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Das Martyrium des Alexander Probst

erstellt am 18.03.2010 um 20:11 Uhr
aktualisiert am 20.04.2017 um 10:23 Uhr | x gelesen
Dietfurt/Regensburg (DK) Punkt 20 Uhr hatte das Licht im Schlafraum zu erlöschen. Spätestens dann saß der Präfekt S. am Bett des Internats-Schülers Alexander Probst. Er fragte, wie es dem Buben geht, wie es in der Schule läuft. "Und während des Gesprächs wanderte seine Hand immer unter meine Bettdecke und in meinen Schlafanzug. Er rieb dann solange an mir, bis ich einen erigierten Penis hatte."
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"Sowas sollen meine Kinder nicht durchleiden": Alexander Probst wurde bei den Regensburger Domspatzen sexuell missbraucht und verprügelt, wie er berichtet. Das Bild zeigt ihn 1971 als Elfjährigen im Anzug des weltbekannten Ensembles – in diesem Jahr wurde er von einem Präfekten immer wieder unzüchtig berührt. Der Geistliche wurde dieser Tage von allen priesterlichen Diensten entbunden. - Foto: oh
Heute ist Probst 49 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Er lebt seit zwölf Jahren in Dietfurt, wo er seit neun Jahren eine Hundeschule betreibt. Was er als Bub von 1968 bis 1971 bei den Regensburger Domspatzen erlebt hat, wird er nie vergessen. Er hat jahrelang geschwiegen. Er wollte nicht darüber reden, wie er von dem Präfekten regelmäßig befummelt und für dessen Lust missbraucht wurde. Und er hat keinem erzählt, dass er vom Domkapellmeister Georg Ratzinger immer wieder "verprügelt" wurde. "Ein cholerischer Sadist", sagt er heute über den Bruder von Papst Benedikt XVI.

"Die ganzen Erlebnisse sind erst hochgekommen, als ich 1983 mein erstes Kind bekam", sagt Probst. "Da hab ich mir immer gedacht: Sowas sollen meine Kinder nicht durchleiden." Seither will er über alles reden. "Ich erzähle jedem, den es interessiert, wie es bei den Domspatzen zugegangen ist." Dieser Tage, da täglich neue Missbrauchs- und Gewaltfälle aus der katholischen Kirche bekannt werden, bekommen seine Aussagen ein besonderes Gewicht. Probst will Gerechtigkeit und steht zu dem, was er sagt. Per eidesstattlicher Erklärung versichert er, dass alles, was er berichtet, sich so zugetragen hat, genau so von ihm erlebt und durchlitten wurde.

Als Achtjähriger kam Probst 1968 in die dritte Klasse der Domspatzen-Vorschule in Etterzhausen. "Ich hatte ein schönes Stimmchen und meine Eltern wollten, dass ich singe und eine gute Ausbildung bekomme." Doch was der Bub erlebte, war "der blanke Horror". Prügel, sagt Probst, "gehörten zum Schulalltag".

Doch damit nicht genug: "Im Zimmer des Präfekten musste man sich bis auf die Unterhose ausziehen. Er hat uns dann übers Knie oder den Stuhl gelegt und mit dem Geigenbogen das blanke Hinterteil verhauen. Es ging um Macht und diese Macht hat aus meiner heutigen Sicht auch eine sexuelle Komponente gehabt."

Als Probst nach der vierten Klasse nach Regensburg kam, ins Internat der weltbekannten Domspatzen, hoffte er auf Besserung. Keine Schläge mehr, keine Erniedrigungen. Doch es sollte noch viel schlimmer kommen.

Georg Ratzinger war zu dieser Zeit der Chef der Domspatzen. "Wir waren seiner Macht ausgeliefert. Der ist regelrecht explodiert und hat uns vermöbelt", so Probst. Wer in den Gesangsproben in den Probenräumen des altehrwürdigen Doms falsch gesungen oder auch nur kurz mit einem Kameraden geflüstert habe, sei mit Ohrfeigen bestraft worden.

Georg Ratzinger selbst hat nach Agenturberichten bereits eingeräumt, bis zum Ende der 1970er Jahre in den Chorproben hin und wieder Ohrfeigen verteilt zu haben. Doch habe er nie jemanden "grün und blau" geschlagen, erklärte er. Außerdem seien früher Ohrfeigen "einfach die Reaktionsweise auf Verfehlungen oder bewusste Leistungsverweigerung" gewesen, teilte er mit.

Von wegen "hin und wieder Ohrfeigen", sagt Probst. "Das war an der Tagesordnung. Mich hat er einmal an den Haaren gepackt und so lange geohrfeigt, bis das Büschel Haare ausgerissen ist." Alle Schüler, erzählt Probst, hatten Angst vor dem Domkapellmeister. "Wir hatten regelrechte Wachposten. Und wenn Ratzinger nahte, dann hat jeder geschaut, dass er wegkommt."

Aber nicht nur geschlagen wurde Alexander Probst im Regensburger Internat. An Fasching 1971 sei er – zuvor immer wieder verprügelt und eingeschüchtert – mit ein paar älteren Schülern vom besagten Präfekten S. auf dessen Zimmer eingeladen worden. Präfekt S. war als studentische Hilfskraft mit für die Erziehung der Knaben verantwortlich. Er arbeitete nach Angaben der Diözese von 1970 bis 1972 im Internat der Domspatzen; 1978 wurde er zum Priester geweiht. "In seinem Privatraum lagen dann Sexheftchen auf dem Tisch, er zeigte uns Sexfilme und wir durften Bier trinken und rauchen", berichtet Probst. Aber das war erst der Anfang.

