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Das Leben danach

erstellt am 19.09.2014 um 20:40 Uhr
aktualisiert am 06.12.2018 um 12:23 Uhr | x gelesen
Was kommt nach der Politik? Bei den Wahlen in Bund und Land vor einem Jahr sind etliche Abgeordnete aus den Parlamenten ausgeschieden – einige freiwillig, andere wurden abgewählt. Wie haben sie den Einschnitt erlebt? Wie gehen sie mit dem Bedeutungsverlust um? Wir haben uns mit vier von ihnen getroffen.
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Agnes Krumwiede - 4 Jahre Abgeordnete

 
Agnes Krumwiede
Agnes Krumwiede
Limmer

Agnes Krumwiede (Grüne) erlebte im vergangenen Jahr zwei große Umbrüche. Der eine war die Bundestagswahl. Nach nur einer Legislaturperiode schied sie wieder aus dem Parlament aus. Noch stärker veränderte aber etwas anderes ihr Leben: Krumwiede wurde Mutter. Ihr Sohn Jonathan kam ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl zur Welt. Krumwiede sagt, am Morgen nach der Wahl habe sie den Kleinen in den Arm genommen und gesagt: „So, jetzt hast du deine Mama endlich ganz für dich.“

Es war aber nicht so, dass sie sich ihre Abwahl gewünscht hätte. „Die gesamte Grüne Partei hat die Bundestagswahl als extrem traumatisch empfunden“, sagt die 37-Jährige. Steuererhöhungen, „Veggie Day", Pädophiliedebatte: Mehrere für die Grünen unangenehme Themen verhagelten der Partei die Wahl. Dass es für sie nicht zum Wiedereinzug reichen würde, darauf habe sie sich schon vier Wochen vor der Wahl eingestellt, sagt die Ingolstädterin.

 

 

Ihr persönliches Trauma, nicht mehr zur Politik-Elite zu gehören, hielt sich offenbar in Grenzen. „Ich glaube, es ist mir gelungen, mir während der Zeit im Parlament zu sagen: Stopp, bleib’ auf dem Boden und bild’ dir nichts drauf ein“, sagt Krumwiede. Die studierte Pianistin gab wieder Klavierunterricht, spielte Konzerte, malte Bilder, sprach als Kulturexpertin auf Veranstaltungen – aber alles in Maßen. „Ich nehme mir die Zeit, mich wiederzufinden und zu sortieren“, sagt sie. Sie genieße es, Zeit mit ihrem Sohn zu verbringen. Wer Kinder hat, weiß, dass alleine das ein Vollzeitjob ist. Der Vater des Kindes, ein Grünen-Abgeordneter aus Sachsen, ist noch immer im Bundestag und dort stark eingespannt.

In diesem Monat kommt Jonathan in die Kinderkrippe. Dann hat Krumwiede wieder mehr Zeit fürs Berufliche. Sie will wieder mehr Klavierunterricht in Ingolstadt geben. „Es ist ein großes Vergnügen, einem Kind das Klavierspielen beizubringen“, sagt sie. Da sehe man den unmittelbaren Erfolg. Anders als häufig in der Politik. „Da arbeitet man und reibt sich auf, aber was bleibt davon übrig?“ Unpolitisch ist sie aber nicht geworden. „Eine Grüne bin ich nach wie vor mit Leib und Seele“, sagt sie. Ob sie aber irgendwann wieder für ein Parlament kandidieren wird, weiß sie noch nicht: „Es ist zu früh, um darüber zu sprechen.“

Eduard Oswald - 35 Jahre Abgeordneter

 

Eduard Oswald (CSU) beendete seine politische Karriere auf dem Höhepunkt: Bereits ein Jahr vor der Bundestagswahl 2013 erklärte der Dinkelscherbener als damals amtierender Bundestagsvizepräsident, nicht mehr kandidieren zu wollen. Eine Entscheidung, die der inzwischen 67-Jährige bis heute nicht bereut hat.

