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Big-Brother-Awards 2015 vergeben

erstellt am 17.04.2015 um 19:40 Uhr
aktualisiert am 17.04.2015 um 19:58 Uhr | x gelesen
Bielefeld (DK) Der Big-Brother-Award ist ein Preis, den eigentlich niemand haben will. Denn damit werden keine positiven Leistungen ausgezeichnet – im Gegenteil. Die nicht besonders ansehnliche Trophäe bekommen Menschen, Organisationen oder Firmen, die sich in den Augen der Organisatoren der Preisverleihung besonders drastisch und nachhaltig um die Verletzung der Privatsphäre „verdient gemacht“ haben. Die Auszeichnung ist damit eine Art digitales Gegenstück zur „Goldenen Himbeere“, mit der in den USA die schlechtesten Filme und Schauspieler ausgezeichnet werden.
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Linus Neumann verleiht den Big-Brother-Award für "Hello Barbie" an die Firmen Mattel und Toytalk.
CC by 4.0 - Fabian Kurz
Ins Leben gerufen wurden die Big-Brother-Awards 1998 von der britischen Menschenrechtsorganisation „Privacy International“. Der Name der Auszeichnung ist eine Anspielung auf die Figur des Großen Bruders in George Orwells Roman „1984“. Mittlerweile wird der Preis in 19 Ländern verliehen. In Deutschland steht der Verein „digitalcourage“ hinter der Verleihung, die gestern Abend in Bielefeld stattgefunden hat.

Zu den Preisträgern gehörten in Deutschland zum Beispiel schon Ex-Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) für ihr Festhalten am großen Lauschangriff, Ex-Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) für „Ausbau des deutschen und europäischen Überwachungssystems unter Vorwand von Sicherheit und Terrorbekämpfung“. Facebook wurde für die Ausforschung von Menschen und deren persönlichen Beziehungen ausgezeichnet, Apple für „zweifelhafte Datenschutzrichtlinien. Natürlich haben die Ausgezeichneten selten Lust, den Preis entgegen zu nehmen.
 
Im vergangenen Jahr wurde zum ersten Mal ein Positivpreis verliehen. Er ging an Edward Snowden, der durch seine Enthüllungen die globale Überwachungs- und Spionageaffäre aufgedeckt hatte – und sich seitdem in Russland versteckt hält.
 

Preisträger 2015

 

KATEGORIE BEHÖRDEN/VERWALTUNG

PREISTRÄGER: BUNDESNACHRICHTENDIENST (BND)

„Der deutsche Auslandsgeheimdienst erhält den Negativpreis für eine ganze Palette von Skandalen sowie Datenschutz- und Bürgerrechtsverstößen“, betonte Laudator, Rechtsanwalt und Publizist Rolf Gössner. Unter anderem sammle der BND täglich mehr als 220 Millionen Telekommunikationsdatensätze. Der Dienst werte diese Daten aus und übermittle Millionen Datensätze an ausländische Partnerdienste, wie die US-amerikanische NSA.
 

KATEGORIE VERBRAUCHERSCHUTZ

PREISTRÄGER: BUNDESMINISTERIUM FÜR GESUNDHEIT, MINISTER HERMANN GRÖHE

Das Bundesministerium für Gesundheit wurde für seine eHealth-Projekte ausgezeichnet. Die Laudatio hielt der Netzaktivist und Künstler padeluun. Er betonte: „Nicht Diagnostik und Heilbehandlung, also Ausbildung der Ärzte, Zeit für Gespräche mit dem Arzt oder bessere Personalausstattung in Kliniken, werden gestärkt, sondern die Lobbyisten haben gewonnen, die Signaturen, Chip-Karten und technische Infrastruktur verkaufen wollen. Das nenne ich Förderung der Finanzwirtschaft auf Kosten aller Versicherten.“
 

KATEGORIE POLITIK

PREISTRÄGER: BUNDESINNENMINISTER THOMAS DE MAIZIÉRE (CDU) UND EX-BUNDESINNENMINISTER HANS-PETER FRIEDRICH (CSU)

Die beiden Minister wurden für ihr Agieren im Prozess zur Schaffung der neuen europäischen Datenschutzgrundverordnung ausgezeichnet. „Wenn unsere Vertreter ihre Positionen nicht mehr an dem Willen der Menschen sondern an Lobbyinteressen orientieren, und wenn der Öffentlichkeit gleichzeitig dreist zugerufen wird, dass das ,hohe deutsche Datenschutzniveau' nach Brüssel getragen werden soll, dann kann ich den Ministern nur zum Award gratulieren“, sagte Laudator Max Schrems.
 

