„Wuchtiger Vorschlag“

Diesen Winter keine Schneekanonen in Bayern? Aiwanger kontert Deutsche Umwelthilfe

10.09.2022 | Stand 11.09.2022, 11:56 Uhr
Jonas Raab

Naturschützer fordern das Aus von Schneekanonen in Bayern. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger hält das für „Unsinn“. −Fotos: Peter Kneffel/Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Von Jonas Raab

Sascha Müller-Kraenner, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, hält den Weiterbetrieb des Atomkraftwerks Isar 2 für nicht tragbar, solange Strom für Schneekanonen „verplempert“ werde. Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger will das nicht unkommentiert lassen.



Kann Bayern es sich in Zeiten der Energiekrise noch leisten, seine grüne Berge für Skifahrer künstlich zu zuckern? Nein, meint Sascha Müller-Kraenner, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH) – und klinkt sich mit einem Schneekanonen-Tweet auf Umwegen in die Debatte um eine mögliche Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke ein. „Solange in Bayern noch Strom für den Betrieb von naturzerstörenden Schneekanonen verplempert wird, verbietet sich jeder Gedanke daran, das unsichere AKW Isar2 aus der Reserve zu holen“, twitterte der Diplombiologe am Freitag.



Schneekanonen seien ein „naturzerstörender ökologischer Wahnsinn“, schrieb Müller-Kraenner weiter. „Wo es nicht genug schneit, sollte man einfach nicht Skifahren. Punkt.“ Es dauerte nicht lange, bis sich in der Kommentarspalte eine emotionale Diskussion entwickelte; auch Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) schaltete sich ein.

„Hellau“: Hubert Aiwanger amüsiert sich über Tweet

Die Brücke zur Schneekanone schlug Aiwanger über einen Seitenhieb in Richtung Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne). Die hatte vergangenes Jahr in der Polit-Talkshow „Maischberger“ vorgeschlagen, Hühnchen nicht mehr bei minus 22 Grad, sondern bei minus 20 Grad zu kühlen. So könne man „an der Grundlast das Netz stabilisieren“, erkläre die damalige Kanzlerkandidatin und wurde dafür in den sozialen Medien teils heftig verspottet. Nun griff Aiwanger Baerbocks Stromspar-Vorschlag erneut auf. In Richtung Müller-Kraenner schrieb er: „Wie sagte schon Frau Baerbock: Wenn wir die Hähnchen nicht mehr so fest kühlen, dann … Und Sie kommen mit dem nächsten wuchtigen Vorschlag: ohne Schneekanonen brauchen wir kein Kernkraftwerk. Hellau“, spottete Aiwanger, der sich seit geraumer Zeit vehement für längere AKW-Laufzeiten einsetzt.

Müller-Kraenner wollte Aiwangers Spott nicht unkommentiert lassen. Er habe immer gedacht, die Freien Wähler seien neben der CSU die Stimme der praktischen Vernunft, antwortete er. „Sollte ich mich getäuscht haben?“, wollte der DUH-Geschäftsführer vom Wirtschaftsminister wissen. Aiwangers Konter: „Wir sind die praktische Vernunft.“ Müller-Kraenner würde hingegen unvernünftig argumentieren, wenn er Schneekanonenbetrieb und Laufzeitdebatte gegeneinander abwägen würde, so der Minister sinngemäß. Und weiter: „Das ist Unsinn. Auch ohne Schneekanonen haben wir große Stromlücken. Mit AKW deutlich weniger.“

Bund Naturschutz fordert Schneekanonen-Verbot

Es ist nicht das erste Mal, dass Naturschützer Schneekanonen kritisieren. Dem Bund Naturschutz (BN) ist der Skizirkus auf Bayerns Bergen seit jeher ein Dorn im Auge. Mitte August forderte der BN-Vorsitzende Richard Merger im „Stern“ die Staatsregierung dazu auf, sich beim Energiesparen „nicht weiter wegzuducken“. Ein Verzicht auf Beschneiung könne in einem Winter 12 Millionen Kilowattstunden Strom und Millionen Liter Wasser sparen, erklärte er. „Die Zeit ist nun mehr als reif, hier Einschnitte zu machen.“ Skigebiete müssten sich durch den Klimawandel sowieso umstellen, argumentierte der BN-Chef.

Der Verband Deutscher Seilbahnen und Schlepplifte (VDS) hält Mergers Zahlen entgegen, dass die Beschneiung in Bayerns Skigebieten lediglich einen Anteil von 0,002 Prozent des gesamtdeutschen Stromverbrauchs ausmache. Der Energiebedarf für einen Gast an einem Skitag liegt laut VDS-Vizepräsident Peter Lorenz bei 16 Kilowattstunden. Genauso viel Energie benötigte ein Mittelklasse-Pkw für eine Strecke von 22 Kilometern. Trotzdem würden aufgrund der Energiekrise „alle Bereiche des Seilbahnbetriebs auf den Prüfstand gestellt“, teilte Lorenz mit. Geplant sei eine Reduzierung der Seilbahngeschwindigkeit, das Abschalten der Sitzheizungen und Einschränkungen bei der Beleuchtung und Innenraumtemperaturen.