Dabei sei der Einstieg ins Leben ohne die „Droge“ Politik am Anfang schwerer gewesen, „als ich geglaubt habe“, sagt Oswald. Ja, man müsse regelrecht daran arbeiten, zu wissen, nicht mehr im Amt zu sein, räumt er ein. Jahrzehntelang hatte er herausragende Funktionen. 1978 zog der Familienmensch als 31-Jähriger in den Landtag ein, 1987 dann in den Bundestag. Sechs Jahre war er Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, gehörte zum engsten Führungszirkel im Regierungslager. Unter Helmut Kohl war er der bisher letzte Bundesbauminister. Und jeweils zeitweise führte die Ausschüsse für Verkehr, Finanzen und Wirtschaft. Seit 2011 war er Bundestagsvizepräsident.

 

 

Hätte er gewollt, so wäre seine Wiederwahl im schwäbischen Wahlkreis Augsburg-Land, zu dem auch der Landkreis Aichach-Friedberg gehört, eine reine Formsache gewesen. Doch nach einer schweren Krankheit war er nachdenklicher geworden und bereitete seinen Ausstieg vor. Eine große Urlaubsreise hat es im zurückliegenden Jahr übrigens nicht gegeben. „Ich wollte mal richtig zu Hause sein, das Daheimsein genießen“, berichtet der leidenschaftliche Wanderer. Er könne nun sogar die Spülmaschine ausräumen und wisse ohne Hilfe seiner Frau, „wo die Dinge hingehören“. Er sei froh, dass er den Tag nicht mehr jeden Morgen um 6 Uhr mit dem Deutschlandfunk beginnen müsse, sagt Oswald. Informiert ist er trotzdem, der Pressespiegel gehört zum täglichen Programm. Nur in die Politik einmischen will er sich nicht mehr. Öffentliche Stellungnahmen zu aktuellen Themen lehnt er kategorisch ab.

Einladungen nimmt er aber durchaus noch an. Die ehemaligen, noch aktiven Kollegen hätten ihn nicht vergessen, sagt Oswald. Man kann ihn hin und wieder auf der Ehrentribüne des Deutschen Bundestags antreffen. Unten müssen aber jetzt andere die Fäden ziehen. Manchmal, sagt Oswald, überkomme ihn aber tatsächlich ein schlechtes Gewissen: „Wenn ich da sitze und nichts tue.“

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger - 23 Jahre Abgeordnete


Die Gesichtszüge wie eingefroren, die Hand mit dem Blumenstrauß hing nach unten – kaum jemandem in der FDP sah man am Abend des 22. September 2013 den Schock so an wie Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: Zum ersten Mal seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 waren die Liberalen aus dem Bundestag ausgeschieden. Und mit ihnen auch die damalige Bundesjustizministerin. „Ich war so getroffen und so berührt, dass ich mir sozusagen eine Maske aufgesetzt habe“, sagt sie heute.

Dass sie auf den Einschnitt nicht vorbereitet war, darum redet sie nicht lange herum. Vieles habe sich ganz plötzlich verändert. 23 Jahre lang war sie Bundestagsabgeordnete gewesen, acht Jahre davon auch Justizministerin. In den Monaten nach der Wahl räumte sie als Erstes ihre Berliner Wohnung, löste ihr Abgeordnetenbüro auf, machte etwas später ihr Ministerinnenbüro frei.

 

 

Eine neue Aufgabe kam dann recht schnell. Im Januar diesen Jahres nominierte sie die Bundesregierung für das Amt der Generalsekretärin des Europarats. Den Posten hätte sie gerne gehabt. Die Institution kümmert sich um Menschenrechte und rechtsstaatliche Kontrolle – dafür stand sie schon als Justizministerin. Monatelang machte sie Wahlkampf. Im Juli kandidierte sie gegen den Amtsinhaber, den Norweger Thorbjorn Jagland – und unterlag.

