameldet man irgendeinen rechten Post, der wirklich zu Gewalt aufruft – und der geht durch. Aber sobald irgendwo ein Nippel auf einem Foto auftaucht, wird der Beitrag gelöscht. Das kann nicht sein.

Haben Sie persönlich schon negative Erfahrungen mit Facebook gemacht?
Beilharz: Ich habe mich schon mehrmals online gegen Rechts ausgesprochen. Zweimal waren die Reaktionen auf meine Beiträ- ge sehr heftig. Ich wurde angefeindet und bedroht. Da fielen Sätze wie: „Den sollte man mal besuchen kommen.“

Würden Sie so etwas also nicht mehr machen?
Beilharz: Doch. Aber die Unbeschwertheit, mit der man so etwas sagt, ist belastet. Ich fühle mich nicht mehr so gut dabei. Ein weiteres Problem bei Facebook ist das Thema Fakenews.

Glauben Sie, dass das Netzwerk das in den Griff bekommt?
Beilharz: Schwierig. Facebook will ja gegen Fakenews vorgehen. Und solche kenntlich machen. Nur, wer will entscheiden, was Fake ist? Neulichhabe ichmalbei der katholischen Kirche einen Vortrag gehalten, da habe ich folgendes Beispiel gebracht: Die katholische Kirche sagt, der Papst ist der Stellvertreter Gottes auf Erden. Das würden alle Evangelenals Fake, als Lüge bezeichnen. Also: Wo fängt Fake an? Was ist mit der beste Methode zum Abnehmen? Ist Süßstoff krebserregend? Zu solchen Themen gibt es zahlreiche sich widersprechende Studien und nicht ein einfaches Wahr oder Falsch. Was ist nur eine andere Meinung? Das ist schwierig. Es ist fast vermessen von Facebook zu verlangen, die Wahrheit zu erkennen und zu bewachen. 


Sehr direkter Kontakt


Herr: "Für Donald Trump ist die Welt eine Arena"
Dabei in München: der Abgeordnete Reinhard Brandl. - Foto: Hammer
Ingolstadt
„Über Facebook kann ich sehr direkt und unkompliziert mit Bürgern in Kontakttreten“, sagt der Ingolstädter Bundestagsabgeordnete Reinhard Brandl (CSU). „Für meine Arbeit hat es daher eine hohe Bedeutung. Ich veröffentliche meine Reden im Bundestag und berichte etwa ein- bis zweimal die Woche von Situationen aus meinem Alltag, das können auch mal lustige Erlebnisse sein.“ Auch Instagram hat er schon versucht, aber festgestellt: „Ich bin kein Instagram-Typ.“ Seine Linie sei schon immer gewesen, keine privaten Informationen auf Facebook zu teilen. Auch nach dem Datenskandal bleibt er dabei. „Ich will diesen direkten Draht zu den Bürgern nicht verlieren. Aber es ist ein Dilemma, dass man dadurch ein fragwürdiges Geschäftsmodell unterstützt“, sagt Brandl. „Ich beobachte die aktuellen Entwicklungen deshalb sehr genau.“


 ERGÄNZENDER KANAL


„Mit unserem Facebook-Auftrittrichtenwir uns insbesondere an unsere Studierenden und Absolventen“, sagt der Sprecher der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, Constantin Schulte Strathaus. „Damit orientieren wir uns an deren Kommunikationsgewohnheiten, sehen Facebook jedoch nur als ergänzenden Kanal.“ Ziel sei, montags bis freitags mindestens einmal täglich zu posten. „Auch ohne denDatenskandal habenwir das Für und Wider einer Facebook-Präsenz diskutiert“, sagt Schulte Strathaus. Mit dem Netzwerk erreiche man jedoch zusätzliche Zielgruppen.

DIENT DER PRÄVENTION

Polizei
dpa
Ingolstadt
Auch das Polizeipräsidium Oberbayern Nord nutzt Facebook. Die Seite diene „schwerpunktmäßig der Information der Bevölkerung“, teilt die Pressestelle mit. „Informationen, vor allem zu Kriminalitätsphänomenen, Verkehrsproblematiken sowie aktuellem Einsatzgeschehen, stellen den inhaltlichen Hauptanteil der Facebook-Posts.“ Wobei besonderer Wert auf Kriminalitäts- und Verkehrsprävention gelegt werde. Die Einrichtung und der Betrieb des Facebook-Accounts erfolge unter Einbindung und Beachtung der datenschutzrechtlichen Maßgaben.

MEHRERE POSTS PRO TAG

Johannes Traub
Ingolstadt
„Facebook ist unser wichtigster Social-Media Kanal und hat sich in den letzten vier Jahren zu einem Eckpfeiler unserer Kommunikation entwickelt“, sagt Martin Wimösterer, Sprecher des Eishockeyklubs ERC Ingolstadt. „Während der Saison schicken wir mehrere Posts pro Tag online – von den Geburtstagsgrüßen an die Spieler über Event-Ankündigungen bis zu Vor- und Nachberichterstattung am Spieltag.“ Löschen werde man das Profil nicht, „weil Facebook in vielfältiger Weise Kommunikation mit unseren Fans ermöglicht, weil wir schnell Reaktionen bekommen und weil wir nicht zuletzt nach Meisterschaft und Vizemeisterschaft eine größere Community aufgebaut haben.“

 

