Medien zugänglicher machen
Milan Skusa über Leichte Sprache, Teilhabe und die Chancen durch KI

13.04.2024 | Stand 19.06.2024, 15:58 Uhr

Laut Milan Skusa könnten Menschen mit eingeschränkten Lese- und Schreibfähigkeiten stark von neuen Technologien profitieren. Bis entsprechende Tools aber zum Einsatz kommen, ist es ein langer Weg. Denn die Herausforderungen beginnen bereits beim Training. Foto: privat

Die Mediennutzung stellt Menschen, die nicht ausreichend lesen und schreiben können, vor Probleme. Mehr als jeder Zehnte ist laut der 2018 an der Universität Hamburg durchgeführten LEO-Studie betroffen. Milan Skusa forscht in seiner Doktorarbeit an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt dazu, wie der Einsatz von KI diesen Menschen das Leben erleichtern kann.

Themen wie Barrierefreiheit und Teilhabe spielen in unserer Gesellschaft eine immer größere Rolle. Wie schaut es mit der Barrierefreiheit journalistischer Angebote aus?


Milan Skusa: Wenn man an Barrierefreiheit von Medienangeboten denkt, fallen vielen zunächst wahrscheinlich Untertitel für Videos oder veränderbare Schriftgrößen für Texte ein. Beides ist schon weit verbreitet. Die Frage, ob auch jeder die Inhalte verstehen kann, bleibt dagegen häufig außen vor.

Gemäß der LEO-Studie von 2018 können zwölf Prozent der Menschen in Deutschland nicht ausreichend lesen und schreiben und gelten als gering literalisiert. Die Gründe dafür sind vielfältig: Krankheit, Behinderung oder Schul- und Lernprobleme. Ebenso betroffen sind Menschen, die Deutsch als Fremdsprache erlernen.

Welche Medienangebote gibt es für diese Menschen?


Skusa: Bislang gibt es da sehr wenig. Ein Vorreiter auf dem Gebiet ist der Deutschlandfunk, der unter „nachrichtenleicht“ Artikel und Podcasts in Einfacher Sprache anbietet. Auch andere Medienhäuser und Zeitungen versuchen immer wieder, Nachrichten in Leichter Sprache herauszugeben.

Die Angebote werden aber meist nach der Projektphase oder aufgrund fehlender Ressourcen eingestellt. Viele der Menschen weichen deshalb auf Kindernachrichten aus. Politik- oder Wirtschaftsthemen werden dort oft aber nur angeschnitten.

Inwiefern kann KI Angebote in Leichter Sprache ermöglichen?


Skusa: Es gibt eine ganze Reihe von Start-ups, die aktuell mit Sprachmodellen experimentieren. Im Grunde kann man es sich vorstellen wie Google Translate. Nur, dass der Text nicht in eine andere Sprache übersetzt, sondern in leicht verständliche Sprache umgeschrieben wird: kurze Sätze, keine Fremdwörter, überschaubarer Umfang.

Wo liegen die Herausforderungen?


Skusa: Es ist nicht damit getan, dass eine KI einen journalistischen Text auf wenige Hauptsätze zusammenkürzt. Stattdessen geht es darum, den gesamten Text einfach und verständlich aufzubauen, auch mal Teile wegzulassen, die zu sehr in die Tiefen gehen, und zusätzliche Erklärungen für Fachbegriffe und Abkürzungen zu ergänzen. Darauf müssen die Sprachmodelle erst trainiert werden – was eine große Herausforderung darstellt.

Das Forum Lokaljournalismus 2024 im Blog der drehscheibe lesen Sie hier.

Inwiefern?


Skusa: Für das Deutsche gibt es unglaublich viel Trainingsmaterial in Datenbanken. Beim Trainingsmaterial in Leichter Sprache sieht das dagegen anders aus. Wenn ich aber nur Texte von niedriger Qualität in die KI gebe, sind dementsprechend auch die Ergebnisse von niedriger Qualität.

Angenommen die Sprachmodelle sind einsatzfähig: Wie können sie das Angebot von Nachrichtenseiten ergänzen?


Skusa: Die Idealvorstellung ist natürlich, dass ich direkt beim Artikel einen Link habe, der mich zu einer Version in Leichter Sprache führt – oder vielleicht sogar zu zwei oder drei verschiedenen Versionen. Dass sozusagen mehrere, unterschiedlich komplexe Versionen eines Textes existieren.

Nutzerinnen und Nutzer können sich dann entsprechend ihrer Bedürfnisse für eine Variante entscheiden. So könnten Medienangebote deutlich zugänglicher werden. Ob so etwas in der Art einmal umgesetzt wird, oder ob es bei separaten Angeboten in Form von Übersetzungs-Tools bleibt, wird sich zeigen.