Dass das hochrangige Amt endgültig außer Sicht geriet, war für sie nicht einfach. „Ich vermisse, dass ich nicht zu ganz aktuellen Themen eine Plattform habe, wo ich Alternativvorschläge machen kann“, sagt sie. Andererseits: Plötzlichen Bedeutungsverlust hatte sie schon einmal verkraften müssen: 1996, als sie wegen ihres Protests gegen den von der Bundesregierung geplanten Großen Lauschangriff als Ministerin zurückgetreten war. Und Zukunftssorgen braucht sich die 63-Jährige nicht zu machen – schon gar nicht finanziell, nach dieser langen Zeit in höchsten öffentlichen Ämtern.

Zur Ruhe setzt sich eine wie sie aber nicht. Da kann ihr Haus in Feldafing am Starnberger See noch so schön gelegen sein. Vor allem ihre großen Themen Bürgerrechte, Datenschutz und Privatsphäre treiben sie weiter um. Sie veröffentlicht Fachaufsätze, hält Vorträge. Derzeit berät sie den Internetkonzern Google in einem Beirat. Der Konzern muss nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshof die Privatsphäre der Bürger besser schützen. Dabei ist sie natürlich gern behilflich.

Achim Werner - 15 Jahre Abgeordneter

 
Ingolstadt: Zwischen Politik und Autoindustrie
Achim Werner

Als klar war, dass es mit der Berufspolitik vorbei ist, ging Achim Werner (SPD) als Erstes zu seinem alten Arbeitgeber: Grüß Gott, ich bin wieder da. Nach 15 Jahren war er aus dem Landtag ausgeschieden. Abgewählt. Beruflich landete Achim Werner allerdings eher weich. Der Vertrag mit Audi ruhte nur für die Zeit, die er im Parlament saß. Nun kehrte er zurück.

Ganz leicht fiel ihm das Ausscheiden aus der Berufspolitik nicht. „Freilich ist man da enttäuscht“, sagt Werner. „Ich habe die Arbeit ja wirklich gerne gemacht.“ Als Chef des Petitionsausschusses war er jahrelang sehr dicht dran an dem, was die Bürger so beschäftigt. Eine Zeit lang überlegte er noch: Was hätte ich anders, was noch mehr machen können? Ihm sei nichts eingefallen, sagt Werner. Dass er nicht mehr genügend Stimmen bekam, hatte vor allem mit der Umstrukturierung der Stimmkreise zu tun. Weil der Landkreis Neuburg aus dem Ingolstädter Wahlgebiet wegfiel, fehlten ihm plötzlich etliche potenzielle Wähler. Also versuchte er, die Sache abzuhaken. „Es ist vorbei, der Wähler hat es so entschieden.“ Mit seinen 61 Jahren wollte er noch einmal voll bei Audi einsteigen.

 

 

Dort fand man nach ein paar Wochen eine neue Aufgabe für ihn. Politikbeauftragter für Bayern und Baden-Württemberg, lautet sein Titel. Er soll Kontakt zu Parlamenten und Landesregierungen in den beiden Ländern halten. In manchen Fragen hat er heute wahrscheinlich mehr Einfluss auf die bayerischen Minister als in seiner Zeit als Landtagsabgeordneter. Die neue Aufgabe mache ihn sehr zufrieden, sagt er. „Trübsal blasen, das gilt bei mir nicht.“ Und er hat ja immer noch die Kommunalpolitik. Im Ingolstädter Stadtrat ist er noch immer SPD-Fraktionschef. Im Hauptberuf arbeitet er jetzt aber eher im Hintergrund, tritt kaum noch öffentlich auf. Ihm fehle die öffentliche Bühne nicht, sagt er.

Ein bisschen nachdenklich hat ihn seine Abwahl aber schon gemacht. „Es war für mich ein Fingerzeig“, sagt er. „In der Politik tut man gut daran, sich klarzumachen, dass man das nur auf Zeit macht.“ Man sollte nicht alles auf die eine Karte setzen, auch einen Plan B für sein Leben haben. „Das ist mir da auf einen Schlag noch viel klarer geworden“, sagt Werner. Er will das durchaus auch als Ratschlag an alle verstanden wissen, die derzeit in Parlamenten sitzen: „Es muss jeder Politiker damit rechnen, dass der Wähler dann auch irgendwann mal sagt: Jetzt reicht’s.“

Til Huber und Robert Eder
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