DIALOG MIT DEN GLÄUBIGEN


„Facebook ist für uns eine Möglichkeit, um in den Dialog mit den Gläubigen unseres Bistums und dar- über hinaus zu treten“, sagt Karl-Georg Michel, Sprecher des Bistums Augsburg. „Der Glaube braucht ein Gesicht, auch in den sozialen Netzwerken.“ Das Bistum ist auch auf Instagram und einem eigenen Kanal auf Youtube vertreten. „Neben Nachrichten aus dem Bistum, den anderen katholischen Bistümern und der Weltkirche posten wir auch Bilder, Bibelzitate, Nachdenkliches und Witziges aus dem kirchlichen Bereich“, sagt Michel. In der Regel poste man jeden Tag mindestens einmal. „Der Datenskandal hat uns als Bistumsseite weniger betroffen als Einzelpersonen, da diese für die Analyse am Wichtigsten waren. Wir sindweiterhindavonüberzeugt,dass sozialeNetzwerke wie Facebook weiterhin wichtig sein werden.“

SERVICE FÜR DIE ZIELGRUPPE


Der Ingolstädter Autobauer Audi verfügt nach eigenen Angaben über mehr als „50 einzelne lokale“ Facebook-Auftritte. „Facebook ist für uns in der Kommunikation einwichtiger Kanal, um unsere Zielgruppen mit News rund um das Unternehmen und die Marke Audi zu versorgen“, sagt eine Sprecherin.Die internationale Audi-AG-Seite hat aktuell über eine halbe Million Fans – dort wird mehrmals täglich gepostet. Das Thema Datenschutz habe man im Blick, erklärt die Sprecherin. „Wir sind in direktem Kontakt mit Facebook und beobachten daher sehr genau, welche Maßnahmen Facebook jetzt nach und nach ergreift, um den Datenschutz im sozialen Netzwerk zu verbessern.“ Das Audi-Profil wird vorerst nicht gelöscht: „Diesen sorgfältig aufgebauten Service wollen wir für unsere Zielgruppe weiter aufrecht erhalten.“


ICH BRAUCHE DAS NICHT

„Ich habe keinen Bedarf, da dabei zu sein“, sagt der Landrat von Roth, Herbert Eckstein (SPD), der keine eigene Facebook-Seite betreibt. „Ich bin sehr zurückhaltend, was meine Daten angeht.“ Er lese auch nicht alles, was andere in sozialen Netzwerken veröffentlichten. „Vermutlich wäre ich von manchen Personen sehr enttäuscht, wenn ich alle ihre Beiträge lesen würde.“ Wen der Datenskandal überrasche, der müsse naiv sein, sagt Eckstein, der sich auch weigert, Produkte im Internet zu bestellen. „Ich möchte nicht alles bekanntgeben“, sagt der SPDPolitiker. „Wenn ich sehe, was manche da alles veröffentlichen, da denke ich mir: Für so einen Krampf hätte ich keine Zeit. “ Schon der Begriff „Freund“ störe ihn bei Facebook. „Für mich ist ist ein Freund mehr als eine flüchtige Bekanntschaft“.

BIETET GROSSE REICHWEITE


Für den DONAUKURIER hat Facebook eine große Bedeutung. Es ist ein Kanal, über den wir online einen Großteil unserer Leser erreichen und informieren. Andere soziale Netzwerke wie Twitter oder Instagram können mit der Reichweite, die Facebook bietet, nicht mithalten. Daran ändert auch der Datenskandal nichts. Wer die Leute erreichen will, braucht Facebook. Wir veröffentlichen etwa jede Stunde eine Topmeldung auf unserer Seite. Dort haben wir über 32 500 Abonnenten, die wir so über alle Geschehnisse in der Region auf dem Laufenden halten.

UNTERGEORDNETE ROLLE


„Soziale Medien sind für uns einwichtiger Kommunikationskanal“, sagt eine Sprecherin von MediaMarktSaturn. Neben Facebook nutze man auch YouTube, Instagram, Twitter, LinkedIn und Xing. „Für MediaMarktSaturn als Unternehmen stehen dabei vor allem potenzielle Bewerber und Mitarbeiter im Fokus.“ Die Marken Media-Markt und Saturn nutzen Facebook zudem zu Werbezwecken: „Der Kanal spielt in unserer Mediastrategie aber eine untergeordnete Rolle.“ Man nutze Facebook weiter, beobachte aber die Entwicklungen um den Datenschutz-Verstoß „sehr genau“.


WICHTIGES INSTRUMENT

FC Ingolstadt 04 - SV Darmstadt 98, 1. Bundesliga, Fussball, Spieltag 26, 09.04.2017
Oliver Strisch
Ingolstadt
„Facebook ist in ein wichtiges Instrument in unserem Kommunikationsmix“, sagt Jonas Loewe, Sprecher des Fußballclubs FC Ingolstadt. Weitere Social-Media-Kanäle wie Instagram und Snapchat nähmen aber an Bedeutung zu. „Wir kommunizieren mehrmals täglich über Facebook, die genaue Anzahl der Posts richtet sich nach dem jeweiligen Bedarf.“ Man weise die Nutzer weiter auf ihre Privatsphäre-Einstellungen hin und halte diese selbst auf dem aktuellsten Stand. „Wir haben unser Profil nicht gelöscht, da wir dadurch die Grundproblematiknichtlösen würden und darüber hinaus die Nachfrage unserer Fans auf dieser Plattform unbeantwortet bleiben würde.“
 
Sebastian Oppenheimer
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