"Der Präfekt hat uns in den Arm genommen und uns an den Schenkeln gestreichelt", erzählt Probst. Für ihn sei das anfangs noch angenehm gewesen; schließlich hatte er seine Eltern so lange nicht gesehen und sei ja sonst nur geschlagen worden. "Ich hab mir am Anfang wirklich gedacht: So lang er dich streichelt, wirst du von ihm wenigstens nicht wieder geschlagen." Den Buben habe der Präfekt indes klar gemacht, dass sie "zu einem ganz speziellen Zirkel" gehören, "weshalb wir niemandem davon erzählten".

Sechs, sieben Mal sei es zu solchen Treffen im Zimmer des Präfekten gekommen. Heute weiß Probst: "Er wollte testen, wie weit wir sind und mit wem er was machen kann." Einige Monate später hätten dann die Besuche des Präfekten am Bett des Buben begonnen, bei denen der Geistliche dem Internats-Schüler immer wieder an den Penis fasste.

"Anfangs war es sogar ein schönes Gefühl, dass er sich zu mir ans Bett setzte, um sich mit mir zu unterhalten", erinnert sich Probst. "Aber bald dachte ich mir, dass ich das nicht will. Doch ich kam aus der Sache nicht mehr raus, denn ich hatte ja Angst vor dem Präfekten. Es ging wochenlang weiter."

In seiner Verzweiflung habe Probst sogar versucht, krank zu werden, um für ein paar Tage im Krankenhaus den sexuellen Übergriffen zu entgehen. "Bei offenem Fenster hab ich mir kaltes Wasser auf die Brust geschüttet, um mich zu erkälten." Erst kurz vor Schuljahresende vertraute sich der Bub seinem Vater an. "Er hat mir gottseidank sofort geglaubt und mich umgehend vom Internat genommen."

Damit war das Martyrium von Alexander Probst zu Ende. Doch folgenlos blieb es nicht. "Ich habe einen abgrundtiefen Hass gegen die Institution der Regensburger Domspatzen", sagt er. Auch deshalb sucht er jetzt die Öffentlichkeit. Das sei ein kleines Stückchen Genugtuung; nach dem Motto: "Ich zahle es euch heim, weil immer mehr Menschen davon erfahren, was ihr für Schweine gewesen seid."

Seit den Schlägen und sexuellen Übergriffen trägt Probst "großes Misstrauen" mit sich herum. "Es ist ein ekliges Gefühl in mir, dass ich immer zweifle und mich frage: Will mir ein Mensch wirklich etwas Gutes oder nicht" Außerdem hat Probst seither eine "riesige Abneigung gegen Autoritäten". Er könne nirgendwo arbeiten, wo er sich jemandem unterordnen müsse. Auch deswegen ist er seit 18 Jahren selbstständig, sein eigener Chef.

In die Kirche geht Probst längst nicht mehr. "Ich kann es nicht ertragen, wenn diese Pfarrer da vorne stehen und uns was erzählen wollen." Sein Glaube an Gott sei von den Erlebnissen bei den Domspatzen aber unberührt; er sei auch nicht aus der katholischen Kirche ausgetreten. "Diese Geistlichen haben den Glauben und die Kirche missbraucht."

Alexander Probst empfindet "Ekel", wenn er an den Präfekten S. denkt. "Eine Entschuldigung wäre eine kleine Genugtuung", sagt er. "Aber er kann sich wahrscheinlich sowieso nicht mehr an mich erinnern. Es gab doch so viele Jungs."

Die Katholische Kirche hat inzwischen auch auf die Aussagen von Alexander Probst reagiert. Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke hat den einstigen Präfekten S., der inzwischen als Pfarrer in Dietenhofen-Großhabersdorf (Kreis Ansbach) arbeitete, mit sofortiger Wirkung von seinen seelsorglichen Aufgaben entbunden, wie mitgeteilt wurde.

Damit wurde laut Erklärung des Bistums Regensburg auf Anschuldigungen sexuellen Missbrauchs eines Minderjährigen reagiert, die S. in seiner Zeit als studentische Hilfskraft im Internat der Regensburger Domspatzen im Schuljahr 1971/72 angelastet werden. Der Geistliche selbst räumte, so heißt es weiter, bereits "Verfehlungen während seiner Tätigkeit in Regensburg ein und bat die Eichstätter Bistumsleitung, seinen sofortigen Verzicht auf die Pfarrei Dietenhofen-Großhabersdorf anzunehmen und ihn von der Ausübung aller priesterlichen Dienste zu entbinden".

Die Diözese Regensburg, die sich "erschüttert über die erst jetzt bekannt gewordenen Vorkommnisse" zeigt und diese "zutiefst bedauert", überprüft derzeit nach eigenen Angaben Hinweise zu den von Probst geschilderten Fällen aus dem Jahr 1971 und hat auch die Staatsanwaltschaft informiert.

Außerdem bittet die Diözese weitere Betroffene, sich bei der Kriminalpolizei Regensburg zu melden, "um eine lückenlose Aufklärung aller Geschehnisse zu ermöglichen". Gleichzeitig bittet sie darum, dass mögliche Betroffene den Kontakt zur Diözesanbeauftragten für sexuellen Missbrauch unter der Telefonnummer (0 94 41) 6 75 90 suchen, "um erlittenes Leid aufarbeiten zu können", wie es in der Erklärung heißt.


Von Tobias Zell
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