KATEGORIE NEUSPRECH-AWARD

PREISTRÄGER: DIGITALE SPURENSICHERUNG

Bedacht wurde auch ein Ausdruck: „Digitale Spurensicherung“. Das sei eine von vielen Wortneuschöpfungen, mit denen die anlasslose Sammlung aller Kommunikationsdaten verschleiert werden sollte, heißt es in der Begründung. „Es geht darum, die kommunikativen Fingerabdrücke aller Deutschen anlasslos zu speichern“, sagte Laudator Kai Biermann. „Es geht also weiterhin um einen Generalverdacht, es geht darum, dass es bei dieser Idee keine Unschuldigen mehr gibt und darum, dass damit gleich mehrere Grundrechte verletzt werden.“
 

KATEGORIE TECHNIK

PREISTRÄGER: MATTEL UND TOYTALK

Der Big-Brother-Award in der Kategorie Technik geht an die beiden US-amerikanischen Unternehmen Mattel und Toytalk. Zusammen haben sie in den USA die Puppe „Hello Barbie“ auf den Markt gebracht. Dieses Spielzeug ist mit einem Mikrofon und WLAN-Antennen ausgestattet. So wird aufgezeichnet, was Kinder im Kinderzimmer sprechen. Die Aufnahmen werden dann auf die Server von Toytalk geschickt, wo sie gespeichert und automatisch ausgewertet werden. „Hello Barbie“ bringe eine „datenschutzrechtlich äußerst fragwürdige Technik ohne erkennbaren sinnvollen Anwendungszweck“ direkt in die Kinderzimmer, sagte Laudator Linus Neumann, ein Sprecher des Chaos Computer Clubs.
 

KATEGORIE WIRTSCHAFT

PREISTRÄGER: AMAZON MECHANICAL TURK UND ELANCE-oDESK

Zwei Preisträger gibt es in der Kategorie Wirtschaft. Mechanical Turk von Amazon ist eine Plattform, auf der Kunden Aufgaben ausschreiben können, die nicht von Computern durchgeführt werden können, wie zum Beispiel Fotos bewerten oder Übersetzungen schreiben. Menschen am anderen Ende der Leitung setzen die Aufgaben um – Amazon kassiert zehn Prozent. Elance-oDesk ist eine Plattform, auf der Aufträge für Texter, Grafiker oder Webseitenprogrammierer vergeben werden. Die müssen ein Programm auf ihrem Rechner installieren, das Tastenanschläge und Mausbewegungen registriert und Bildschirmfotos an den Auftraggeber schickt. „Job-Häppchen ohne Mindestlohn, ohne Krankenversicherung, ohne Urlaubsanspruch werden als Freiheit und flache Hierarchien verkauft“, begründet digitalcourage die Auszeichnung.
 

KATEGORIE ARBEITSWELT

PREISTRÄGER: AMAZON LOGISTIK GMBH BAD HERSFELD UND AMAZON KOBLENZ GMBH

Die Amazon-Töchter wurden ausgezeichnet, da sie von ihren Beschäftigen verlangen, zuzustimmen, dass ihre persönliche Daten in den USA verarbeitet werden. Zudem behalte sich Amazon das Recht vor, den Gesundheitszustand seiner Angestellten jederzeit feststellen zu lassen, von Ärzten des Unternehmens. „Für ein solches Verlangen gibt es im Arbeitsrecht keine Grundlage“, betont Laudator Peter Wedde, Professor für Arbeitsrecht. „Es verletzt massiv die Persönlichkeitsrechte.“ Den deutschen Amazon-Töchtern könne man nur raten, die bisher verwendeten Einwilligungserklärungen zu vergessen und die Verarbeitung und Nutzung von Beschäftigtendaten in den USA zu stoppen.
 
tow
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